Home
http://www.faz.net/-gub-vb70
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Davis Cup Deutscher Finaltraum platzt am letzten Tag

23.09.2007 ·  Es hätte so schön sein können: Mit einer 2:1-Führung ging das deutsche Davis-Cup-Team in den Sonntag. Doch Philipp Petzschner und Philipp Kohlschreiber verloren ihre Einzel. Russland trifft nun im Finale auf die Vereinigten Staaten. Peter Penders berichtet aus Moskau.

Von Peter Penders, Moskau
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Der erste Hallenbetreiber hatte sich schon am Sonntagmorgen bei Georg von Waldenfels, dem Präsidenten des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) gemeldet. Zu schön waren schließlich auch die Aussichten auf ein wundersames Ende dieses Tennisjahres. Die DTB-Auswahl ging mit einer 2:1-Führung in den Schlusstag der Halbfinal-Partie im Davis Cup gegen Russland, und im Fall des Falles hätte es zu einem lukrativen Finale gegen das amerikanische Team kommen können.

Der Konjunktiv lässt erahnen, dass es wieder so endete wie beim letzten Halbfinale 1995 an gleicher Stätte, als in der Moskauer Olymiahalle eine 2:1-Führung vor den Abschlusseinzel nicht reichte und ein Finale gegen die Amerikaner verpasst wurde. Diesmal glich erst Michail Juschni mit seinem 6:4-, 6:4-, 3:6- und 6: 3-Erfolg über den Davispokal-Debütanten Philipp Petzschner, anschließend holte Igor Andrejew bei seinem 6:3,- 3:6,- 6:0 und 6:3-Sieg über Philipp Kohlschreiber vermutlich auch zur Freude der Amerikaner den entscheidenden dritten Punkt zum 3:2-Erfolg der Russen: Sie haben jetzt Anfang Dezember Heimrecht gegen den Titelverteidiger Russland.

Übelkeit und schlaflose Nacht bei Thomas Haas

Die Parallelen zu der Niederlage vor zwölf Jahren waren nicht zu übersehen, obwohl diesmal vieles doch anders war. Heute wie damals aber musste vor den Abschlusseinzeln der deutsche Spitzenspieler passen. Wie Boris Becker 1995 stand diesmal Thomas Haas nicht zur Verfügung. Offiziell litt der deutsche Führungsspieler unter Übelkeit und hatte eine schlaflose Nacht verbracht, aber anders als damals Becker hatte Haas schon in seinem Auftakteinzel am Freitag verloren. Gegen Igor Andrejew war der Deutsche bei seiner Dreisatzniederlage so unterlegen gewesen, dass die kleine Chance des unerfahrenen Philipp Petzschner vielleicht sogar größer erschien als die minimale von Haas auf dem ungeliebten Sandboden.

Obendrein hatten die Deutschen mit Nikolai Dawidenko auf der anderen Seite rechnen müssen, an dem Haas zuletzt schon bei den US Open verzweifelt war. Aber auch Dawidenko wurde kurzfristig durch ersetzt - der Weltranglistenvierte konnte offiziell wegen Problemen mit dem Handgelenk und leichtem Fieber nicht antreten, stattdessen spielte Michail Juschni. Möglicherweise aber hatte sich nach Dawidenkos Niederlage am Freitag gegen Kohlschreiber und seiner anschließenden heftigen Kritik an der Wahl des Untergrundes aber auch nur die Temperatur des russischen Teamchefs Schamil Tarpischtschew urplötzlich zu sehr erhöht.

„Ich habe mir vorher zu viele Gedanken gemacht“

Auf dem Papier stand Petzschner, in der Weltrangliste auf Position 206 geführt, gegen Michail Juschni (Rang 17) auf verlorenem Posten, in der Realität aber war Petzschner am Samstag im Doppel der überragende Mann gewesen. Aber das war eine andere Geschichte gewesen, und so einfach wie am Tag zuvor war ihm diese neue Aufgabe nicht gefallen. „Geh raus, habe Spaß und versuch dein Bestes“, hatte ihm Teamchef Patrik Kühnen mit auf den schweren Weg gegeben. Raus ging er, aber Spaß hatte er nur bedingt, weil er nicht sein Bestes zeigen konnte.

„Ich habe nicht so gespielt, wie ich mir das und andere auch vorgestellt haben“, sagte Petzschner, und er wusste auch warum: „Ich habe mir vorher zu viele Gedanken gemacht, was alles passieren könnte“, sagte der 23 Jahre Debütant. Er hätte schließlich der große Held werden können, der aus dem Nichts kam und Deutschland ins Finale des Davis Cups brachte.

Das märchenhafte Ende blieb für die Deutschen aus

Das allerdings wäre eine gänzlich märchenhafte Geschichte gewesen, die zu schön geklungen hätte, um wahr zu sein. Geblieben aber war trotzdem die Möglichkeit auf ein märchenhaftes Ende, denn Philipp Kohlschreiber hatte am Freitag bei seinem Fünfsatzerfolg über Dawidenko eine schon verloren geglaubte Partie doch noch gewonnen. So leicht wie gegen Haas fiel Andrejew der Schlussakt dann schließlich nicht. Der Russe, der alle vier vorherigen Partien gegen Kohlschreiber hatten gewinnen können, sicherte sich zwar den ersten Durchgang 6:3, aber der Deutsche schaffte danach ebenfalls mit einem 6:3 den Satzausgleich. Danach war von derlei Ausgeglichenheit zunächst nichts mehr zu sehen. Der ohnehin stark aufspielende Andrejew steigerte sich noch einmal, was sich beim 6:0 im dritten Satz auch im Ergebnis niederschlug.

Doch noch einmal schien sich Kohlschreiber als Stehaufmännchen präsentieren zu können, als er ein frühes Break im vierten Durchgang schaffte. Danach aber nahm Andrejew dem Deutschen dessen Aufschlag ab, musste noch einmal kurz bangen, als Kohlschreiber drei Matchbälle am Stück abwehrte. Michael Stich hatte vor 12 Jahren neun Matchbälle vergeben, aber dieser Teil der Geschichte wiederholte sich nicht: Seine vierte Chance nutzte Andrejew zum 6:3 im vierten Satz.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1