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Christian Zeitz Ein gewisser Handball-Irrsinn

08.11.2008 ·  Extrem begabt, extrem faul, extrem gut, extrem schlecht. Er macht mit, aber er ist nicht dabei: Die seltsame Karriere von Christian Zeitz. Mit 28 Jahren hat der Kieler seine Laufbahn im Nationalteam für beendet erklärt.

Von Frank Heike, Kiel
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Ein trüber Oktoberabend an der Förde, ein Spiel, wie man es dutzendfach erlebt hat in der Ostseehalle: Der THW besiegt einen überforderten Gegner, die Zuschauer sehen die Kieler Profis mühelos gegen die Füchse aus Berlin gewinnen, und doch ist etwas anders als sonst. Auf der rechten Seite zeigt ein blonder Stoiker, wie schön Handball sein kann. Mal mit raketenschnellen Würfen, mal mit gescheiten Pässen oder geklauten Bällen. Er macht das alles, ohne die Miene zu verziehen, er jubelt nicht bei Toren, sondern läuft einfach zurück. Manchmal kneift er die Augen zusammen, als sei er kurzsichtig und wollte auf der Tafel erkennen, wie es steht.

Als der Sieg am Ende etwas höher ausfällt, die Stimmung etwas ausgelassener als erwartet ist, bedankt sich die Mannschaft mit den bekannten Gesten beim Publikum. Christian Zeitz macht mit, aber er ist nicht dabei. Es scheint ihm unangenehm zu sein, mit seinen hochgerissenen Armen die Menschen auf den Rängen zu animieren. Manche Kollegen versetzen ihm an diesem Abend Hiebe auf Schulter und Nacken, das heißt: „Eh, lach' doch mal!“ Zeitz lächelt. Verlegen, verschmitzt.

Extrem begabt, extrem faul, extrem gut, extrem schlecht

Es gibt in der überregionalen Wahrnehmung zwei bekannte deutsche Handballer. Das sind die Weltmeister Pascal Hens und Christian Zeitz. Hens ist gerade länger verletzt. Selbst handballferne Schichten kennen Zeitz. Sie verbinden mit ihm einen gewissen Handball-Irrsinn. Eine Karriere der Extreme: extrem begabt, extrem faul, extrem gut, extrem schlecht. Mit 28 Jahren nun hat Zeitz seine Laufbahn im Nationalteam für beendet erklärt. „Vielleicht kommt die Zeit wieder, in der ich Lust auf die Nationalmannschaft habe, aber im Moment muss das nicht sein“, hat er dem „Handball-Magazin“ gesagt, unzufrieden mit den Kurzeinsätzen in Peking und bei der EM in Norwegen davor.

Beide Male war Zeitz nicht fit, Probleme an der Hüfte und langwierige an der Schulter des Wurfarms plagen ihn. Bei beiden Turnieren hat er - vorsichtig gesagt - unglücklich gespielt. Zeitz war es wichtig, herauszustellen, dass er Bundestrainer Heiner Brand schon in Peking von seinem Rücktritt unterrichtet habe. Denn später wirkte es so, als wolle Brand ihn beim Neuaufbau nicht mehr dabeihaben. Das hat Zeitz geärgert. Und Brand haben andere Äußerungen von Zeitz geärgert, so dass der Bundestrainer jüngst sinngemäß anmerkte, Zeitz könne dem Team derzeit sowieso nicht helfen.

Rote Karten pflastern seinen Weg

Zeitz hat noch mehr gesagt. Denn beim THW Kiel kommt er auch nicht so oft zum Einsatz. Kim Andersson steht im Weg, und wenn Holger Glandorf kommen sollte, steckt er mit seinem Vertrag bis 2011 endgültig fest. Deshalb könne er sich vorstellen, zu wechseln - sogar in die Regionalliga: „Da finde ich wieder zu mir zurück und komme mit Spielanteilen in die erste Liga zurück.“ Der Stoiker hat auf einer ungeheuren Ladung gesessen, und das Gespräch war seine therapeutische Sitzung. Seine Beraterin Ciz Schönberger fand das alles nicht so toll; das Interview lief an ihr vorbei. Weil sie derzeit im Urlaub weilt, unterband sie jeden Medienkontakt zu Zeitz. Um weiteren „Missverständnissen“ vorzubeugen.

Zeitz selbst fühlt sich längst zu Unrecht in einer Schublade einsortiert. Rote Karten pflastern seinen Weg und dann wieder Spiele, die nur seinen Namen als Überschrift verdient hätten: Im Finale der Champions League 2007 gegen die SG Flensburg spielt der THW praktisch mit sieben Mann, alle anderen sind verletzt. Zeitz, der Linkshänder, der eigentlich im rechten Rückraum oder zur Not Rechtsaußen spielt, gibt den Spielmacher. Er macht das großartig. Er wirft 14 Tore. Der THW holt den Pokal.

„Egal was er der Öffentlichkeit sagt, es ist falsch“

Aber es gibt wieder Szenen, die die Handballfans spalten: Im Hinspiel etwa schießt er dem Flensburger Torwart Jan Holpert den Ball aus kurzer Distanz ins Gesicht. Die Halle kocht. Zeitz tut, als sei nichts gewesen. Sein alter Trainer Zvonimir Serdarusic stellte sich vor ihn; für ihn war Zeitz wie ein Ziehsohn. Noch heute gibt es enge Kontakte. Aber auch bei Serdarusic spielte Zeitz selten - auch wegen der Verletzungen natürlich.

Aus der Mannschaft hört man, Zeitz habe den Kopftreffer wie andere Fehler auch erkannt und bereut. Nur merkt es draußen niemand. Sein neuer Trainer Alfred Gislason sagt: „Ich verstehe ihn gut. Egal was er der Öffentlichkeit sagt, es ist falsch.“ Unter Gislason spielt Zeitz wieder mehr. Wie an diesem trüben Novemberabend an der Förde. Die Norweger aus Drammen sind zu Gast. Zeitz kommt in der zweiten Halbzeit von der Bank, als Spielmacher, weil Lövgren müde und Börge Lund verletzt ist. Alles klappt. Die Fans rufen seinen Namen. Gislason sagt später lachend: „Bei Zeitzi ist es meistens so, dass er entweder uns umbringt oder den Gegner.“ Dabei will Christian Zeitz doch nur spielen.

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