06.07.2008 · Der Radsport wollte ein Zeichen setzen und gründete einen „Kreis der Aufrechten“. Doch nur die Hälfte aller Teams macht mit. Der Sport steht nach wie vor gespalten da und weckt weiteren Argwohn.
Von Rainer SeeleDer Radsport öffnet sich, das kann man nicht bestreiten, er lässt einen Blick in sein Innenleben zu. Dafür ist sogar eine spezielle Gemeinschaft gegründet worden, sie nennt sich MPCC - es ist das französische Kürzel für die "Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport".
Sie ist im Vorjahr installiert worden, als die Branche heftig erschüttert wurde durch die Skandale bei der Tour de France. Man wollte dringend ein Zeichen setzen - und kam auf die Idee, einen "Kreis der Aufrechten" zu bilden. Natürlich kann man nicht kategorisch behaupten, dass dort alles mit rechten Dingen zugeht und nichts als die reine Lehre des Radsports praktiziert wird. Dafür hat sich das Betrugssystem in diesem Sport als zu weitschichtig erwiesen.
Was in diesen Mannschaften geschieht, wird nicht en detail offengelegt
Allerdings nehmen die Rennställe, die dieser Gruppe angehören, für sich in Anspruch, im Kampf gegen Doping eine Art Vorreiterrolle einzunehmen. Knapp die Hälfte der Teams, die bei der 95. Tour de France vertreten sind, ist MPCC-Mitglied; eine gute Quote, möchte man meinen. Dazu zählen das Team Gerolsteiner und das Team Columbia. Auch die amerikanische Equipe Garmin von Jonathan Vaughters, der sich inzwischen gar als einen Trendsetter in der Anti-Doping-Kampagne betrachtet, hat sich diesem Zirkel angeschlossen.
Ein wirklich gläsernes Gebilde verbirgt sich dahinter jedoch nicht. Schließlich wird der Öffentlichkeit nicht en detail offengelegt, was in diesen Mannschaften geschieht. Zumindest aber haben sie sich der gegenseitigen Kontrolle verpflichtet - sollte dies tatsächlich konsequent praktiziert werden, wäre dies gewiss ein Fortschritt in den Bemühungen, Manipulationen einzudämmen.
Wieder wurde eine Gelegenheit verpasst, Einigkeit zu zeigen
So wollen die Teams untereinander die Gesundheitsbücher ihrer Radprofis austauschen. Damit soll festgestellt werden können, welche Substanzen verabreicht wurden, zum Beispiel auch bei dieser Tour. Der Einsatz von Kortison beispielsweise ist bei diesen Teams zwar nicht grundsätzlich verpönt. In diesem Fall jedoch müsste der betroffene Rennfahrer eine fünfzehntägige Pause einlegen - man möchte damit dem allgemeinen Kortisonmissbrauch vorbeugen.
MPCC als Hoffnung für den Radsport, für die Tour? Die Ziele dieser "ehrenwerten Gesellschaft" sind begrüßenswert. Allerdings ist auch die Frage, warum sie überhaupt geschaffen werden musste. Der Radsport hätte sich generell einem solchen Programm verschreiben können, er hätte Einigkeit demonstrieren und damit allgemein etwas für seine Reputation tun können. So aber steht er gespalten da - und weckt damit weiteren Argwohn.
Die Teams geben sich offen - und vieles bleibt im Dunklen
Das Team Milram etwa ist der Vereinigung namens MPCC bisher nicht beigetreten. Aber das soll natürlich nicht heißen, dass man sich nicht offen geben würde. Gerade erst ist den professionellen Beobachtern der Tour de France erklärt worden, dass für sie die Tür zum Teambus in den kommenden Wochen in Frankreich nicht verschlossen sein werde: einfach vorbeikommen, auf einen Kaffee zum Beispiel. Schließlich, hieß es, gebe es kein Geheimnis in dem Gefährt.
Das also ist die neue Transparenz des Radsports. Man wird aber, um zumindest manche seiner Facetten ergründen zu können, weiterhin einen scharfen Blick brauchen. Vieles liegt schließlich weiterhin im Dunkeln.