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Veröffentlicht: 11.09.2015, 18:08 Uhr

Chairskater David Lebuser Im Rollstuhl die Wand hinauf

David Lebuser sitzt im Rollstuhl. Beim Wheelchair-Skating ist er inzwischen aber einer der besten der Welt. Und so kommt er mit Blick auf sein Schicksal zu einer Schlussfolgerung, die seltsam klingen mag.

von Katja Sturm, Frankfurt
© Kühfuss, Patricia Spektakulär: David Lebuser beim Training an der Frankfurter Skater-Wand

Mitten in der Linkskurve verlieren die Räder auf der rechten Seite an Bodenhaftung. Einen Wimpernschlag lang balanciert der Rollstuhl noch in der Schräglage, dann knallt er samt seinem Fahrer auf den Boden und schrammt mit einem unangenehmen Schaben über den Beton. Doch David Lebuser rappelt sich gleich wieder auf, setzt sich zurecht, müht sich abermals die Rampe im Frankfurter Skatepark am Osthafen hinauf. Diesmal läuft alles rund: Die Hände in der Luft, nur mit dem Oberkörper lenkend, fährt der 28-Jährige kurz darauf an der gegenüberliegenden Wand mit seinem Spezialgefährt einen eleganten Bogen.

Jedes Hindernis zu meistern, sich nie geschlagen geben, das ist es, was den besten deutschen Chairskater an seinem rasanten Sport reizt. Was in der Halfpipe funktioniert, überträgt Lebuser aufs Alltagsleben. Selbst Treppen können dem Rollstuhlfahrer den Weg nicht versperren. Trotzdem kritisiert der Wahl-Dortmunder die in den Stadtbildern oft nicht vorhandene Barrierefreiheit. „Ich weiß, dass ich im Notfall überall hinkomme“, dennoch sei es nervig, dass man es Behinderten so schwermache.

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Vor zwei Jahren hat der Extremsportler damit angefangen, sein Können in Workshops anderen weiterzugeben. Die Resonanz ist riesig: In ganz Deutschland, aber auch in vielen Städten Europas wagte sich Lebuser schon mit Anfängern und Fortgeschrittenen in die Skateparks, einige davon pilgern ihrem Star regelrecht hinterher. Von den kostenlosen Kursen leben kann Lebuser nicht, verdient sein Geld als Reha-Fachberater sowie mit Werbespots und Fotoshootings. Doch immerhin wird der Halb-Profi demnächst einen Tag weniger in der Woche arbeiten, um mehr Zeit für seine Leidenschaft zu haben.

Den Frankfurter Skatepark bevorzugt Lebuser, weil auch Rollstuhlfahrer problemlos in der „Bowl“ ein- und ausfahren können. Die „Bowl“, auch „Pool“ genannt, trägt ihren englischen Namen, weil die ersten Skater in Amerika in leeren Schwimmbecken ihren jungen Sport ausübten. Frankfurt wird er wohl trotz der Vorzüge der Anlage nur noch selten besuchen. Hier trainierte er einige Jahre fast jede Woche, nahm die lange Anfahrt aus Dortmund auf sich, um die Vorzüge der Sportanlage auskosten zu können.

© Youtube

Seit er die vielen Workshops in ganz Deutschland gibt, hat er nicht mehr so viel Zeit, in den Skatepark am Osthafen zu kommen. Tricks, die er sich bei anderen, allen voran Aaron Fotheringham, abgeschaut hatte, verfeinerte er hier. Ein Video des Amerikaners, der sogar Rückwärtssalti mit seinem Rollstuhl beherrscht, war es auch, das Lebuser einst inspirierte, selbst seine Grenzen beim WCMX (Wheelchair Motocross) auszuloten, wie die Sportart sich international nennt.

