05.01.2009 · Beachvolleyball ist weder eine Einzelsportart noch ein klassischer Mannschaftssport - dazu eine schwierige partnerschaftliche Koexistenz. Das Beachvolleyball-Paar Brink/Reckermann über komplizierte Beziehungen und Trennungen.
Beachvolleyball ist weder eine Einzelsportart noch ein klassischer Mannschaftssport - dazu eine schwierige partnerschaftliche Koexistenz. Mit Julius Brink, 26 Jahre, und Jonas Reckermann, 29, haben sich nach Peking zwei der besten deutschen Profis zu einem neuen Team formiert mit der Zielvorgabe: Olympiamedaille in London 2012.
Herr Reckermann, Ihr neuer Partner Julius Brink hat ein sehr polarisierendes Image, mit dem nicht jeder kann. War das am Anfang schwierig?
Reckermann: Mich fragen schon einige: Warum Julius? Ich kenne ihn schon seit Jahren, und ich weiß ja auch, dass man das Verhalten auf dem Feld nicht immer übertragen kann ins Privatleben. Man kennt das ja auch aus anderen Sportarten und denkt sich: Mein Gott, was ist das denn für einer? Und wenn man die dann außerhalb des Sports trifft, sind das völlig andere Typen, wie ausgewechselt. Das ist auch bei Julius der Fall. Klar, auch ich habe mich schon über ihn geärgert, wenn ich gegen ihn gespielt habe. Dachte mir, das muss jetzt nicht sein, dass der sich so aufführt. Aber er macht das ja alles nicht, weil er Bock auf Streit hat, sondern zielgerichtet, weil er einen Sinn damit verfolgt: den Sieg. Und deshalb ist das auch okay. Solange er sich außerhalb wie ein Mensch benimmt. Und Julius ist außerhalb ein völlig anderer Mensch: umgänglich, hilfsbereit, zuvorkommend, positiv engagiert und sehr herzlich.
Herr Brink, Sie haben mal gesagt: Ich muss den Gegner auf dem Feld hassen, um das letzte Stück Leistung herauszuholen. Wie geht das, wenn Sie Ihren ehemaligen Konkurrenten, übertrieben formuliert, plötzlich lieben sollen?
Brink: Hass ist immer nur temporär auf das Spiel bezogen. Hass ist ja auch eine ganz bittere Emotion, die dich im Leben, außerhalb des Spielfeldes, nicht weiterbringt. Mir hilft sie aber, um mich auf dem Feld zu pushen. Wenn der Gegner mir Angriffspunkte gibt, kann ich die für mich emotional nutzen.
Beachvolleyballprofis reisen 30 Wochen im Jahr gemeinsam durch die Welt, sie teilen sich Hotelzimmer, leben und arbeiten auf engstem Raum zusammen und verbringen mehr Zeit mit dem Spiel- als mit dem Lebenspartner. Wie eng ist dieser Bund?
Reckermann: Klar sind es Partnerschaften, aber wenn man mit seinem besten Freund zusammenspielen würde, das wäre kontraproduktiv. Zum einen, weil man nicht den besten Partner bekommt. Zum anderen fällt es in einem rein freundschaftlichen Verhältnis schwer, das Letzte herauszukitzeln, den Partner zu kritisieren oder, wenn es eng wird, ihm auch mal Druck zu geben, weil sich das sofort auf die persönliche Schiene auswirken kann. Man sollte sich sympathisch sein, sportlich ähnlich ticken.
Ein ungeschriebenes Gesetz besagt: Trenne Business und Privates.
Reckermann: Das ist bei uns gar nicht möglich.
Brink: Man sollte sich gewisse Rückzugsbereiche wie Familie, Freundin, Freunde erhalten, wo man in andere Sphären eintauchen kann. Wenn man sich alles zusammen teilen würde, gar in einer WG wohnt, das wäre in unserem Beruf sehr kritisch. Am Anfang einer Spielpartnerschaft ist das immer noch relativ einfach, aber wir planen unsere Zusammenarbeit für vier Jahre, also bis London 2012, da wissen wir aus der Erfahrung mit unseren ehemaligen Partnern, dass das im Laufe der Jahre zu Konflikten führen kann. Und dann ist das Entscheidende nicht, wie harmonisch geht man miteinander um, sondern wie man konstruktiv die Konflikte löst, die in einer solchen Beziehung zwangsläufig auftreten werden.
