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Tischtennis-WM : Das deutsche Lazarett scheitert mal wieder an China

  • -Aktualisiert am

Aller Ehren wert: Timo Boll fordert Ma Long, aber er verliert Bild: dpa

Einmal mehr scheitert Deutschland bei einer Tischtennis-WM an China. In Halmstad reichten die Kräfte der allesamt angeschlagenen deutschen Spieler nicht für die erhoffte Wachablösung. Dimitrij Ovtcharov konnte im Finale nicht mal spielen.

          Am Abend vor dem Finale der Tischtennis-Weltmeisterschaften gegen China gewährte Jörg Roßkopf einen Einblick in seine taktischen Überlegungen. „Wenn drei von unseren Jungs morgen aufstehen, werden sie spielen“, verkündete der Herren-Bundestrainer: „So sieht’s zurzeit bei uns aus.“ Das war zwar ein wenig übertrieben, doch Roßkopfs Galgenhumor hatte seine Berechtigung. Schon ins Viertelfinale dieser WM in der schwedischen Stadt Halmstad hatte der Bundestrainer sein letztes Aufgebot geschickt. Weil die Hessen Patrick Franziska (Oberschenkelzerrung) und Timo Boll (Probleme mit dem Ischias-Nerv) nicht einmal schmerzfrei laufen, geschweige denn Tischtennis spielen konnten, stellte Roßkopf gegen Brasilien neben Bastian Steger und Ruwen Filus auch noch Dimitrij Ovtcharov auf, der wegen einer Entzündung des Oberschenkelhalses weit entfernt von seiner vollen Leistungsfähigkeit war. Gegen den Außenseiter Brasilien reichte das: Filus führte die deutsche Mannschaft mit zwei Einzelerfolgen zu einem 3:1-Sieg, der den Gewinn einer Medaille sicherte.

          Für das Halbfinale gegen Südkorea sahen allerdings selbst die größten Optimisten im deutschen Lager schwarz, und auch Jörg Roßkopfs Miene verfinsterte sich. Die Südkoreaner hatten in ihrem Viertelfinale die noch höher eingeschätzten Japaner bezwungen, in der DTTB-Auswahl waren von fünf Spielern eigentlich nur noch zwei einsatzfähig. Wie sollte das gehen?

          Wunderheilung bei Franziska

          Was die Deutschen brauchten, war eine Wunderheilung, besser zwei, und genau die bekamen sie. Patrick Franziska berichtete: „Gestern Abend lag ich noch im Bett und war sicher, dass ich heute kein Spiel machen kann. Dann hat unsere medizinische Abteilung super Arbeit gemacht.“ Es passte ins Bild, dass Mannschaftsarzt Toni Kass in Halmstad selbst an Krücken lief – der Orthopäde laborierte an einer Knieverletzung. Doch der Sportmediziner und sein Team leisteten hervorragende Arbeit, und so meldete sich sogar Timo Boll noch kurzfristig einsatzbereit. Der 37-Jährige machte knapp zwei Stunden vor Spielbeginn einen vorsichtigen Versuch in der Trainingshalle und staunte, dass es wider Erwarten recht gut ging.

          Roßkopf bot Boll und Franziska kurzfristig doch auf, und genau diese beiden wurden im Halbfinale zu den Matchwinnern. Mit einer überragenden Leistung gewann Timo Boll nicht nur sein erstes Einzel gegen Jeoung Young Sik, sondern auch seine zweite Partie gegen den Weltranglistenachten Lee Sang Su, der wie entfesselt aufspielte und den Deutschen in der Verlängerung des Entscheidungssatzes an den Rand einer Niederlage brachte. Die Begegnung von Boll und Lee war das beste Spiel dieser WM, der Höhepunkt eines epischen Kampfes, in dem den Südkoreanern fast der Finaleinzug geglückt wäre. Den machte dann stattdessen im letzten Spiel Patrick Franziska mit einem 3:1-Erfolg über Jeoung Young Sik für die Deutschen klar. Danach brachen alle Dämme. Filus, Steger, Boll, Ovtcharov und Roßkopf stürmten die Box und warfen sich auf Franziska, der in dem Moment nur daran dachte, „dass mir hoffentlich keiner auf mein Bein springt“.

          China ist zu stark

          In die Begeisterung des Sieges mischte sich auch trotziger Optimismus fürs Finale. Gegen die seit 18 Jahren bei Weltmeisterschaften ungeschlagenen Chinesen wäre selbst eine gesunde deutsche Mannschaft in Bestform nur ein deutlicher Außenseiter gewesen. Doch gegen Südkorea hatte die deutsche Auswahl ja auch schon ein kleines Wunder vollbracht. Und Roßkopf befand mit Blick auf die Partie zwischen Boll und Lee Sang Su: „Besser spielen die Chinesen auch nicht.“ Das sollte sich allerdings als Fehleinschätzung erweisen. Rekordweltmeister China, der auf dem Weg ins Endspiel alle sieben Spiele 3:0 gewonnen hatte, beendete den Siegeszug der deutschen Männer ebenfalls mit einem 3:0. Und diese Partie geriet zur Machtdemonstration. Nur sechs Sätze hatten die Chinesen bis zum Finale abgegeben, in keinem Mannschaftskampf mehr als zwei, und trotzdem hatten sie sich phasenweise nicht in Bestform präsentiert. Im Endspiel jedoch, als sie sich ihren stärksten Herausforderern gegenübersahen, setzten die Spieler aus dem Reich der Mitte ein Zeichen.

          Die Tipps bringen nichts: Patrick Franziska verliert trotz Beratung mit Bundestrainer Jörg Roßkopf

          Das deutsche Team, für das im Finale Boll, Filus und Franziska antraten, kämpfte zwar aufopferungsvoll, war der Übermacht von Weltmeister und Olympiasieger China aber nicht gewachsen. Boll spielte keineswegs schlecht, konnte aber nicht verhindern, dass der enorm schnelle Ma Long mit seiner enorm druckvollen Vorhand immer wieder punktete. Ruwen Filus, anstelle des gehandicapten Dimitrij Ovtcharov aufgeboten und aus taktischen Gründen sogar an Position zwei aufgestellt, war gegen die enorm harten Angriffe Fan Zhendongs wehrlos. Am besten schlug sich noch Patrick Franziska beim 1:3 gegen Xu Xin. Der Angriff auf die Tischtennis-Großmacht war wieder einmal gescheitert. Trotzdem erklärte Roßkopf, er sei unglaublich stolz auf sein Team. Mit großer Moral und enormem Kampfgeist hatte sich seine Mannschaft immerhin bis ins WM-Finale geschleppt, unter wirklich widrigsten Voraussetzungen. Der Lohn: Silber für das Lazarett.

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