Der Kapitän eines Davis-Cup-Teams kann alles richtig machen oder vieles falsch, vor allem, wenn er die gastgebende Mannschaft anführt. Vor einem Heimspiel muss er nicht nur ein sicheres Gespür bei der Auswahl seiner Einsatzkräfte haben, sondern vorab auch eine andere grundlegende Entscheidung treffen: Welcher Belag bietet vermutlich die beste Basis, um den Gegner zu bezwingen? In beiden Belangen, beim Personal und bei der Platzwahl, hat der deutsche Kapitän Patrik Kühnen für die Erstrundenbegegnung gegen Argentinien Entschlüsse gefasst, die von vorneherein gewagt erschienen: Zum einen entschied er sich mit seinen Spielern für Sand als Untergrund in der Bamberger Stechert Arena, zum anderen schickte Kühnen für den kurzfristig erkrankten Philipp Kohlschreiber den als Sandplatzspezialisten bisher unbekannten Philipp Petzschner als zweiten Einzelspieler ins Rennen.
Beide Maßnahmen schlugen am Freitag fehl, nach dem ersten Spieltag in der Weltgruppe liegen die deutschen Herren gegen Argentinien schier aussichtslos 0:2 zurück. „Wichtig ist, dass wir fokussiert bleiben“, sagte Kühnen nach den beiden Einzelniederlagen von Florian Mayer und Philipp Petzschner. Den drohenden Gang in die Relegation zu verhindern, bezeichnete der Teamchef als „schwieriges Unterfangen“. Das einzige Mal, das ein deutsches Weltgruppen-Team einen 0:2-Rückstand wettmachen konnte, liegt 52 Jahre zurück.
Kühnens Rechnung mit lauter Bekannten ging gegen die Südamerikaner, die das taktische Spiel auf rotem Grund und Boden lieben und dort die allermeisten ihrer Erfolge gefeiert haben, nur geringfügig auf: Der argentinische Topstar Juan Martin del Potro mochte die Hartplatzserie nicht für ein Fremdgehen in Bamberg unterbrechen. Doch die Absage des Weltranglistenzehnten verpuffte ohne Wirkung, auch weil sich die Nominierung Petzschners nicht als Glücksgriff erwies. Der Bayreuther spielte nahe seiner Geburtsstadt schwach und blieb im Auftakteinzel gegen die argentinische Spitzenkraft Juan Monaco beim 3:6, 3:6 und 3:6 ohne jede Chance. Weil anschließend auch Mayer als deutsche Nummer eins gegen den über weite Phasen famos aufspielenden Routinier David Nalbandian 6:2, 0:6, 1:6 und 6:7 (5:7) verlor, hilft nur noch ein kleines oberfränkisches Tenniswunder, zu dem Tommy Haas beitragen könnte: Der 33 Jahre alte Rückkehrer, der zuletzt im Herbst 2007 im Davis Cup aufschlug, soll an diesem Samstag im Doppel mit Petzschner dazu beitragen, die Nationalmannschaft im Spiel zu halten.
Am ersten Tag hatte sich nur Mayer nichts vorzuwerfen, er spielte vor 4000 Zuschauern in der Arena durchweg sehr gut, aber selten gut genug für Nalbandian, dessen herausragende Leistung in keinem Verhältnis zu seinem Weltranglistenplatz 84 stand. „Ich habe alles gegeben“, sagte Mayer nach seiner ehrenvollen Niederlage gegen den ehemaligen Weltranglistendritten. Im vierten Satz, bei einer 4:1-Führung, hätte der Bayreuther dem Spiel womöglich noch eine Wende geben können. Doch Nalbandian habe in seinem 45. Davis-Cup-Match gezeigt, „warum er so wertvoll ist für Argentinien“, sagte Kühnen.
Im Eröffnungseinzel dagegen hatte Petzschner während des zweistündigen Matches nicht erkennen lassen, welche Strategie er sich zurechtgelegt hatte gegen Monaco, der als frischgebackener Sieger des Sandplatzturniers im chilenischen Vina del Mar angereist war. Die ständigen Versuche des Bayreuthers, bei Grundlinienduellen mitzuhalten, endeten ebenso vergeblich wie jene vereinzelten mit Stoppbällen oder Netzangriffen: „Die Marschroute war offensiv. Aber es ist müßig, die Gründe im Taktischen zu suchen. Ich habe einfach schlecht Tennis gespielt“, sagte der 56. der Weltrangliste, der gegen Monaco schnell 0:4 zurücklag, ehe ihm zumindest ein Leistungssprüngchen gelang. „Auf Hartplatz“, sagte der Deutsche, der sich vorab ebenso wie Mayer auf einen Sandplatz festgelegt hatte, „wäre es bei mir heute auch nicht anders ausgegangen.“
An diesem Samstag schlägt nun wieder die Stunde des Tommy Haas, der zuletzt vor viereinhalb Jahre bei der 2:3-Halbfinalniederlage in Russland aufschlug. Der gebürtige Hamburger hatte sich schon für einen Einzeleinsatz leise Hoffnungen gemacht, doch wurde ihm sein Doppelpartner vorgezogen. Das Ergebnis dieser Entscheidung war miserabel. Jetzt freue er sich darauf, „mit Tommy zu spielen“, sagte Petzschner: „Im Doppel kann man gar nicht so schlecht spielen wie ich heute.“