05.11.2009 · Kein Tag ohne Schreckensmeldung. Die Schweinegrippe ist längst zu einem globalen Thema geworden, das ohne Unterlass Schlagzeilen produziert. In den unteren Klassen des Handballs wurden schon Spiele abgesagt. Doch der deutsche Spitzenfußball reagiert noch immer gelassen.
Von Marc HeinrichKein Tag ohne Schreckensmeldung. Die Schweinegrippe ist längst zu einem globalen Thema geworden, das ohne Unterlass Schlagzeilen produziert. Auch die Welt des Sports blieb von aufregenden Vorboten einer möglicherweise bevorstehenden Epidemie nicht verschont So teilte Tennisprofi Thomas Haas mit, dass er an dem neuen H1N1-Virus erkrankt sei; in unteren deutschen Handballklassen wurden Spiele abgesagt, weil Mannschaften wegen der Krankheit nicht einsatzfähig waren; und im Fußballteam des früheren Nationalspielers David Odonkor, Betis Sevilla, lag gleich mehr als die Hälfte des zwei Dutzend Mann starken Kaders mit Fieber, Halsweh und Übelkeit darnieder, so dass der Auftritt gegen die Reserve des FC Villarreal ausfallen musste.
Weil gerade bei der professionell betriebenen Leibesertüchtigung der Schweiß schnell fließt und sich alle Beteiligten nahe kommen, gelten die Orte des Trainings und der Wettkämpfe bei vielen Medizinern als weitere Brutstätte der drohenden Seuche. Und die Zuschauerränge wegen des dichten Gedränges gleich dazu. Auch wenn das Berliner Robert-Koch-Institut vor Hysterie warnt: „Über die Risikogefährdung von Leistungssportlern liegen keine speziellen Expertisen vor“, sagte Sprecherin Susanne Glasmacher auf Anfrage, „die Gefahr ist für den Einzelnen nicht größer als für andere Menschen beim U-Bahn-Fahren oder am Wühltisch im Kaufhaus, wenn sie angehustet werden.“
Dennoch: Acht Weltverbände haben gerade auf einer gemeinsamen Sitzung der Leiter ihrer Medizinischen Kommissionen in Lausanne koordinierte Maßnahmen gegen die Verbreitung der Krankheit vereinbart. Teilgenommen hatten die Dachverbände von Fußball, Eishockey, Handball, Basketball, Schwimmen, Baseball, Cricket und Volleyball. Aktive, die mit dem H1N1-Erreger infiziert sind, sollen für mindestens sieben Tage keinen Sport treiben. Und es wird eine generelle Impfung der Athleten empfohlen.
Erste auf europäischen Sportplätzen getroffene Vorsichtsmaßnahmen klingen eher kurios: In Schweden sollen sich die Teams nach dem Abpfiff nicht mehr die Hände schütteln, zudem verbot der rumänische Verband das Spucken auf den Rasen. Gelassen reagiert noch immer der deutsche Spitzenfußball. Im Gegensatz zu den Ligen in England, Spanien und Frankreich ist hierzulande die oberste Spielklasse von einem konkreten Schweinegrippefall verschont geblieben. „Wir sind in Abstimmung mit den Behörden“, sagt Holger Hieronymus, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, „momentan sehen wir aber keinen Anlass, aktiv zu werden, beobachten jedoch die Entwicklung genau.“
„Allgemeine Entwicklung abwarten“
Weil in den Vereinen genauso wie in der Bevölkerung Verunsicherung herrscht, ob und wann eine vorsorgliche Impfung angebracht sei, lässt sich vor dem zwölften Bundesliga-Spieltag an diesem Wochenende kein eindeutiges Meinungsbild erkennen. Gerade die Mannschaftsärzte stecken eindeutig in einem Dilemma. Sie können durch einen kleinen Pieks die Spieler vor großem Schaden bewahren - ihn aber gleichzeitig auch damit auslösen. Denn: „Eine Impfung ist ja eine abgeschwächte Form der Grippe“, wie Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der Mannschaftsarzt des FC Bayern München, sagt. So bestehe die Gefahr, dass Akteure wegen der möglichen Nebenwirkungen der Immunisierung - zum Beispiel Kopf- und Gliederschmerzen - ausfielen. Auch deswegen will er bei der Betreuung des Rekordmeisters „die allgemeine Entwicklung abwarten“.
Ähnlich fällt die Reaktion bei Spitzenreiter Leverkusen aus. „Wir werden die erste Impfphase auswerten, ehe eine Empfehlung ausgesprochen wird“, sagte Bayer-Sprecher Dirk Mesch, „eine Impfpflicht kann mündigen Sportlern natürlich nicht auferlegt werden.“ Auch bei 1899 Hoffenheim möchten die Verantwortlichen erst noch individuell prüfen und weitere Informationen einholen, bei welchen ihrer Angestellten eine Impfung sinnvoll sein könnte; etwa bei Spielern, die aus Afrika oder Südamerika stammen und regelmäßig in ihre Heimat fliegen.
Hertha, Schalke und Stuttgart empfehlen Impfung
Neben dem 1. FC Nürnberg und Schalke 04 hat Schlusslicht Hertha BSC seine Spieler schon zur normalen Influenzaschutzimpfung gebeten. Bundesligaprofis stuft der Berliner Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher grundsätzlich als „Risikopersonen“ ein, da ihr Immunsystem nach Höchstleistungen geschwächt sei. Zudem würden die berufsbedingten Reisen die Ansteckungsgefahr erhöhen. Die Hertha empfiehlt neben Schalke und dem VfB Stuttgart ihren Beschäftigten, sich gegen Schweingrippe impfen zu lassen. Auf freiwilliger Basis soll die Aktion voraussichtlich in der kommenden Woche während der Länderspielpause stattfinden.
Ähnlich will auch Hannover 96 vorgehen. Jörg Schmadtke, der Sportdirektor der Niedersachsen, reagiert aus schlechter Erfahrung besonders sensibel auf die Angelegenheit, weil im August ein Schweinegrippefall in der amerikanischen Nationalmannschaft bekannt wurde, mit der der Hannoveraner Steven Cherundolo auf Tour war. Der Abwehrmann wurde anschließend genauso wie Mittelfeldspieler Jan Rosenthal und Verteidiger Vinícius Bergantin, mit denen er nach seiner Rückkehr Kontakt hatte, vorsorglich für mehrere Tage in einem Krankenhaus isoliert. Doch nicht einer der drei zeigte auffällige Symptome.