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Basketball-EM : Raus aus dem Schatten

Dominanz unterm Korb: Daniel Theis (rechts) im Spiel gegen Frankreich Bild: dpa

Daniel Theis ist nach einigen Lehrjahren in der NBA angekommen. Zusammen mit Überflieger Dennis Schröder führt er das deutsche Basketballteam ins EM-Viertelfinale gegen Spanien.

          Basketballprofi mit spektakulärem Spiel, einer Vergangenheit in Braunschweig, einer Zukunft in der NBA und einer Gegenwart im Viertelfinale der Europameisterschaft von Istanbul: Wer ist das? Ja, Dennis Schröder. Doch was auf den Anführer der deutschen Nationalmannschaft zutrifft, gilt auch für Daniel Theis. Mit einer Körpergröße von 2,06 Metern ist er zwar achtzehn Zentimeter länger und gut dreißig Kilo schwerer als dieser, doch gerade erst spielt sich Theis aus dem Schatten des 23 Jahre alte Point Guard der Atlanta Hawks. Beim 84:81 am Samstag über die französische Mannschaft, mit dem die deutsche Auswahl in Istanbul das Viertelfinale am Dienstag gegen Spanien (17.45 Uhr/ live bei Telekom Sport) erreicht hat, übertraf er mit 22 Punkten (und sieben Rebounds) erstmals Schröder – um einen Punkt.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Ob er aus der Distanz trifft (wie zweimal gegen Frankreich) oder ein Anspiel über dem Korb zu einem spektakulären Dunk nutzt: Theis scheint die Ideen und Geistesblitze Schröders zu antizipieren und zu vollenden. Auch so ist er zum Vollstrecker der Nationalmannschaft geworden. Dabei kommt beiden zugute, dass sie drei Jahre lang gemeinsam in den Braunschweiger Nachwuchsmannschaften des Trainers Liviu Calin spielten – und dominierten. Beide debütierten in Braunschweig in der Bundesliga. „Theis und Schröder rocken die EM“, titelt begeistert die „Braunschweiger Zeitung“, und Bundestrainer Chris Fleming lobt die Treffsicherheit seiner beiden Spitzenspieler: „Daniel und Dennis waren herausragend!“

          Ein anderer Weg

          So sehr Ehrgeiz und Spielfreude die beiden Basketballprofis verbindet, auf so unterschiedlichem Wege sind sie in der Nationalmannschaft zusammengekommen. Schröder, der Überflieger, mit elf Jahren im Stadtpark entdeckt, wird im Herbst seine fünfte Spielzeit in der NBA beginnen. Mit 23 Jahren ist er schon einer der Spitzenspieler der Liga. Theis, zwei Jahre älter und nicht mit solch einer erstaunlichen Begabung gesegnet, hat Lehrjahre in der Bundesliga gebraucht, um zu dem Spieler zu werden, der er heute ist. In Ulm erkämpfte er sich die Auszeichnung als bester Nachwuchsspieler der Liga, in Bamberg erarbeitete er sich im täglichen Vergleich mit den überragenden Spielern seines Teams die Fähigkeit, im Vergleich mit den Besten der Euro-League zu bestehen.

          Zum dritten Mal wurde er in der vergangenen Saison Meister mit den Baskets Bamberg, gewann den Pokal und wurde als bester Verteidiger der Liga ausgezeichnet. Nun hat er dank eines Zweijahresvertrags mit den Boston Celtics die Chance, sich in der stärksten Liga der Welt durchzusetzen. Schröder hätte Theis gern nach Atlanta geholt, fand aber bei seinem Trainer Mike Budenholzer kein Gehör. Er beauftragte seinen amerikanischen Manager, einen Klub für den Freund zu finden, mit dem er einst in Braunschweig dem Traum von Amerika nachhing.

          Für Theis ist es eine Frage der Ehre, in der Nationalmannschaft zu spielen. Anders als Paul Zipser von den Chicago Bulls, der fehlt, weil er eine Verletzung auskuriert, und anders als Maxi Kleber, der bei den Dallas Mavericks ein athletisches Aufbautraining absolviert, steht er trotz der bevorstehenden Bewährungsprobe in der NBA dem Team von Bundestrainer Chris Fleming zur Verfügung. Das hat vermutlich weniger mit Deutschland zu tun, das er derzeit so famos vertritt, als vielmehr mit Kameradschaft und Dankbarkeit. Schröder erzählte, dass Theis ihn, als er noch auf die Freigabe der Celtics wartete, besorgt gefragt habe, ob ihre Freundschaft im Falle einer Absage gefährdet sei. Als Theis es vor zwei Jahren vorzog, sich im Sommer an der Schulter operieren zu lassen, statt im Nationaltrikot zu spielen, nahm er in Kauf, dass Dirk Nowitzki ihm „ein bisschen eine Frechheit“ vorwarf.

          Inzwischen ist Daniel Theis ein noch wertvollerer Spieler als damals. Der Überzeugung, dass gute Angriffe zwar ein Spiel, solide Verteidigung aber Meisterschaften gewinnen, kommen seine Fähigkeiten und seine Leidenschaft entgegen. Mit weichem Händchen trifft er zwar auch aus der Distanz, mit seiner Sprungkraft ist er ein Spieler auch für die Position unterm gegnerischen Korb. Doch ganze Arbeit leistet Theis regelmäßig, wenn er mit der Beinarbeit eines Mittelgewichtsboxers und mit harter Hand in der Defensive das Anspiel auf einen Kopf größere Centers unterbindet oder veritable Riesen am treffen hindert. Demoralisierender für das gegnerische Team als ein Dunk, hat er einmal erzählt, sei ein „blocked Shot“: den Wurf eines Angreifers wegzuschlagen oder, noch schöner, den scheinbar sicheren Korbleger gegen das Brett zu schmettern. In dieser Disziplin, die gerade im Gerangel mit Gegenspielern von gut zweieinhalb Zentner Körpergewicht äußerste Präzision verlangt, ist Theis in Europa führend.

          Quelle: F.A.Z.

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