http://www.faz.net/-gtl-6m1fy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.08.2011, 10:45 Uhr

Darts-Legende Phil Taylor Im Wunderland der Macht

Liebling der Fans, Dominator der Dartsscheiben, 15 Mal Weltmeister: Phil Taylor ist nicht zu übertreffen. Auch bei den European Darts Championship in Düsseldorf ist das Ergebnis unwichtiger als der Star.

von , Düsseldorf
© AFP Phil Taylor beglückt die Fans

„Oooonehundredandeighty“ - die whiskeygetränkte Stimme von Kult-Sprecher Russ Bray überschlägt sich fast. Die Zuschauer im Saal rasten aus, tanzen auf Tischen und Stühlen und halten ihre Papierschilder mit der roten 180 in die Höhe. Der Grund für diese Aufregung: Ein älterer Herr mit kurzen grauen Haaren im blauen Hemd hat es geschafft, seine drei Pfeile in dem Feld auf der Dartsscheibe zu plazieren, für das es jeweils 60 Punkte gibt - drei perfekte Darts. Der Herr ist kein Geringerer als der fünfzehnmalige Weltmeister Phil Taylor, genannt „The Power“ - die Macht.

Oliver Kühn Folgen:

Die Stimmung bei der diesjährigen European Darts Championship im Saal des Maritim-Hotels am Düsseldorfer Flughafen ist auf dem Höhepunkt. Schon den ganzen Abend hat das Publikum den Dauerbrenner „Taylor Wonderland“ zur Melodie des Klassikers „Winter Wonderland“ intoniert und das Objekt dieser Bewunderung ist sichtlich gerührt und genießt seinen Auftritt, auch wenn er relativ kurz ist. Sein Vorrundengegner John Michael wehrt sich zwar tapfer, hat aber letztlich keine Chance gegen den Altmeister, der 6:3 gewinnt und sich später dank eines 11:8 gegen Weltmeister Adrian Lewis den Turniersieg holt. „Der arme John Michael“, so ein blondes Mädchen im gestreiften Polohemd. Diese Meinung teilen aber sicher nur sehr wenige der bierseligen Zuschauer.

Mehr zum Thema

P, O, W, E und R

Auf der Bühne ist der Sport dem Image der typischen Kneipenbeschäftigung längst entwachsen. Die Spieler trinken Wasser, haben maßgefertigte Pfeile und Hemden, und nur noch eine Minderheit der Spieler ist offensichtlich übergewichtig. Phil Taylor arbeitet sogar mit einer Ernährungsexpertin zusammen, die dafür sorgt, dass er genügend Wasser zu sich nimmt und sich gesund ernährt. Er betrachtet das als Investition in seine Karriere, die nun schon länger als 20 Jahre währt, und in der er die Dartsscheiben der Welt dominiert hat wie kein anderer. Bis 55 will der Mann, der nächsten Monat 51 wird, noch weitermachen, bevor er sich in seine Villa auf Teneriffa zurückzieht und die Früchte seiner Mühen genießt. Der Sport hat ihn zum Multimillionär gemacht, schätzungsweise zehn Millionen Pfund hat er auf dem Konto.

Auf der spanischen Sonneninsel wäre jetzt wahrscheinlich niemand aus dem Publikum gern. Schon Stunden vor Beginn des Turniers war die Halle des Hotels gefüllt mit Leuten jeden Alters und Geschlechts, viele von ihnen mit Perücken, Hüten oder Kostümen. So auch vier Jungs aus Köln - Markus als Tiger, Lukas als Esel, Alex als Schneetiger und Fabian im Pinguindress. Für die vier gehört der Spaß, die Verkleidung und eine tolle Stimmung zum Darts einfach dazu, und wenn man in Köln wohne, habe man solche Karnevalsverkleidungen sowieso immer Schrank. Andere haben sich Maleranzüge gekauft und vorn die Buchstaben P, O, W, E und R aufgemalt, um so ihrem großen Helden Tribut zu zollen. Wieder andere tragen die übrig gebliebenen Fanartikel der Fußball-Weltmeisterschaften zur Schau oder haben sich in Muskelmannkostüme gezwängt. Auch beim Dart gilt: sehen und gesehen werden. Einmal von der Kamera eingefangen und in die gesamte Welt übertragen werden, und die Mühe hat sich gelohnt.

Atmosphäre wie bei einem Fußballspiel

Phil Taylor ist beeindruckt von der Begeisterungsfähigkeit der Deutschen: „Letzte Nacht, würde ich sagen, war die beste Stimmung, bei der wir jemals gespielt haben. Wir haben ja schon wirklich gute Sachen erlebt, aber dieses anhaltende Singen und Feiern war wirklich das Beste, was wir je hatten.“ Egal, ob der Meister im Saal ist oder nicht, jeder Spieler muss auch gegen ihn antreten. Das Publikum erinnert jeden daran, wer sein Liebling ist. Wer die Spiele gewinnt, scheint für die meisten jedoch nebensächlich zu sein. Hauptsache, man kann feiern.

