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Veröffentlicht: 18.05.2017, 11:22 Uhr

Entwicklung der Mountainbikes Sattel-Fest

Das SUV der Fahrräder: Mountainbikes taugen für das Gelände, aber auch für den Alltag. Während ihr Tempo abnimmt, steigt die Innovationskultur. Eine Szene zwischen Kick und Kritik.

von Jürgen Kalwa, New York
© Imago Felsen und mehr: Mountainbiking – manchmal eine waghalsige Angelegenheit.

Niemand weiß, wann genau und mit welchem Tüftler es so richtig begann. Nur, dass es Ende der siebziger Jahre gewesen ist. Fest steht lediglich, wie der Name entstand. Denn da gab es diesen Amerikaner namens Tom Ritchey, der zusammen mit ein paar klugen, erfindungsreichen Freunden mit dem notwendigen Sinn fürs Marketing seine Ideen rund um einen neuen Typus von Fahrrad kommerziell verwerten wollte.

Er hatte Prototypen gebaut, um abseits von asphaltierten Straßen und gespurten Wegen im naturbelassenen Gelände des amerikanischen Westens, in Wäldern und in den Bergen, mal richtig Gummi zu geben. Und gleichzeitig entstand in seinem Kopf dieser Begriff, der von Anfang an ein regelrechtes Programm war: Mountainbike. Ritchey baute in Eigenregie mehr als tausend Räder, ehe die Partner nach drei Jahren auseinandergingen.

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Das alles ist gerade mal vierzig Jahre her. Aber die ersten Modelle von einst haben es längst ins Museum geschafft. Warum? Weil der simple Akt des Aufmöbelns eines klassischen Fortbewegungsapparates seither eine ganze Menge bewegt hat: nicht allein Räder und Radfahrer, sondern vor allem Milliarden von Dollar. Genaugenommen waren es Mountainbikes, die in den achtziger und neunziger Jahren in Amerika und Europa eine ganze Industrie wiederbelebten. Die blickte zu jener Zeit ohne neue Produktideen ratlos in eine düstere Zukunft. Aber nun waren sie bereit und griffen begierig auf, was sie in den fünfziger Jahren noch geflissentlich ignoriert hatten, als die wahren Pioniere der Bewegung wie die Mitglieder des Velo Cross Club Parisien oder der kalifornische Professor John Finley Scott oder die „Rough Stuff Fellowship“ in England zum ersten Mal das Off-Road-Fahren propagierten.

Nicht nur ein Fahrrad fürs Gelände

Offensichtlich passte die Entwicklung damals exakt zum Zeitgeist. Denn sie nahm im Kleinen einen Trend vorweg, der später die Automobilindustrie in sehr viel massiverer Form erreichte. „Das Mountainbike ist aus heutiger Sicht das SUV der Fahrräder“, sagt Jürgen Beneke, der Anfang der neunziger Jahre den Worldcup der Downhill-Mountainbiker gewann. Viele kaufen es nicht, um ins Gelände aufzubrechen, sondern benutzen es im ganz normalen Alltag. Die Aura der Vielseitigkeit, Zuverlässigkeit und Langlebigkeit – eigentlich eine Liste altväterlicher Bedürfnisse – inspirierte vor allem junge Typen wie Beneke.

Er entdeckte diese Faszination, als er von einer Profi-Tour verwegener Abfahrer erfuhr, die auf dem Mountainbike Kopf und Kragen riskierten. Sie waren Helden einer Generation, die das Gefühl aus Fitness und Freiheit erlebt, wenn die Endorphine sich Bahn brechen – auf einer Art Sturzflug mit Staubfahne im Schlepp. Die Besten konnten vom Geld interessierter Sponsoren ganz gut leben. Kein Wunder. Sie repräsentierten so etwas wie „die Formel eins des Radsports“, wie Beneke sagt.

Die Szene war besetzt mit Leuten, die gerne persönlich nach jedem Trainingslauf und vor jedem Rennen an der Feineinstellung tüftelten und zusammen mit einfallsreichen Ingenieuren Stück für Stück die technische Ausstattung der Räder vorantrieben. Stoßdämpfer, erst an der vorderen Gabel, dann auch hinten, bessere Sättel, verfeinerte Bremsen – all das kam aus dem Downhill-Bereich. Für ein wichtiges Plus an Popularität sorgte parallel die Cross-Country-Fraktion, die sich von den Funktionären im internationalen Verband umarmen und bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 den Ritterschlag verpassen ließ.

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