10.04.2008 · Eishockeyprofi Christoph Schubert steht mit den Ottawa Senators in den Play-offs. Doch im Gegensatz zum letzten Jahr, als sie das Finale erreichte, ist die Mannschaft außer Form und Schubert verkauft sich zu schlecht. Er muss eine ungeliebte Rolle spielen.
Von Jürgen Kalwa, New YorkFür einen Eishockeyspieler aus der Fremde hat Christoph Schubert im Mutterland der Sportart eine Menge erreicht. Er ist Stammspieler in einer Mannschaft, die vor einem Jahr im Finale um den Stanley Cup stand. Die Fans mögen ihn und „erkennen mich auf der Straße“. Und sein Vertrag in der besten Liga der Welt läuft noch über zwei Jahre.
Doch es gibt Augenblicke, in denen sich der 26-jährige Schubert fragt, ob seine Karriere bei den Ottawa Senators auf den richtigen Kufen läuft. Denn Schubert ist zwar gelernter Verteidiger und der Mann im Team mit dem härtesten Schlagschuss, der den Puck auf Spitzengeschwindigkeiten von mehr als Tempo 160 bringt. Aber seit mehr als einem Jahr setzt man ihn im dritten oder sogar vierten Sturm ein. Dort, wo die Kraftmeier, Zerstörer und sogenannten Enforcer gebraucht werden, die in der National Hockey League (NHL) dafür zuständig sind, publikumswirksame Prügeleien anzuzetteln.
„Was mache ich da eigentlich?“
Das gefällt Schubert ganz und gar nicht. „Was mache ich da vorn eigentlich?“ grummelte er vor Beginn der Saison, als er sich vornahm, seinem Trainer zu erklären, dass er endlich jeden Abend in der Hintermannschaft spielen will. „Ich habe ein paar Leute hart gecheckt und ich kam in 53 Spielen mal gerade auf sechs Scorer-Punkte.“ Solch eine Bilanz macht sich nicht gut bei Vertragsverhandlungen.
Anfänglich, in der Zeit nach dem Tarifstreit, dem im Winter 2004/2005 eine ganze Saison zum Opfer fiel, hatte er seine Einsätze noch als Kompliment genommen und als gute Gelegenheit, nicht auf der Ersatzbank zu versauern. Aber irgendwann fiel ihm auf, dass er sich in dieser Rolle nicht richtig profilieren kann. Denn er steht nur selten im Powerplay auf dem Eis und hat deshalb auch nur selten die Gelegenheit, frei und knallhart aus der Distanz aufs Tor abzuziehen. Doch niemand im Trainerstab der Senators scheint ein Ohr für die Bedenken des Bayern zu haben. Allerdings hat er auch noch nie richtig aufgemuckt. Im Gespräch klingt er eher konziliant und wie der mannschaftsdienlich denkende Eishockeyprofi, der keinen Aufstand in eigener Sache anzetteln will: „Wir müssen mal schauen, was wir in der Zukunft machen“.
Das Gehaltskonto weist Schubert nicht als zentrale Figur aus
Schubert unterschrieb im vergangenen Sommer in Ottawa einen Vertrag über eine Gehaltssumme von 850 000 Dollar pro Saison. Der Betrag signalisiert, dass man ihn in Ottawa nicht für eine zentrale Figur hält, um die herum man in den kommenden Jahren die Mannschaft weiter ausbaut. Jeder andere Spieler mit den Qualitäten des Deutschen verdient in der NHL das Doppelte.
„Viele Leute haben gesagt, dass ich mich ein wenig zu schlecht verkauft habe. Aber ich bin zufrieden. Wenn der Vertrag in zwei Jahren ausläuft, bin ich 28 und im besten Eishockey-Alter“, sagt Schubert. Er hatte lieber auf das Prinzip Hoffnung gesetzt, als mit dem gleichen Selbstbewusstsein und der gleichen Kraft, mit der er auf dem Eis die Gegner gegen die Bande drückt, das Klub-Management in Ottawa zu konfrontieren.
Die Senators bleiben seit Monaten hinter den Erwartungen zurück
Zu Beginn der Saison sah sich der neue Trainer John Paddock nicht genötigt, den hinlänglich bekannten Wünschen seines Spielers Rechnung zu tragen. „Wir verstehen Schubert“, sagte er einem Reporter des „Ottawa Citizen“, als der das Thema ansprach. „ Aber das wird deshalb noch lange nicht so ausgehen, wie er es will. Es ist eine Tatsache, dass er für uns im Sturm einiges an Wert besitzt.“
Inzwischen musste Paddock seinen Platz räumen, weil die technisch versierte Mannschaft, die im letzten Winter mit ihrem Tempo und ihrer Spielintelligenz fast alle Gegner in Verlegenheit brachte, seit Monaten weit hinter den Erwartungen zurückbleibt. Doch auch Bryan Murray, der zusätzlich zu seinem Job als Chefmanager den Trainerposten übernahm, hat nicht viel Erfolg. Und Schubert leistet weiter brav seine Arbeit im Angriff und hat sogar schon acht Tore erzielt und 15 Scorer-Punkte zu Buche stehen.
Der Coach verkündet Visionen in kryptischen Worten
„Ich bin nicht nur hinter dem Geld her. Ich will auch mal den Stanley Cup gewinnen. Das ist eines meiner Ziele. Und bis jetzt habe ich jedes Ziel erreicht, das ich mir gesteckt habe“, sagt Schubert. Aber kaum einer glaubt, dass dieser Wunsch mit Ottawa noch in Erfüllung geht. Die Mannschaft gehört zwar zu den torgefährlichsten in der Liga, rutschte aber in der Tabelle nach unten und konnte froh sein, dass sie die Play-offs erreichte, in denen das erste Spiel in der Serie gegen die Pittsburgh Penguins mit 0:4 verloren ging.
Coach Murray hat trotzdem eine Vision, die er in kryptischen Worten verkündete: „Sorge dafür, dass deine besten Spieler gut spielen. Wenn sie das tun, dann hast du eine Chance.“ Er meinte damit wohl vor allem seine Stürmer Daniel Alfredsson, Jason Spezza und Dany Heatley.
Was aus Schubert wird, weiß niemand sicher
Als Hauptverantwortlicher für die sportliche Bilanz des Teams hat er allerdings offensichtlich bereits den Blick auf die nächste Saison gerichtet. Dass er sich von ein paar Spielern trennen wird, deutete er schon an. Das werden vor allem teure Stars sein. Denn die Gehaltsgrenze in der NHL, genannt Salary Cap, gibt den Mannschaften nur dann Manövriermasse, wenn sie nicht zu viele Spieler mit hohem Salär verpflichten. Was aus Christoph Schubert wird, weiß sicher nicht einmal Murray.
Immerhin regen sich erste Stimmen wie im Blog auf der Internetseite des Fachblatts „Hockey News“, die zeigen, dass man in Ottawa das Potential des Münchners vielleicht doch noch irgendwann erkennt: „Vielleicht ist es an der Zeit, Schubert in der Vereidigung einzusetzen.“