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Dart-WM : Wo die Welt noch eine Scheibe ist

Der Zauber der Zahlen: Enthusiastische Fans fordern in London den Höchstwert beim Darts Bild: LAWRENCE LUSTIG

Bei der Darts-WM im Londoner Alexandra Palace treffen sich die Haudegen dieses Sports, ihre modernen Herausforderer – und ein Publikum, das nicht genug bekommen kann.

          Ben steht auf seinem Stuhl. Er hat sich ein Kostüm übergeworfen, das eine Erdbeere darstellen soll. Er singt, als Phil Taylor auf der Bühne seine ersten Aufwärmwürfe macht. „There’s only one Phil Taylor, walking along, singing a song, walking in a Taylor Wonderland“, lautet der Lieblingssong der Darts-Fans, mit dem sie dem 15 Mal zum Weltmeister gekürten König der Pfeilewerfer huldigen. Ben schaut bei der Darts-WM im Londoner Alexandra Palace zu. Der Mittzwanziger hat fast 60 Euro Eintritt bezahlt für einen Abend, bei dem er das gut 30 Meter entfernte sportliche Geschehen auf dem im Durchmesser nur 34 Zentimeter großen Dartboard ernsthaft nur auf den Großleinwänden am Rand der Bühne verfolgen kann.

          Trotzdem ist die Halle mit 2.500 Zuschauern ausverkauft. „Aber der Sport ist für mich ohnehin nebensächlich“, sagt Ben über die Bemühungen der Spieler, einzelne 501-Punkte-Spiele, dann Sätze und ganze Partien zu gewinnen. „Darts ist eine Top-Gelegenheit, mit Freunden auszugehen, Bier zu trinken und Spaß zu haben.“ Dann springt er wieder auf seinen Stuhl und intoniert die Darts-Hymne „Chase the sun“. Männer wie Ben sind dabei fast unter sich. Der Frauenanteil im Publikum liegt unter fünf Prozent.

          Das düstere Klischee bestätigt sich meist

          So wie es aber doch auch einzelne weibliche Fans gibt, so gehen auch ganz vereinzelt Spieler an den Start, deren Arme frei von Tätowierungen sind. Die Mehrzahl der Darts-Helden entspricht hingegen noch ziemlich genau dem düsteren Klischee eines direkt von der Theke angereisten übergewichtigen Pub-Gängers. Und nicht alle haben ihre Arme so kunstvoll verziert wie der Australier Simon Whitlock, der seine persönliche Dartscheibe auf seiner Haut immer dann um ein weiteres Neuner-Feld ergänzt, wenn er ein Spiel mal wieder auf dem kürzesten und extrem seltenen Weg eines Nine-Darters beendet hat.

          Andere tragen derweil hässlich verlaufene Spuren selbst angefertigter Tattoos aus Jugendtagen mit sich herum. Und tatsächlich kommen fast alle englischen Spieler aus der Kneipe, nahezu durch die Bank entstammen sie der einst so stolzen weißen englischen „working class“. Fast ausnahmslos sind sie vom Bau oder aus Fabriken harte Arbeit mit ihren Händen gewöhnt, die am Dartboard zu dem erstaunlich filigranen Zusammenspiel von Hand-Auge-Koordination bei der Jagd nach den nur acht Millimeter hohen wertvollsten Dreifach-Feldern beitragen.

          Spitze: Auch der Australier Simon Whitlock lässt sich von seiner eigenen Leistung mitreißen
          Spitze: Auch der Australier Simon Whitlock lässt sich von seiner eigenen Leistung mitreißen : Bild: LAWRENCE LUSTIG

          „Die Basis des Sports ist nach wie vor der Pub“, sagt John Gwynne, eine der Fernsehkommentatoren-Legenden des Sports. „Es gibt Tausende Ligen, in denen Pub- oder Klub-Teams gegeneinander spielen. Und tatsächlich ist es möglich, dass es einer aus dem Pub in kürzester Zeit zur WM-Teilnahme schafft.“ So einer ist John Bowles. Früher hat der 45 Jahre alte Engländer Rugby auf semiprofesionellem Niveau gespielt. Nach seiner ersten Sportler-Karriere hat er vor sieben Jahren begonnen, Darts zu spielen. Und seit Jahresbeginn hat der 1,90 Meter große Hüne über herausragende Ergebnisse im Pub und diverse Qualifikationsturniere den Sprung in die Tour des ProfiDartverbands PDC geschafft. Seinen Job als Bauarbeiter hat er hingeschmissen, um mit seiner neuen Leidenschaft Geld zu verdienen. „Darts bietet auch im höheren Alter noch die Möglichkeit, Sportler-Ehrgeiz zu stillen“, sagt Bowles, der gegen den schottischen Weltklassespieler Gary Anderson nur knapp die bislang größte Sensation des Turniers verpasst hat.

          Geschichten wie die von Bowles ziehen die Fernsehzuschauer auf der Insel ähnlich in ihren Bann wie die unzähligen Erfolge von Superstar und Multimillionär Taylor. Bis zu sieben Millionen Menschen verfolgen das Geschehen im Alexandra Palace beim Bezahlsender SkySports aus ihren Wohnzimmern. In Deutschland, wo die Darts-Szene seit mehr als einem Jahrzehnt wächst, verzeichnet Sport 1 für Senderverhältnisse ebenfalls gute Quoten. Beim Finale am späten Abend des Neujahrstags sollen mindestens eine Million Zuschauer dabei sein.

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