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Claudia Pechstein Kampf bis aufs Blut

 ·  Claudia Pechstein gibt keine Ruhe. Seit sie um ihren Ruf kämpft, teilt sie die Welt in Freund und Feind. An diesem Samstag geht Pechstein in Erfurt wieder aufs Eis - mit dem Ziel WM im März. Zudem will sie eine Ausnahmegenehmigung.

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Nehmen wir einmal an, Claudia Pechstein ist wirklich eine Doperin. Dann erreicht die Eisschnellläuferin nun den Gipfel der Dreistigkeit. Sie verlangt eine Ausnahmegenehmigung ausgerechnet für die Blutwerte, die Grundlage ihrer Sperre wegen Blutmanipulation sind. Zwei Jahre ist es her, dass die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin, die fünfmalige Olympiasiegerin aus Berlin, die Frau, die bei Olympischen Spielen zweimal die deutsche Fahne trug, beim Weltcup in Hamar in Norwegen still und leise aus dem Wettkampf ausstieg. Der Weltverband ISU hatte sie darüber informiert, dass die Zahl der Retikulozyten in ihrem Blut über der Norm lägen - und sie gesperrt.

Seit diesem Rückzug, der wie ein Geständnis wirkte, das sie dann aber schnell widerrufen hat, kämpft Claudia Pechstein umso lauter, entschlossener, ja: verzweifelter um die Freiheit, wieder Schlittschuh laufen zu dürfen - vor Gericht, bei Fernsehauftritten, mit einem Buch. Warum sie keine Ruhe gebe, seufzte Claudia Pechstein, als sie ihre Biografie vorstellt, das habe ihre Mutter sie früher auch immer gefragt. Mit drei Jahren stellte die Mutter sie aufs Eis, und seitdem unterschied Claudia Pechstein die Menschen als Gegner und als Unterstützer. Seit sie um ihren Ruf kämpft, teilt sie die Welt in Freund und Feind.

Am vergangenen Dienstag waren die zwei Jahre Sperre um. Claudia Pechstein wird an diesem Samstag in Erfurt wieder ins Rennen gehen. Es soll das erste auf ihrem Weg zurück in den Weltcup und zur Weltmeisterschaft in Inzell im März sein. „Das wäre der größte Sieg meiner Karriere und ist mein größtes Ziel“, sagt sie, „zurückzukommen und wieder internationale Wettkämpfe zu bestreiten.“ 4:15 Minuten muss sie dafür über 3000 Meter erreichen. Vor zehn Jahren war sie die erste Frau, die für diese siebeneinhalb Runden weniger als vier Minuten brauchte; ihre Bestzeit steht bei 3:57,35. Zehn Tage nach Erfurt wird Claudia Pechstein 39 Jahre alt.

Video: Pechstein will Olympiamedaille in Sotschi

Nehmen wir einmal an, Claudia Pechstein ist keine Doperin. Dann tut sie gut daran, sich um eine Ausnahmegenehmigung zu bemühen. Denn dann wird die Zahl ihrer Retikulozyten weiter stark schwanken. Gerhard Ehninger, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie, hat ihr, nicht als Einziger, eine angeborene leichte Form der Kugelzellenanämie attestiert. Die muss man sich als temporäre Blutarmut vorstellen, die das Knochenmark immer wieder mal zwingt, neue rote Blutkörperchen zu produzieren. Bevor diese reif sind, heißen sie Retikulozyten. Aus dem Auf und Ab des Retikulozytenwertes hatten die Doping-Fahnder andere Schlüsse gezogen als Ehninger.

Einen Fall Pechstein wie in Hamar wird es nie mehr geben

Schließlich lief die Berlinerin nach dem Wechsel von Trainer Joachim Franke zu dem in Norwegen arbeitenden Amerikaner Peter Mueller immer schneller. Ende 2008 siegte sie in Moskau zum ersten Mal nach zwei Jahren wieder im Weltcup. Über 5000 Meter lief sie, mit 36 Jahren, in 6:49,92 Minuten das zweitschnellste Rennen ihres Lebens. Zum ersten Mal nach sechs Jahren gewann sie auch die 1500 Meter, in 1:55,96 Minuten, Bahnrekord. Da hielt es die ISU für angezeigt, das zu wagen, was Rad-, Ski- und Leichtathletikverband sich nicht trauten: eine verdächtige Athletin ohne direkten Nachweis von Doping und allein aufgrund eines einzigen Blutwertes über der Norm zu sperren. In Hamar schlug der Verband zu.

Mit dieser Entscheidung stellten die Eisschnellläufer das Modell des Biologischen Passes, das Blutprofil, auf den Prüfstand. Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), nannte die Revision des Falles Pechstein durch den Internationalen Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne einen Lackmustest. Der indirekte Nachweis, in der Doping-Bekämpfung dringend benötigt, kam durch, Claudia Pechsteins Sperre wurde bestätigt. Doch zum einen zeigte sich, dass der indirekte Nachweis in der Praxis doch nicht so einfach ist. Nur eine Woche nach dem Cas-Urteil empfahl die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) für den Biologischen Pass neun verschiedene Parameter. Zudem hob die ISU, wie Claudia Pechstein triumphierend mitteilt, nun den Grenzwert für Retikulozyten an. Einen Fall Pechstein auf Basis der Werte von Hamar wird es nie mehr geben.

