13.10.2009 · Der weltweit anerkannte Experte Rasmus Damsgaard legt ein neues Gutachten im Fall Pechstein vor. Die Untersuchung soll sowohl Material für als auch gegen Pechstein liefern. Ihr Manager ist überzeugt, dass die Olympiasiegerin schon in zwei Wochen ihr Saisondebüt geben kann.
Von Evi SimeoniClaudia Pechstein hat sich im Kampf gegen ihre Dopingsperre die Mitarbeit eines der gefragtesten Experten gesichert: Der Däne Rasmus Damsgaard wird in der Nacht zu Mittwoch ein Gutachten an Pechsteins Anwalt schicken, das sich mit der Interpretation ihrer Blutwerte beschäftigt. „Es ist viel nützliches Material darin“, sagte Damsgaard gegenüber dieser Zeitung, „solches das gegen sie, und auch solches, das für sie spricht.“ Er wisse deshalb nicht, ob Pechsteins Anwalt sein Gutachten überhaupt beim Internationalen Sportgerichtshof (Cas) einreichen werde.
Wird er, heißt es in Pechsteins Berliner Zentrale. Vor der Berufungserhandlung am Donnerstag und Freitag kommender Woche in Lausanne geben sich beide Parteien – Pechstein und die Internationale Eislauf-Union (ISU) – zuversichtlich. Ralf Grengel, der Manager der fünfmaligen Olympiasiegerin im Eisschnelllauf, kündigte einen weiteren – seiner Ansicht nach endgültig entlastenden – Schriftsatz an, den die Pechstein-Partei an diesem Mittwoch beim Cas hinterlegen wird.
In der Stellungnahme des Pechstein-Teams sollen neue Belege dafür enthalten sein, dass die Blutwerte Pechsteins nicht auf Doping hinweisen. Die ISU stützt ihr Urteil auf extreme Retikulozyten-Werte, also die Zahl der jungen Blutkörperchen, in Proben, die bei vier Wettkämpfen genommen wurden. Eine Blut-Anomalie oder Krankheit, die die Abweichungen erklären könnten, hat Pechstein bisher nicht nachgewiesen. Im Schriftsatz der Pechstein-Anwälte werden fünf weitere Parameter herangezogen, die auf der Grundlage der Erkenntnisse des australischen Anti-Doping-Forschers Robin Parisotto eine „handfeste medizinische Entlastung“ bringen sollen.
Zudem sollen eigene Blutuntersuchungen in einem Berliner Labor eklatante Diskrepanzen bei der Messung mit zwei verschiedenen Analyse-Maschinen (Sysmex und Advia) ergeben haben. Die von der ISU herangezogene Advia habe die erhöhten Werte ergeben; mit Hilfe der Sysmex, so die Pechstein-Theorie, wäre die ISU auf normale Werte gekommen.
Wissenschaftler stützen Pechsteins Argumentation
Der Darmstädter Mediziner und erklärte Blutdoping-Gegner Klaus Pöttgen, ursprünglich ein Kritiker der Pechstein-Strategie, ist von der Schlagkraft der neuen Argumente überzeugt, seit Grengel ihm sämtliche Unterlagen zum Studium überließ. Er sieht „keine ausreichenden plausiblen Beweise für Epodoping oder eine andere stimulierende Substanz“ mehr, bescheinigte er der Pechstein-Entourage. „Die Beweise sprechen eine deutliche Sprache“, sagt Grengel, „Ich bin davon überzeugt, dass Claudia bei den deutschen Meisterschaften (am 30. und 31. Oktober) am Start stehen wird.“ Über eine mögliche Schadensersatzklage gegen die ISU werde man erst „im Anschluss an das Urteil“ nachdenken.
Harm Kuipers wiederum, der zuständige ISU-Mediziner, bleibt zugeknöpft: „Wir vertrauen darauf, dass wir unsere Arbeit richtig gemacht haben.“ Die ISU wolle aber keine Auseinandersetzung mit Pechstein in den Medien führen. „Das muss alles in Lausanne geschehen“, sagte der Niederländer auf Nachfrage, äußerte dann aber doch vorsichtige Kritik: Pechsteins Argumente hätten sich im Lauf der Zeit widersprochen.
Die neue Strategie der ISU, sich vor dem Cas nur noch auf Blutwerte zu stützen, die zwischen November 2007 und Februar 2009 analysiert wurden, statt zuvor seit 2000, will er nicht begründen. Die Pechstein-Seite ist davon überzeugt, die ISU habe „noch größere Schwierigkeiten“, die Beweiskraft der älteren Werte zu untermauern, zitiert aber gleichzeitig die ISU-Begründung aus den Akten, sie wolle sich auf eine „handhabbare Beweisgröße“ beschränken. Pechstein und ihr Team hatten bei einer Pressekonferenz im August die Aussagekraft der von der ISU verwendeten Blutwerte angegriffen. Einer der Experten, der Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin der Berliner Charité, Holger Kiesewetter, wurde inzwischen aus anderen Gründen (Werbung für Bio-Viagra) von seinem Arbeitgeber beurlaubt.
„Dieser Fall ist eine Herausforderung“
Claudia Pechstein war gegen eine am 1. Juli von der ISU verhängte zweijährige Dopingsperre vor dem Cas in Berufung gegangen. Erstmals war eine solche Sperre lediglich aufgrund indirekter Beweise ausgesprochen worden – die ISU konnte keine positive Probe vorweisen und stützte sich bei ihrem Urteil ausschließlich auf Blutanalysen.
Damsgaard, der unter anderem Anti-Doping-Programme im Profi-Radsport entwickelt hat und der Medizinischen Kommission des Internationalen Skiverbandes (FIS) angehört, misst dem Fall Pechstein große Bedeutung zu. „Dieser Fall ist eine Herausforderung“, sagt er. „Er ist nicht eindeutig, aber all seine Einzelheiten sind sehr nützlich für die Zukunft der Arbeit mit Blutprofilen.“ Er könne wegweisend dafür sein, wie man Blutprofile in der Dopingbekämpfung einsetzen müsse, mit Rücksicht auf die Rechte der Athleten und auch auf das international gültige Reglement (Wada-Kodex). Eine Prognose, wie die Verhandlung ausgehen könnte, wollte Damsgaard aber nicht abgeben. „Es wird eine Lektion für alle Beteiligten werden“, sagte er und schloss darin ausdrücklich alle involvierten Experten ein.