Home
http://www.faz.net/-gub-10cc5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Comeback bei Astana Lance Armstrong dreht das Rad zurück

24.09.2008 ·  Der siebenmalige Toursieger Lance Armstrong startet sein Comeback beim Astana-Team. Das bestätigte Armstrong am Nachmittag in New York bei einer Pressekonferenz, auf der er seine Pläne präsentierte.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (1)

Zurück in die Zukunft also, zurück zu einem vertrauten Mann: Lance Armstrong will sein Comeback nicht ohne Johan Bruyneel gestalten, seinen Mentor und langjährigen Begleiter. Der Belgier hatte maßgeblichen Anteil an den sieben Siegen von Armstrong bei der Tour de France, und er wird dem Texaner wieder zur Seite stehen. Bruyneel leitet das Team Astana, und deswegen wird sich Armstrong nun auch dieser Mannschaft anschließen.

Das wurde am Mittwoch bekannt, noch bevor Armstrong bei einer Pressekonferenz in New York erläuterte, wie er sich seine Rückkehr als Radprofi vorstellt. Natürlich war dies keine Überraschung, mit dem Team Astana war Armstrong schon seit dem Tag in Verbindung gebracht worden, an dem es die ersten Spekulationen über seine angeblich wiederentdeckte Lust am Radfahren gab. Armstrong wird sich dem Wettbewerb erstmals wieder im Januar stellen, bei der Tour Down Under in Australien. Er steigt nicht nur wieder in den Sattel, er möchte auch eine neue Antikrebskampagne starten - mit dem früheren amerikanischen Präsidenten Bill Clinton als Fürsprecher.

Armstrong spaltet das Peloton

Nur Werbung in eigener Sache, eine schlechte Show? Armstrongs Pläne werden gemeinhin sehr kritisch bewertet, und er spaltet mit seinen Absichten auch das Peloton. Vor einiger Zeit schon hatte der 37 Jahre alte Texaner gesagt, dass ihn auch Rache treibe, schließlich fühlt er sich zu Unrecht angegriffen und verdächtigt. Immer wieder waren gegen den Mann, der 1996 eine Hodenkrebserkrankung überwand, Doping-Anschuldigungen erhoben worden. (siehe auch: Lance Armstrong: Der Despot als Wohltäter)

Sie wurden schließlich sogar sehr konkret: Eine 2005 unmittelbar nach seinem Rücktritt nachträglich vorgenommene Analyse von eingefrorenen Proben wies darauf hin, dass er bei seinem Tour-Erfolg 1999 vermutlich auf Epo zurückgegriffen hatte. Allerdings blieb der positive Befund ohne juristische und sportrechtliche Konsequenzen, weil keine B-Probe vorlag. Armstrong hat sich in mehreren Prozessen immer gegen Doping-Vorwürfe gewehrt; er will seine Blutwerte künftig öffentlich darstellen.

Contador will nicht mit Armstrong radeln

Dass Armstrong plötzlich wieder im Profiradsport auftaucht, findet sogar im Team Astana mancher wenig erfreulich. Das trifft insbesondere auf Alberto Contador zu, der gerade die Spanien-Rundfahrt gewonnen hat und ein besonderes Kunststück schaffte: Ihm gelang damit das Triple, der Spanier hatte in diesem Jahr bereits den Giro d'Italia für sich entschieden und im Vorjahr die Tour de France. Jetzt fürchtet Contador offensichtlich um seine exponierte Stellung bei Astana. Er wird jedenfalls so zitiert: „Ich habe mir verdient, bei Astana Kapitän zu sein, ohne dafür jetzt zu kämpfen. Mit Armstrong könnte es Probleme geben.“ (siehe auch: Radsport: Contador will nicht mit Armstrong fahren )

Contador, der mit dem spanischen Doping-Netzwerk in Verbindung gebracht wurde, steht beim Team Astana noch bis 2010 unter Vertrag - allerdings machte er mittlerweile deutlich, dass es schon „viele Anfragen“ anderer Rennställe gebe. Bei Astana, das in diesem Jahr wegen seiner Doping-Verstrickungen nicht zur Tour eingeladen worden war, dürften Konflikte zwischen Contador und Armstrong programmiert sein.

ARD lehnt Armstrong ab, UCI heißt ihn willkommen

Die jüngsten Diskussionen um die Reizfigur Armstrong hatten verschiedene Facetten. So schalteten sich auch Fernsehsender wie die ARD ein, und die öffentlich-rechtliche Anstalt machte keinen Hehl daraus, dass sie den Radprofi Armstrong ablehnt. Andererseits hieß es, dass der Internationale Radsportverband (UCI) den Amerikaner unterstütze und sich sogar erhoffe, durch ihn wieder mehr Einfluss und Macht zu erlangen. Angeblich soll Armstrong helfen, Rennen in China und Russland zu vermarkten. Die UCI weist das zurück, zumindest sagte ihr Sprecher Enrico Carpani während der Straßen-WM in Varese: „Ich weiß nichts davon.“

Armstrong dreht zwar nun das Rad zurück, doch das vermeintlich neue System in der Branche wird er nicht wieder umkrempeln - das wenigstens glaubt mancher Teamchef. Einer von ihnen, der dem Profiradsport eine positive Entwicklung bescheinigt, sagte, dass Armstrong nicht die Mittel besitze, „alles auf sich zu ziehen“. Ganz nach der Devise: „So Leute, jetzt müsst ihr aber wieder die großen Spritzen einpacken.“

Kasachen und Australier bauen auf Armstrong

Dafür soll der Texaner aber auf alle Fälle fähig sein, im Trikot von Astana auch Kasachstan einen wertvollen Dienst zu erweisen. Nikolaj Proskurin, der Vizepräsident des kasachischen Radsport-Verbandes, ist offensichtlich guten Mutes, dass dies gelingen könnte. Er sagte: „Armstrong wird eine neue sportliche Marke für Kasachstan setzen. Er ist ein großartiger Sportsmann.“

Ebenso scheinen die Australier einiges von Armstrongs Auftritt zu erwarten. Dass der Mann, der seinen Beruf einst wie ein Besessener betrieb, im Januar in ihrem Land in die Pedale tritt, hat angeblich mit einem Entgegenkommen zu tun: Man spannt sich in Armstrongs Kampf gegen den Krebs ein, und deshalb will der vermeintliche Wohltäter auch gern kommen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1