„Man kann Ihnen nur wünschen, dass Sie die Wahrheit sagen“

Das alles macht der Öffentlichkeit deutlich, wie groß die Diskrepanz ist zwischen dem Recht für Sportler und dem für Bürger eines Rechtsstaates. Der Generalverdacht, ursprünglich eine juristische Krücke, um Athleten für Doping-Substanzen zur Verantwortung ziehen zu können, die in ihren Proben gefunden wurden, hat sich verselbständigt. In einem großen Teil der Gesellschaft ist er Konsens geworden. Nachdem Claudia Pechstein in einer Talkshow ihre Sache hatte vertreten dürfen, verabschiedete Moderator Giovanni di Lorenzo sie mit den Worten: „Man kann Ihnen nur von Herzen wünschen, dass Sie die Wahrheit sagen.“

Eberhard Diepgen ist eine der erstaunlichsten Personalien bei der Aktion „Meine Unterschrift für Gerechtigkeit im Fall Claudia Pechstein“. Der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin fordert, wie dreißig Olympiasieger überwiegend aus dem Osten, wie eine Vielzahl von Prominenten aus der DDR und wie nicht wenige Politiker von links, alles in allem hundert Persönlichkeiten, eine Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Claudia Pechstein vor dem Cas. „Im Recht gilt der Grundsatz: im Zweifel für den Angeklagten“, kritisiert der Jurist und Anwalt. „Bei Claudia Pechstein ist genau dieses nicht der Fall gewesen.“

„Das ist juristisch eine heikle Konstellation“

Diepgen sagt, wie ein großer Teil des Publikums das Wort vom Lackmustest und ähnliche Einlassungen verstanden hat: „Ich hatte den Eindruck, dass die Überzeugung vorherrschte, dass es ein Rückschlag für die Dopingbekämpfung wäre, wenn Claudia Pechstein ungeschoren davonkäme. Das ist juristisch eine heikle Konstellation.“ Deshalb schließt sich Diepgen der Forderung an, Doping zu einem Straftatbestand zu machen: „Es spricht einiges dafür, juristische Fragen außerhalb von Verbandsinteressen zu überprüfen und einem Verdacht ohne sachfremde und sportpolitische Überlegungen nachzugehen.“

Auch Claudia Pechstein fordert, die Doping-Verfolgung in die Hände von Polizei und Staatsanwaltschaft zu legen. Nicht erst, seit im März vergangenen Jahres einige Kollegen zur Hausdurchsuchung bei der Polizeihauptmeisterin anrückten, weiß sie, was das bedeutet: rechtsstaatliche Grundsätze. Schließlich wurde das Disziplinarverfahren, das ihr Dienstherr, die Bundespolizei, eingeleitet hatte, eingestellt. Sie nimmt das als Beweis ihrer Unschuld. Aber das ist auch diese Entscheidung nicht.

Außergewöhnliche Leistungen alleine erregen schon Verdacht

Als im ersten Verfahren des Falles die Beweispflicht für eine Blutmanipulation bei der ISU lag, lehnte Claudia Pechstein es ab, sich ärztlich untersuchen zu lassen, um ihre These von einer angeborenen Blutanomalie zu untermauern. Vor dem Revisionsverfahren beim Cas holte sie das nach. Allerdings: Ihr Gutachter Hubert Schrezenmeier aus Ulm kam zu der Überzeugung, dass kein Beleg für eine Kugelzellenanämie vorliege. Die Richter folgten der ISU deshalb in der Argumentation, dass es für die hohen Retikulozytenwerte keine andere Erklärung gebe als eine verbotene Manipulation. Sie bestätigten die Sperre und wiesen darauf hin, dass sie nicht Beweise erwartet hatten, die jeden Zweifel ausschließen, sondern dass ihnen in einem solchen Verfahren eine hinreichende Überzeugung (“comfortable satisfaction“) ausreiche. Ein Urteil, das Zweifel einschließt.

Weil Zweifel zum Sport von heute gehören, ist das Verfahren gegen Claudia Pechstein mit all seinen Schwächen in der breiten Öffentlichkeit nicht als schreiendes Unrecht aufgenommen worden. Die komplexen medizinischen Fragen beiseite gelassen, könnte es ja sein, so muss man das interpretieren, dass die womöglich fragwürdige Strafe trotzdem nicht die Falsche getroffen hat. Schließlich erregen außergewöhnliche Leistung und sportlicher Erfolg allein schon Verdacht. Dazu kommen die schillernden Typen, mit denen sich Claudia Pechstein umgibt.

Pechstein wird keine Zukunft in der Sportfördergruppe haben

Manager Ralf Grengel inszeniert ihren Fall wie eine Fortsetzungsgeschichte für den Boulevard, Journalistenschelte eingeschlossen. Fast fünfhundert Seiten hat die von ihm verfasste Pechstein-Autobiografie, die sich zur Hälfte mit dem Retikulozyten-Fall befasst und ein medizinisches Glossar enthält. Der neue Lebensgefährte von Claudia Pechstein, Matthias Große, in Minsk „militär-politisch“ ausgebildet und in Berlin tätig als Bauunternehmer, Makler und Betreiber einer Currywurst-Kette, machte Schlagzeilen, weil Bundestagsabgeordnete sich von seinen beharrlichen Aufforderungen zur Diskussion bedroht fühlten.

Von ihnen beraten oder nicht beraten, hat Claudia Pechstein den Innenminister persönlich gegen sich aufgebracht. Mit einer perfekten Abwechslung von Urlaub und Krankschreibung ist es ihr gelungen, in den vergangenen zwei Jahren keinen einzigen Tag Polizeidienst zu leisten. Thomas de Maizière fühlt sich vorgeführt. Die jüngste Krankschreibung bezieht sich auf einen Nervenzusammenbruch, den Claudia Pechstein mit Sport therapierte: mit täglichen Übungseinheiten bei Trainer Franke im Sportzentrum Berlin-Hohenschönhausen. Man braucht nicht das Wort Zweifel zu bemühen, wenn man über ihre Zukunft in der Sportfördergruppe der Bundespolizei spekuliert. Es wird sie nicht geben.

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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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