In dem mit 1700 Zuschauern fast ausverkauften Saal herrscht eine Atmosphäre wie bei einem Fußballspiel. Hymnen auf die Helden werden angestimmt, das Bier rinnt in Strömen die Kehlen hinab, und jeder gelungene Treffer wird gefeiert wie das meisterschaftsentscheidende Tor der Lieblingsmannschaft. Als Taylor zu den Klängen von Snaps „The Power“ die lange Treppe herunterkommt, strömen die Massen zur Bühne, um ihr Idol einmal berühren zu können. Besonders glücklich wird der kleine Junge sein, der nach dem Spiel die unterschriebene Dartsscheibe überreicht bekommt. Taylor tut das regelmäßig und ist immer berührt, wenn ihm viele Jahre später ausgewachsene Männer auf die Schulter tippen und sich als diese einst kleinen Jungs vorstellen.

„Ich gehe da raus, um zu gewinnen“

Das wird er sicher vermissen in seinem Ruhestand, auch wenn er betont, dass er ja weiterhin beschäftigt sein wird. Vom Dart wird er nicht lassen können, denn das sei schließlich sein Leben. Doch all die anderen Einladungen, die er auch jetzt schon bekommt, will der Zweite der Wahl zu Englands Sportpersönlichkeit 2010 endlich wahrnehmen. So tut es ihm leid, dass er in diesem Jahr nicht an der britischen Ausgabe von „Ich bin ein Star - holt mich hier raus“ teilnehmen konnte. Bis dahin will er in den kommenden vier Jahren weiterhin Turniere gewinnen, und die Jüngeren das Fürchten lehren. Dieses Jahr besonders Paul Nicholson. Der junge Engländer versucht, sich aus Taylors Sicht auf seine Kosten in den Medien einen Namen zu machen. Für Taylor ist das jedoch kein Problem: „Die kommen und gehen. Ich mache mir darüber keine Gedanken. Ich gehe da raus, um zu gewinnen. Ich muss niemanden schlagen, die müssen mich besiegen.“

Für das Publikum ist sowieso alles klar: „There is only one Phil Taylor / walking along / singing a song / walking in a Taylor Wonderland.“

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Obama wirbt für Clinton Die große Kuschel-Show

Barack Obama und sein Vizepräsident Joe Biden geben auf dem Parteikonvent der Demokraten die befreit aufspielenden Einpeitscher für Hillary Clinton. Die hofft vor allem auf die Wählerbasis der beiden, die so genannte Obama Coalition. Mehr Von Simon Riesche, Philadelphia

28.07.2016, 07:40 Uhr | Politik
Nervenkrankheit ALS Forschungserfolg dank Ice Bucket Challenge

Im Kampf gegen die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS, haben Forscher ein neues Gen entdeckt. Rund 220 Millionen Dollar sind bei der Ice Bucket Challenge zusammen gekommen, die in die Forschung geflossen sind. Bei der Challenge kippten sich Promis einen eiskalten Eimer Wasser über den Kopf, um Aufmerksamkeit für die Krankheit zu gewinnen. Mehr

29.07.2016, 15:08 Uhr | Wissen
PGA Championship Deutscher Golfer Kaymer auf Erfolgskurs

In Springfield kämpft Martin Kaymer weiterhin bei der PGA Golf-Championship, um in die Spitzengruppe zu gelangen. Auch heute zeigte er eine gute Leistung – obwohl ihm anfangs widrige Umstände zu schaffen machten. Mehr

29.07.2016, 21:29 Uhr | Sport
Universität Gent Belgische Forscher gewinnen Trinkwasser aus Urin

Belgische Forscher haben an der Universität Gent eine Methode entwickelt, sauberes Trinkwasser aus Urin zu gewinnen. Die Technologie soll vor allem Menschen in Entwicklungsländern die Wasserversorgung sichern. Derweil tüfteln die Wissenschaftler an anderen Dingen, die sie aus Urin erzeugen können. Mehr

28.07.2016, 18:14 Uhr | Wissen
Europa-League-Qualifikation Hertha-Traumtor für einen knappen Sieg

Hertha BSC Berlin spielt wieder europäisch und gewinnt im Hinspiel der Qualifikation zur Europa-League gegen die Dänen von Bröndby IF. Das Siegtor war gleich ein erstes Highlight der noch jungen Fußballsaison. Mehr

28.07.2016, 23:19 Uhr | Sport

Die Bundesliga wird sich selbst zu teuer

Von Michael Horeni

38 Millionen für Hummels, 55 für Hulk, 90 Millionen für Higuaín – wo führen solch astronomische Ablösesummen noch hin? Während große Vereine den Transfermarkt dominieren, haben kleine das Nachsehen. Mehr 14 4