Reckermann: Es sind schon Teams daran zerbrochen, die am Anfang alles aus Freundschaft miteinander gemacht haben, alles geteilt haben, immer miteinander zum Essen sind. Dann begibt man sich auf eine sehr gefährliche Ebene. Auf längere Sicht leidet entweder das Sportliche oder die Freundschaft. Deswegen ist es auch kein schlechtes Zeichen, wenn man sich mal ein Einzelzimmer nimmt. Der eine will sich einfach nur mal erholen, für sich sein, länger schlafen. Das heißt nicht, dass man nicht miteinander kann.
Ist dieses komplizierte Beziehungsgeflecht schuld daran, dass es viele Beachvolleyballteams nicht lange miteinander aushalten und sich schnell wieder trennen.
Reckermann: Auf alle Fälle. Natürlich gibt es in sportlicher Hinsicht Abnutzungserscheinungen, wenn man zu lange das Gleiche macht, irgendwann gibt es nichts Neues mehr, dann fehlen die Anreize. Aber es gibt mindestens so viele Beispiele, dass Teams sich getrennt haben, weil sie auf der persönlichen Ebene nicht mehr miteinander klarkamen und sich das leistungsmindernd auswirkte. Daran sind viele zerbrochen. Der Knackpunkt einer erfolgreichen Beachvolleyball-Beziehung ist die persönliche Ebene, ist dieses schwierige psychologische Partner-Konstrukt.
Bis London sind es aber noch vier Jahre?
Brink: Und irgendwann kommt der Punkt, wo du realisierst: Oh, es ist nicht mehr so wie in der ersten Nacht. Das wird so kommen, damit gilt es umzugehen. Es hilft sicher, dass wir beide schon mal bei Olympischen Spielen waren und mit unserem Trainerstab und Psychologen ein entsprechendes Knowhow entwickelt haben, diese Abnutzungserscheinungen zu kompensieren.
Wie groß ist der Binnendruck innerhalb des Teams? Beim elf gegen elf im Fußball kann sich einer mal einen schwachen Tag erlauben, beim Beachvolleyball nicht.
Brink: Das ist schon extremer Sport bei uns. Auch dass wir schon fast mehr ein Individualsport sind. Der Gegner kann bestimmen, wer wie angespielt wird. Man kann sich nicht verstecken, die Fehler werden gnadenlos aufgedeckt, und dessen sind sich die Gegner auch bewusst. Und deswegen kann es schon passieren, dass einer einen schlechten Tag hat und das ganze Team reinreißt. Da kann Jonas noch so gut spielen, wir verlieren das Spiel, wenn ich ständig in den Block schlage.
Herr Reckermann, Sie haben früher an der Seite von Markus Dieckmann gespielt, dem nachgesagt wird, dass er sehr laut werden kann. Haben Sie viel gelitten?
Reckermann: Ich sage mal so: Man muss beim Beachvolleyball auf jeden Fall eine stabile Persönlichkeit sein. Der Druck, der innerhalb eines Teams gemacht wird, bringt einen auch voran. In dem Fall ist er ein Segen. Manchmal war es auch zu viel. Ich war noch relativ jung, und wenn es zu laut und zu persönlich wurde, dann hatte ich ein Problem damit. Gerade am Anfang wurde eher von Seiten von Markus gebrüllt, und ich musste damit leben. Ich hatte seither nicht mehr so einen extremen Partner, aber das hilft mir natürlich heute. Ich kann den Druck aushalten, und ich kann ihn weitergeben.
Wie intensiv arbeiten Sie mit Mental-Trainern?
Reckermann: Immer mehr Teams nehmen die Hilfe eines Psychologen in Anspruch. Die Sportart professionalisiert sich immer mehr, und man hat festgestellt, dass da ein riesiger Bedarf und ein riesiges Potential in dem Bereich ist. Es gibt immer wieder Spiele, wo du dich fragst: Wie kann man das denn noch verlieren? Und das liegt nur daran, dass es ein Spieler nicht hinbekommen hat, sich der Situation klarzuwerden, und letztlich versagt hat. Und dem kann man entgegenwirken, indem man sich Strategien verschafft, die man im Spiel auch anwenden kann. Gerade im Beachvolleyball spielt die Psychologie mit die größte Rolle.