23.07.2010 · Die Tour hat nicht den besten Ruf. Doch dann räumen Alberto Contador und Andy Schleck radelnd ein paar Dinge aus der Welt. Wenn jemand sagt, der ganze Schmus wäre eine Inszenierung, dann spricht er jedem Fair-Play-Gedanken Hohn.
Von Evi SimeoniDie Leute machen es sich meistens bequem. Sie beschweren sich, es gäbe keine Vorbilder mehr und weisen anklagend auf den Sport. Hier habe die Gier den Anstand gekillt. Zum Beispiel bei der ethisch-moralischen Verkommenheits-Karawane durch Frankreich. Furchtbar. Aber wir werden nicht aufgeben auf der Suche nach dem einen Bild, das uns für einen Moment wieder mit der Welt versöhnt.
Und, parbleu, wir haben es gefunden, schon am Dienstag dieser Woche, als wir die mörderische 16. Etappe der Tour de France durch die Pyrenäen verfolgten. Es zeigt den bemerkenswerten Moment, in dem der Spanier Alberto Contador während der Fahrt seinem Rivalen Andy Schleck versöhnlich die rechte Hand auf die Schulter legt, und der lässt es sich gefallen und weist ihn nicht zurück.
Anscheinend haben sie von Rad zu Rad miteinander gesprochen und ein paar Dinge ausgeräumt, die zwischen ihnen standen. Nämlich die Frage, ob Contador am Montag wirklich hatte davonziehen dürfen, als Schleck die Kette vom Ritzel gesprungen war, um sich so das Gelbe Trikot anzueignen. Und? Durfte er? Während sich das Umfeld der geschmähten Tour de France einer ausgiebigen Fair-Play-Diskussion hingab, haben sich die beiden ohne viel Aufhebens wieder versöhnt.
Schleck und Contador sind Freunde, ihre Freundschaft sei „eng und stark“, sagte Contador, und Schleck sieht das offenbar auch so. Es sei alles wieder in Ordnung, versicherte der Luxemburger, und dass er kein nachtragender Mensch sei. Und wenn jetzt jemand sagt, der ganze Schmus wäre eine Inszenierung für Publikum und Sponsoren, dann spricht er jedem Fair-Play-Gedanken Hohn, denn er gibt der Freundschaft keine Chance. Und hat außerdem keine Ahnung von den wahren Aufgaben eines Freundes: uns beizustehen, wenn wir einen Fehler gemacht haben.
Andy Schleck jedenfalls hat die Fans am Straßenrand dazu aufgefordert, Contador nicht mehr auszupfeifen. Und beim Showdown am Donnerstag wehrte sich Contador nicht gegen Schlecks Etappensieg und herzte ihn danach wie einen Freund.