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Comeback eines Olympiahelden : Kopf und Körper von Andreas Toba

  • -Aktualisiert am

Das Strahlen ist zurück: Andreas Toba turnt wieder Bild: dpa

Bei den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro rührte Andreas Toba die Sportfans zu Herzen. Ein Jahr nach seinem Kreuzbandriss ist der Kunstturner Andreas Toba zurück.

          Unter normalen Umständen wäre Andreas Toba diese Übung am Pauschenpferd wohl nur ein verhaltenes kurzes Klatschen in die Hände wert gewesen, seinem Trainer Adrian Catanoiu ein anerkennendes Nicken. Eine ordentliche Übung eben, ohne großen Patzer, aber auch nicht in der Perfektion, nach der ehrgeizige Turner wie er eigentlich immer streben. Kurz darauf an den Ringen lief es ähnlich. An beiden Geräten reichte es am vergangenen Samstag in Stuttgart für die höchste Note in der deutschen Konkurrenz. Bundestrainer Andreas Hirsch nominierte den Hannoveraner noch am Abend gemeinsam mit fünf weiteren Athleten für die Anfang Oktober stattfindende Einzel-Weltmeisterschaft in Montreal.

          Aber für Toba sind die Umstände nicht normal, seit einem guten Jahr sind sie ziemlich außergewöhnlich. Er hatte nach seiner Übung am Samstag allen Grund zu jubeln, Fäuste in Richtung Publikum zu ballen und noch eine ganze lange Weile glücklich dreinzublicken. Es war Tobas erster wichtiger Wettkampf nach seinem Kreuz- und Innenbandriss im rechten Knie, die er sich vor gut einem Jahr bei den Olympischen Spielen in Rio zugezogen hatte. „Den Schritt zurück auf die Matte“, will sagen: auf die Wettkampffläche, bezeichnete Andreas Toba am Samstag als den schwierigsten Moment in seiner langwierigen Rehabilitationsphase. Sein Trainer Adrian Catanoiu sagte: „Vom Kopf her hat er heute gezeigt, dass er so weit ist, aber einfach war das nicht.“

          Wochenlang Antibiotika

          Der Kopf ist das eine, der Körper das andere. Nachdem Tobas Knie im vergangenen August wiederhergestellt war, begann er tapfer mit dem üblichen Aufbautraining. Dann riss im Februar im selben Knie der Meniskus. Auch der wurde geflickt, doch das Gelenk schwoll immer wieder an, der Wiedereinstieg verzögerte sich, an Wettkämpfe war nicht zu denken. Im April wurde wegen einer Infektion im lädierten Kniegelenk ein dritter Eingriff notwendig. Wochenlang bekam er im Krankenhaus intravenös Antibiotika verabreicht. Toba sagt, er habe nie ernsthaft überlegt, das Ganze mit dem Hochleistungssport einfach zu lassen. „Ich hatte nur Angst, dass es irgendwann einfach nicht mehr geht.“

          Schmerzensmann: In Rio de Janeiro wurde Andreas Toba verletzt zum Held
          Schmerzensmann: In Rio de Janeiro wurde Andreas Toba verletzt zum Held : Bild: AP

          Immer wieder von vorne anzufangen, „immer wieder Blasen überall, immer wieder Schmerzen, immer wieder Muskelkater“ – das sei halt nicht so angenehm. Die Familie, die Freundin, die Turnkameraden, und hier insbesondere Marcel Nguyen, sowie die Physiotherapeuten hätten ihn im vergangenen Jahr immer wieder aufgebaut und gesagt: Du schaffst das! Und allen voran sein Heimtrainer Catanoiu: „Das ist eine Gottesgabe, dass ich ihn zum Trainer habe“, sagt Toba, denn er hole ihn immer wieder auf den Boden, motiviere ihn, wenn es nicht laufe, und das auf eine Art und Weise, die „so wichtig und so gut ist“.

          Catanoiu hatte den ersten Wettkampf der deutschen Turner in Rio und das Malheur seines Schützlings im Fernsehen verfolgt. Auch im Nachhinein findet er es aus Trainersicht nachvollziehbar und richtig, dass Toba mit gerissenem Kreuzband noch an das Pauschenpferd gegangen war, um eine möglichst hohe Wertung zum Teamergebnis beizutragen. Toba war damals, in den ersten, aus deutscher Sicht medaillenlosen Tagen der Olympischen Spiele, zum „Helden von Rio“ hochgeschrieben worden. Schnell galt er als derjenige, der den deutschen Turnern den Einzug ins Teamfinale gerettet hatte. Was für eine Geschichte! Catanoiu hat sich damals schon etwas gewundert, als plötzlich Journalisten bei ihm in Hannover in der Trainingshalle auftauchten.

          Heute sagt er: „Es ist ein bisschen traurig, dass man so ein Ereignis braucht, um in die Medien reinzukommen, aber dann waren wir in den Medien drin, und das war für uns auf jeden Fall positiv.“ Toba wurde berühmt und geehrt – für seine Solidarität, als Vorbild im Sport, als Sportler mit Herz, er erhielt den Bambi-Publikumspreis 2016. Mit dem ganzen Rummel hatte der bescheidene Mann nicht gerechnet, und eine Heldentat kann er bis heute in seinem Verhalten nicht erkennen: „Ich kann das eigentlich gar nicht so richtig sagen, warum das so passiert ist. Für mich war das was Normales in Rio, das bin halt ich. Wenn dann die Medien daran interessiert sind, klar ist das irgendwie schön.“ Klar ist für Toba allerdings auch, dass er „all das gegen einen vernünftigen Wettkampf und ein gesundes Knie eintauschen“ würde.

          An den Ringen: Andreas Toba beim Comeback
          An den Ringen: Andreas Toba beim Comeback : Bild: dpa

          Bei der Weltmeisterschaft in Montreal geht es nun wieder genau darum, um einen vernünftigen Wettkampf an seinen beiden Geräten, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Erst im nächsten Jahr wird er wieder an allen sechs Geräten an den Start gehen können. Toba ist hochmotiviert. Catanoiu sagt: „Wir trainieren ja nicht, um dann aufgrund von Verletzungen in die Medien zu kommen, wir wollen was erreichen und ganz oben mitzumischen.“

          Quelle: F.A.Z.

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