Lebuser sitzt seit einem schweren Unfall im Jahr 2008 im Rollstuhl. Bei einer Party hatte er versucht, das Treppengeländer hinunterzurutschen, und war mehrere Meter tief in den Schacht gefallen. Er zog sich eine Wirbelfraktur zu und ist seitdem querschnittsgelähmt. Es war die Zeit der Paralympics von Peking, und trotz seiner Verzweiflung wurde Lebuser sehr schnell klar, dass „ein Rollstuhl mir einen großen Teil meiner Selbstständigkeit zurückbringen könnte“. Schon in der Reha versuchte er sich deshalb an ersten Tricks.

David Lebuser - Der Wheelchair-Skater aus Frankfurt/Oder ist Extremsportler und der erste professionelle Chairskater in Deutschland. Er ist querschnittsgelähmt, nachdem er im Alter von 21 Jahren in einen Treppenschacht gestürzt war. © Kühfuss, Patricia Vergrößern Obenauf: David Lebuser ist der erste professionelle Chairskater Deutschlands.

In seiner Jugend hatte der in Frankfurt an der Oder geborene Lebuser ein paar Jahre lang eine Sportschule besucht. „Ich war in den Beinen eher grobmotorisch, aber ich konnte ganz lange Rad fahren“, erzählt er. Doch diesmal ging es um mehr als um Medaillen oder Urkunden: Lebuser wollte sein neues Leben in den Griff bekommen, sich selbst und anderen beweisen, dass ein Rollstuhl die Freiheit nicht einschränken muss und Hürden nur dafür da sind, genommen zu werden.

Nachdem er zwei Jahre lang autodidaktisch trainiert hatte, reiste er erstmals zu einem großen Workshop in die Vereinigten Staaten. Beim damit verbundenen Wettbewerb wurde er auf Anhieb Fünfter, zudem brachte ihn der Austausch mit anderen Chairskatern entscheidend voran. Entsprechend entstand die Idee, auch in Deutschland Kurse anzubieten. Während die meisten Teilnehmer dafür einen ganz normalen Rollstuhl nutzen, sitzt Lebuser in einer robusteren Spezialanfertigung mit Federung.

David Lebuser - Der Wheelchair-Skater aus Frankfurt/Oder ist Extremsportler und der erste professionelle Chairskater in Deutschland. Er ist querschnittsgelähmt, nachdem er im Alter von 21 Jahren in einen Treppenschacht gestürzt war. © Kühfuss, Patricia Vergrößern Gehören zusammen: Lebuser akzeptiert den Rollstuhl inzwischen als Teil seines Lebens.

Ein Unternehmen in Holland sponsert ihm das mehrere tausend Euro teure Gefährt, nachdem er selbst sich die zahlreichen Reparaturen, die durch die extreme Beanspruchung anfallen, nicht mehr leisten konnte. „Die fanden gut, was ich mache“, erzählt Lebuser, der 2014 sogar den Titel des inoffiziellen Weltmeisters gewann. Verteidigen konnte er ihn nicht: Nur einmal im Jahr könne er sich den Trip in die Vereinigten Staaten leisten, erklärt Lebuser, diesmal stellte er sich der offiziellen WM-Premiere, bei der er Dritter wurde.

„Ohne Rollstuhl wäre ich wahrscheinlich nie nach Amerika gereist“, vermutet Lebuser. Und auch vieles andere, für das er dankbar sei, hätte er nicht erlebt. „Ich bin ein lebensfroher Mensch“, sagt er. Doch vor sieben Jahren, bevor der Unfall geschah, da habe er nicht gewusst, wie es weitergehen sollte. Seine Arbeit in einem Callcenter bereitete ihm keinen Spaß, er hatte keine Ziele. Jetzt hat Lebuser neue Lebensinhalte gefunden, dient anderen nicht nur als Sportler, sondern auch als Vorbild. „Der Unfall hat mir damals eine Tür vor der Nase zugeschlagen“, sagt Lebuser. Aber glücklicherweise habe er die anderen Türen rechts und links gesehen, die sich auftaten. So kommt er mit Blick auf sein Schicksal zu einer Schlussfolgerung, die seltsam klingen mag: „Ich würde es nicht rückgängig machen.“

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