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Veröffentlicht: 30.07.2015, 12:41 Uhr

Millionengeschäft eSport Wie geht Spitzensport am Schreibtischstuhl?

Bei virtuellen Wettkämpfen am Computer geht es längst um Millionen. Aber ist eSport ein „richtiger“ Sport? Der Deutsche Olympische Sportbund sagt nein – die Wissenschaft ist sich dagegen nicht so sicher.

von
© © 2015 Chris Romano KuroKy ist der Bastian Schweinsteiger unter den Nerds

Ist er das also, die neue Hoffnung des deutschen Sports? Nahezu regungslos sitzt der Mann mit den dunklen Haaren und dem leichten Oberlippenbart, mit geradem Rücken, die Kopfhörer auf den Ohren und die Kapuze seines Pullovers über den Kopf gezogen, auf der Bühne vor dem Computerbildschirm. Doch sein Körper ist angespannt, die Augen zucken unentwegt. Die Finger fliegen über die Tastatur und malträtieren die Maus. Dass um ihn herum auf der riesigen Videoleinwand die virtuelle Welt in Flammen steht, Blitze zucken, Donner aus den Lautsprechern dröhnt und die Zuschauer auf der Tribüne der Frankfurter WM-Arena toben, interessiert KuroKy - so wird er von seinen Fans gerufen - dabei nicht.

Sebastian Reuter Folgen:

Bis zu 400 Mal in der Minute - also etwa sechs Mal pro Sekunde - klicken seine Finger und geben asymmetrisch ihre Befehle an die Spielfigur auf dem Bildschirm weiter. Als die finale Schlacht geschlagen ist und die Fans vollends ausrasten, steht KuroKy auf, klatscht sich mit seinen Teamkameraden ab, reckt kurz einen riesigen Pokal in die Höhe und lächelt verhalten. Das ist er, Deutschlands berühmtester und wohl auch bester eSportler. Der Bastian Schweinsteiger unter den Nerds, der Star einer immer größer werdenden, mit immer mehr Geld hantierenden Szene.

Mehr als 15 Millionen Dollar Preisgeld

KuroKy spielt Dota 2, ein weltweit von mehr als elf Millionen Gamern gezocktes Fantasy-Action-Strategie-Spiel, in dem aus mehr als hundert verschiedenen Charakteren eine Figur mit bestimmten Fähigkeiten ausgewählt wird, um dann mit vier Mannschaftskollegen zu versuchen, die gegnerische Basis zu zerstören und seine eigene zu schützen. Eigentlich heißt er Kuro Salehi Takhasomi und ist 22 Jahre alt. Er hat iranische Wurzeln, ist in Berlin aufgewachsen, hat dort ein Psychologie-Studium begonnen und mittlerweile wieder unterbrochen.

Mehr als 400.000 Dollar Preisgeld soll der Deutsche schon mit eSport gewonnen haben: Erst im Juni siegte er mit seinem Team „Secret“ in Frankfurt bei der mit 250.000 Euro dotierten „ESL One“, dem derzeit größten eSport-Turnier in Europa. 15.000 Fans waren im Stadion dabei, mehr als eine Million sollen das Turnier per Livestream im Internet verfolgt haben. Anfang August wird „Secret“ als europäisches Team, das dem Sohn eines türkischen Milliardärs gehört, bei der inoffiziellen eSport-Weltmeisterschaft „The International“ in Seattle teilnehmen. Das Turnier wirbt mit einem Gesamtpreisgeld von mehr als 15 Millionen Dollar, was in etwa der Summe entspricht, die in der Herren-Konkurrenz bei den French Open im Tennis ausgeschüttet wird. Im Oktober wird der eSport zudem im legendären New Yorker Madison Square Garden gastieren.

35524322 Blitz und Donner: Die „ESL One“ in Frankfurt ist das größte eSport-Turnier in Europa © © 2015 Helena Kristiansson Bilderstrecke 

KuroKy lebt derweil das Leben eines Spitzensportlers. Ständig jettet er zwischen Dota-2-Turnieren durch die halbe Welt, besucht Trainingscamps in Rumänien und Istanbul, sitzt acht Stunden am Tag vor dem Rechner und feilt an seinen Fertigkeiten. „Werde ich nicht Erster, ist das eine Enttäuschung“, sagt er in Frankfurt mit leiser Stimme.

Aber ist eSport auch tatsächlich ein „richtiger“ Sport? Nein, sagt der Deutsche Olympische Sportbund. Jedenfalls verweigert der DOSB den eSportlern die Aufnahme in ihre Organisation, weil diese „eine Reihe“ von Voraussetzungen nicht erfüllten. Der Dachverband des deutschen Sports verweist auf seine Aufnahmeordnung, in der von einer „eigenen, sportartbestimmenden motorischen Aktivität“, der „Einhaltung ethischer Werte“ und bestimmten Verbandsstrukturen die Rede ist - und dessen Anforderungen der eSport angeblich nicht entspricht.

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