http://www.faz.net/-gtl-75xof
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 22.01.2013, 14:24 Uhr

Deutsche Radprofis über Armstrong „Nicht von sich auf andere schließen“

Nach und nach beziehen aktive deutsche Radprofis Stellung zu Armstrongs Dopingbeichte: Für Greipel war der Auftritt „nur eine Show“. Auf eine Trendwende hofft Kittel. Und Knees verweist auf einen Mentalitätswechsel im Peloton.

von Kevin Schrein
© picture alliance / dpa „Saubere Leistung“: Christian Knees über seinen 20. Platz bei der Tour de France 2009

„Ein weiterer Held meiner Jugend hat ausgepackt und, wie wir jetzt definitiv wissen, seine Karriere auf einem Fundament von Lügen aufgebaut“, schreibt Christian Knees auf seiner Homepage über Lance Armstrongs Dopingbeichte bei Talkmasterin Oprah Winfrey. Knees ist beim britischen Team „Sky“ unter Vertrag und Mannschaftskollege von Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins. 2010 war der 31 Jahre alte Radprofi Deutscher Meister.

Im Gegensatz zu Dopingsünder Alberto Contador, der vor dem Start der Tour-de-San-Luis in Argentinien auf einer Pressekonferenz erklärte, das Thema Armstrong solle ein für alle mal geschlossen werden, spricht sich Knees für eine lückenlose Aufarbeitung der dopingverseuchten Radsportjahre aus. Er halte „es für sehr wichtig, sich dem nicht zu verschließen und auch weiterhin alle Anstrengungen auf uns zu nehmen, aus der Vergangenheit zu lernen und die Zukunft zum Guten zu verändern“.

„Radsport auf einem hoffnungsvollen Weg“

Laut Knees habe sich der Radsport in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. „Inzwischen hat sich viel getan hat und der Radsport befindet sich meiner Meinung nach auf einem hoffnungsvollen Weg.“ Er macht das an verbesserten Kontrollverfahren, häufigeren Kontrollen, der Einführung des Biologischen Passes und einem Meldesystem fest, wonach die Fahrer zu jeder Zeit ihren Aufenthaltsort mitteilen müssen. Zwar seien einige der Kontrollmechanismen ein massiver Eingriff in die Privatsphäre, „verhindern aber eben auch, dass man wie in der Vergangenheit à la Armstrong abtauchen kann“, so Knees.

Zur Fahrergeneration Armstrongs, die gerne auch als „Generation Epo“ bezeichnet wird, geht Knees auf Distanz. Die Aussage des Amerikaners, wonach nahezu das gesamte Peloton gedopt gewesen sei, kritisiert er scharf: „Man soll nicht immer von sich auf andere schließen.“ Knees sieht seine eigenen Leistung als Beweis dafür: „Mein bestes Ergebnis bei einer Tour de France war Platz 20 im Jahr 2009 - und ich kann reinen Gewissens erklären, dass dies eine `saubere Leistung` war!“

„Kampf gegen Betrug“ weiter fortsetzen

Ähnlich wie Knees äußerten sich in den vergangenen Tagen schon andere deutsche Radprofis. Der zweifache Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin bezeichnete Armstrongs Beichte als „emotionslos und kalkuliert“. „Wenn man bedenkt, dass er dafür mit Sicherheit auch noch eine Menge Geld kassiert hat, wird einem ganz anders“, sagte Martin gegenüber „Sport Bild“. Auf eine Trendwende im Radsport hofft auch Sprinter Marcel Kittel vom Team Argos-Shimano, der momentan die Tour-Down-Under in Australien fährt. „Lance Armstrong war letzten Endes nicht der böse Mensch im Radsport, sondern Teil einer Kultur, die sich entwickelt hat. Es muss das große Ziel im Radsport sein, das zu ändern“, sagte der 24-Jährige.

Für den Tour-de-France-Etappensieger André Greipel hat Lance Armstrongs Beichte nur wenig Neues über die Dopingkultur im Radsport verraten: „Wenn keine anderen Namen fallen, ist es einfach eine Show, die dort gemacht wurde.“ Greipel, der wie Knees die Australien Tour bestreitet und die beiden ersten Etappen gewinnen konnte, hatte dopende Fahrer im Oktober als „Betrüger“ bezeichnet, nachdem die Ermittlungen gegen Armstrong durch die Amerikanische Anti-Doping-Agentur Usada bekannt geworden waren. „Deswegen bin ich der Meinung, dass der Kampf gegen den Betrug und den ergaunerten Erfolg unbedingt weiter fortgesetzt werden muss!“, sagte Greipel.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Giro d’Italia Nibali steht unter Druck

Die Hackordnung beim Giro gerät durcheinander. Astana kämpft um die Siegchance seines Spitzenmanns. Ein Holländer fährt im Rosa Trikot. Und selbst ein ehemaliger Skispringer mischt mit. Mehr Von Tom Mustroph, St. Ulrich

25.05.2016, 10:53 Uhr | Sport
EU-Referendum Schäuble schließt weitere Zugeständnisse an Briten aus

Die Briten stehen beim EU-Referendum aus Sicht von Finanzminister Wolfgang Schäuble vor der wichtigsten Weichenstellung seit Jahrzehnten. Für die Menschen des Vereinigten Königreichs handele es sich möglicherweise um die bedeutendste Entscheidung nach dem Krieg, sagte Schäuble am Donnerstag auf einer Finanz-Veranstaltung in Frankfurt. Mehr

13.05.2016, 08:02 Uhr | Politik
Amerika gegen Russland Der Kalte Krieg ist zurück im Sport

Russlands Doping-Skandale stellen das ganze System in Frage. Die amerikanische Justiz treibt den Weltsport vor sich her. Nun provozieren beide einander wieder mit altbekannter Verve. Mehr Von Evi Simeoni

26.05.2016, 16:12 Uhr | Sport
Europas Unterwelten Die Salzmine Wieliczka

1978 erklärte die UNESCO das alte Bergwerk in der Nähe von Krakau zum Weltkulturerbe. Was Besucher seit 1993 hier erleben können, geht weit über die bekannten Touren unter Tage hinaus. Mehr

18.05.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Amerikas Doping-Fahnder Russland ganz sperren

Amerikas Doping-Fahnder fordern angesichts der jüngsten Vorwürfe gegen Russland klare Konsequenzen. Es geht dabei längst nicht mehr nur um Olympia. Mehr Von Evi Simeoni, Frankfurt

27.05.2016, 11:29 Uhr | Sport

Götze als Aktie auf zwei Beinen

Von Christian Eichler

Dass ein Chef droht, weil ein Mitarbeiter einen Arbeitsvertrag erfüllen will, gibt es wohl nur im Fußball. Bleibt Mario Götze, droht dem FC Bayern eine Saison mit einem Doppelproblem. Mehr 34 36