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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Deutsche Skicrosser in Westafrika Der Gipfel von Togo

 ·  Ennio Herrgen und Steve Grundmann sind zwei deutsche Hobby-Skifahrer. Zwei, die von den olympischen Winterspielen träumen. Zwei, die diesen Traum wahr werden lassen wollen - indem sie im Skicross für das westafrikanische Land Togo starten möchten.

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© dpa Zwei deutsche Wintersportler für Togo: Ennio Herrgen (im Foto links) und Steve Ryan Grundmann

Was ein echter Wintersportler ist, den zieht es auf die Berge, und deshalb haben Ennio Herrgen und Steve Grundmann die höchste Erhebung ihrer neuen zweiten Heimat schon bezwungen. Der Mont Agou, 986 Meter hoch, ist der Gipfel von Togo. Schnee liegt hier allerdings nie. Der Hügel erhebt sich aus dem Dschungel heraus, und an Wintersport denkt in Westafrika sowieso kein Mensch. Doch das soll sich in Zukunft ändern. Hoffen zumindest zwei Wiesbadener Hobbyskifahrer, die sich in die Köpfe gesetzt haben, bei den Olympischen Spielen 2014 zu starten. Und zwar im Skicross.

Und warum nicht für Togo? Am Anfang stand eine lange Fahrt im Schlepplift, und die Frage lag in der Bergluft, wie weit man es mit dem eigenen skifahrerischen Können wohl bringen könnte? Ennio Herrgen und Steve Grundmann, beide Jahrgang 1981, kennen sich seit Kindergartentagen. Ihre Eltern teilten sich einst in den Kitzbüheler Alpen eine Ferienwohnung, und so lange die beiden Kumpels denken können, fuhren sie gemeinsam in den Skiurlaub. Zwei leidlich gute Skifahrer, die als Flachlandtiroler den Traum von Olympia träumen - das gibt es immer mal. Herrgen und Grundmann beließen es aber nicht beim Träumen.

Sie machten sich an die Umsetzung - entwarfen Konzepte, bauten eine Homepage, leisteten Pressearbeit- und spannten dafür ihren kompletten Freundeskreis ein. Zum wichtigsten Mann in der Clique avancierte Roger Evenamede. Er stammt ursprünglich aus Togo, wohnt aber seit zwanzig Jahren in Wiesbaden - und ist nun Präsident des frisch gegründeten Skiverbandes von Togo. „Das ist keine Spaßaktion“, sagt Ennio Herrgen, und guckt ernst durch seine schicke Brille. Der 30-Jährige trägt die Haare aufwändig verstrubbelt und ein modisches Bärtchen. Er arbeitet als Immobilienkaufmann und bezeichnet sich als Sportfreak. Früher fuhr er Mountainbike-Rennen in einem Bundesligateam, bis heute trainiert er täglich - mit dem Rad, beim Joggen, im Fitnessstudio, oder auf Skiern, wann immer die Zeit es zulässt.

Sein Freund Steve ist näher dran an den Bergen. Grundmann wohnt in München, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der technischen Universität, und schreibt derzeit an seiner Doktorarbeit. Außerdem ist er Skilehrer. Ab kommenden Herbst bis zu den Winterspielen 2014 in Sotschi wollen sich beide nur noch dem Skifahren widmen, damit sie sich bei Olympia nicht blamieren. Einen Ausrüster haben sie schon, ein Fitnesscoach steht parat, und mit einem prominenten Trainer laufen die Verhandlungen. Fehlt nur noch ein Sponsor.

Wintersportbegeisterung nördlich des Äquators entfachen

Unter dem Arm schleppt Herrgen einen dicken Ordner mit Formularen, Korrespondenzen und Plänen mit sich herum. Rund 30.000 Euro habe das „Projekt Togo“ schon verschlungen, überschlägt er, doch es sei kein rausgeworfenes Geld, sondern nur die Anschubfinanzierung eines größeren Plans. Denn neben der Verwirklichung der eigenen olympischen Idee will das „Team Togo“ die interkulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Togo ausbauen, Entwicklungshilfe leisten und nachhaltig Wintersportbegeisterung in dem kleinen Land nördlich des Äquators entfachen.

Drei bis vier Reisen pro Jahr haben sie angesetzt, beim ersten „Staatsbesuch“ war die Wiesbadener Gruppe mit zwölf Leuten unterwegs. Togo hat sechs Millionen Einwohner, also in etwas so viele wie Hessen, ist aber dreimal so groß – was für afrikanische Verhältnisse klein ist. Der Küstenstreifen am Atlantik zwischen Ghana und Benin ist nur 56 Kilometer breit, hier liegt auch die Hauptstadt Lomé mit ihren 750.000 Einwohnern.

Von 1884 bis 1916 war Togo deutsche Kolonie, lag dann unter französischer Protektion und litt nach dem zweiten Weltkrieg unter der langen Herrschaft des Diktators Gnassingbé Eyadéma. Der demokratische Aufbau geht bis heute schleppend voran, auf dem Entwicklungsindex liegt das Land im unteren Bereich. Mit großen sportlichen Erfolgen hat Togo bislang auch nicht auf sich aufmerksam machen können. Einziger Medaillengewinner bei Olympischen Spielen war Benjamin Boukpeti, der 2008 im Kanu-Slalom Bronze gewann. Er lebt allerdings in Frankreich und kennt die Heimat seines Vaters nur von wenigen Urlauben. Bei Winterspielen war das Land ohne Schnee noch nie am Start.

Sie wollen Pioniere sein

Herrgen und Grundmann wollen Pioniere sein und haben die togolesische Staatsbürgerschaft beantragt, was kein Problem darstellte. Schwieriger wird es mit Beibehaltungsurkunde der deutschen, aber Wiesbadens Oberbürgermeister Helmut Müller hat schon Unterstützung für die doppelte Staatsbürgerschaft zugesichert. Einen Zweit-Wohnsitz in Lomé haben sie schon, die beglaubigte Urkunde liegt vor. Emmanuel Ramanou hat es möglich gemacht. Ramanou war früher Präsident des togolesischen Karateverbandes und ist jetzt Büroleiter des neuen Skiverbandes in Lomé. Er kennt sich aus und verschaffte Herrgen und Grundmann das Entrée bis hin zum Sportminister. „Wir wurden überall herzlich empfangen“, sagt Herrgen, man habe sich sofort wohl gefühlt.

Exoten des Wintersports: Athleten und Funktionäre des Olympischen Komitees Togos © dpa Exoten des Wintersports: Athleten und Funktionäre des Olympischen Komitees Togos

Größter sportpolitischer Erfolg war bislang die Anerkennung des Teams durch den Internationalen Skiverband (Fis) beim Kongress in Südkorea. Jetzt dürfen die Deutsch-Togolesen bei Fis-Rennen starten, was sie als Mitglieder der Skisparte von 1860 München machen werden. „Der Skifamilie tut es sicher gut, wenn sie internationaler wird“, sagte Ralf Eder, Pressesprecher des deutschen Skiverbandes. Gleichwohl befürchtet er: „Es wird schwer für die Jungs.“ Verbandsgründer Herrgen lässt sich davon nicht abschrecken. Bei der noch jungen Disziplin Skicross rasen vier Skifahrer gleichzeitig auf einem Kurs über Wellen, Kuppen und durch Kurven. „Im Kampf Mann gegen Mann zählt eher die Risikobereitschaft, weniger die Technik“, sagt Herrgen - und rechnet sich deshalb Chancen aus. Denn wer da gewinnen will, muss ein bisschen verrückt sein.

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Jahrgang 1969, Sportredakteur.

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