Home
http://www.faz.net/-gub-y483
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Claudia Pechstein Kritik an de Maizière statt Antritt zum Dienst

Die Polizei verweigert Claudia Pechstein Sonderurlaub. Daraufhin erleidet sie angeblich einen Nervenzusammenbruch. Der Pechstein-Manager hält den Innenminister für „unmoralisch“ - der Konflikt hat eine neue Eskalationsstufe erreicht.

© dapd Vergrößern Soll zum Abtrainieren angehalten werden: Claudia Pechstein

Die Auseinandersetzung zwischen der fünffachen Olympiasiegerin Claudia Pechstein und ihrem Dienstherrn, dem Bundesinnenminister, hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Am Montagabend gab das Management der Eisschnellläuferin bekannt, diese habe in der vergangenen Woche einen Nervenzusammenbruch erlitten, weil die Bundespolizei, bei der sie Beamtin ist, ihr unbezahlten Urlaub verweigert. Sie habe für ihr Comeback nach zweijähriger Dopingsperre im Februar kommenden Jahres und für die Olympischen Spiele in Sotschi trainieren wollen.

Michael Reinsch Folgen:  

Ihr Manager Ralf Grengel beklagt, dass seiner Mandantin bei der Ablehnung des Sonderurlaubs und der damit verbundenen Aufforderung zum Dienstantritt offenbart worden sei, dass sie zum Abtrainieren und damit zum Ende ihrer sportlichen Laufbahn angehalten werden solle. „Dass ihr diese Entscheidung ... durch das völlig unnötige, öffentliche Vorpreschen des Bundesinnenministers aufdiktiert werden sollte, war definitiv zu viel für Claudias ohnehin schon mehr als strapaziertes Nervenkostüm“, lässt sich Grengel auf der Website von Claudia Pechstein zitieren. Er empfinde das Verhalten des Dienstherrn als höchst unmoralisch und verwerflich. Es werfe die Frage auf, ob nicht eine Verletzung der Fürsorgepflicht vorliege.

Mehr zum Thema

Der Freund der Eisschnellläuferin, Matthias Große, in deren Wohnung sie den Kollaps erlitten habe, sagte der Bild-Zeitung: „Das ist das Resultat der menschen- und leistungsverachtenden Art und Weise, wie mit Claudia in den letzten 17 Monaten umgegangen wurde. Die Funktionäre und ihr Arbeitgeber sollten sich fragen, wie weit man einen Menschen treiben kann.“

Martin Gerster: „Die Entscheidung ist richtig“

Innenminister Thomas de Maizière hatte Claudia Pechstein Mitte August, 18 Monate nach Beginn ihrer Sperre wegen abnormer Blutwerte, öffentlich aufgefordert, endlich den Dienst bei der Bundespolizei anzutreten, dem sie nach dem Ausscheiden aus der Sportförderung zugeteilt ist. Den Antrag auf unbezahlten Sonderurlaub habe die Bundespolizei abgelehnt, da er laut Begründung der Vorbereitung auf Wettkämpfe nach Ablauf der Sperre dienen sollte, teilte das Innenministerium mit. „Mit einer Gewährung wäre einer teilweisen Umgehung des Trainingsverbotes Vorschub geleistet worden“, heißt es.

„Nach den Bestimmungen des Nationalen Anti Doping Codes darf ein Athlet während einer Sperre in keiner Funktion an Wettkämpfen oder organisierten Trainingsmaßnahmen teilnehmen. Mit dem Verbot des Trainings geht naturgemäß eine Leistungsminderung des gesperrten Sportlers einher. Dies ist gerade Teil des Sanktionsziels.“ Abtrainieren dürfe die 38 Jahre alte Sportlerin selbstverständlich während ihrer Dienstzeit. Mit der Versetzung in den normalen Polizeidienst dokumentiere die Bundespolizei, dass sie sich an das Sanktionsziel halte.

Der Bundestagsabgeordnete Martin Gerster von der SPD unterstützt den CDU-Minister. „Die Entscheidung ist richtig“, sagt er. „Unbezahlter Urlaub durch den Dienstherrn kann als Unterstützung ausgelegt werden.“ Gerster hält es sich zugute, mit Anfragen zum Fehlen von Claudia Pechstein den Innenminister zu seinen Äußerungen über die Sportlerin gebracht zu haben. Eine fünffache Olympiasiegerin verdiene Kredit, sagte Gerster. „Aber ich glaube, Claudia Pechstein hat schon sehr viel Kredit in Anspruch nehmen dürfen.“

„Top 100 für Gerechtigkeit für Claudia Pechstein“

Grengel dagegen macht deutlich, dass seine Mandantin weiter laufen werde. „Um ihrer persönlich schwierigen Situation Rechnung zu tragen, wird sie in psychiatrischer Behandlung in Verbindung mit körperlichem Training nach eigenem Ermessen versuchen, gesundheitlich wieder zu genesen“, heißt es auf ihrer Website. Grengel führt wörtlich aus, „dass Claudias Dienst seit Beendigung ihrer Ausbildung bis auf ganz wenige Ausnahmen ausschließlich darin bestand, zu trainieren, zu wettkämpfen und für Deutschland möglichst viele Medaillen zu gewinnen“. Dabei soll es nach ihrer Vorstellung bleiben.

Der Makler, Bauunternehmer und Absolvent der Militärpolitischen Hochschule Minsk Matthias Große hat im Juni die Aktion „Top 100 für Gerechtigkeit für Claudia Pechstein“ initiiert. Dabei fordern Prominente den DOSB-Präsidenten und IOC-Vizepräsidenten Thomas Bach auf, sich für die Wiederaufnahme des Dopingverfahrens einzusetzen (www.meineunterschrift.com). Nach der Trennung des Ehepaares Pechstein präsentierte er sich Ende Juli als ihr neuer Freund. Sie revanchierte sich, indem sie, statt zum Dienst zu erscheinen, der Eröffnung einer seiner Currywurstbuden beiwohnte.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Streit um Polizeikosten De Maizière gegen Beteiligung der Vereine

Es ärgere ihn „tierisch“, dass an jedem Wochenende Bereitschaftspolizisten wegen gewaltbereiter Fans im Einsatz seien, sagt Bundesinnenminister de Maiziere. Das Hauptproblem bestehe aber in unteren Ligen. Mehr

31.08.2014, 13:28 Uhr | Sport
Kritik an Doping-Kontrollverfahren Sportler sind keine Buchhalter

Volleyball-Bundestrainer Heynen kritisiert das bürokratische deutsche Anti-Doping-System scharf: Er muss bei der WM auf Mittelblocker Collin verzichten, weil der drei Tests verpasste. Mehr

25.08.2014, 14:10 Uhr | Sport
Kommentar Cyber-Abwehr

Zum Schutz vor Kriminellen und Spionen tut Thomas de Maizière, was in seiner Macht liegt. Zum Glück hat die Wirtschaft eingesehen, dass sie dabei mithelfen muss. Mehr

19.08.2014, 16:59 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 14.09.2010, 17:02 Uhr

Die olympische Frage

Von Michael Reinsch, Berlin

Berlin und Hamburg müssen Zweifel an ihrer Kompetenz zur Umsetzung von Großprojekten ausräumen. Und aus Lausanne steht auch eine wichtige Antwort aus: Kann das IOC überhaupt noch Olympia? Mehr 2