22.08.2010 · Also doch eine Frau. Caster Semenya startet an diesem Sonntag wieder in Berlin. Dort wurde sie im vergangenen Jahr Weltmeisterin über 800 Meter. Es folgten entwürdige Erfahrungen.
Von Michael Reinsch, BerlinCaster Semenya ist wieder in Berlin. Fast ein Jahr nachdem sie im Olympiastadion Weltmeisterin über 800 Meter geworden ist, wird sie am Sonntag, beim Leichtathletik-Sportfest Istaf, ihr Comeback nach elf Monaten Sperre bestreiten. Es ist erst ihr drittes Rennen seit dem Titelgewinn. „Es war gut, eine Pause zu machen“, behauptete sie am Freitag. „Vielleicht hilft mir das, mit guten Zeiten zurückzukommen.“
Als die Veranstalter des Istaf die neunzehn Jahre alte Läuferin der Öffentlichkeit vorstellten, wirkte diese ein wenig weicher und runder als vor einem Jahr. Sie habe wegen der langen Pause ein paar Kilo zu viel auf den Rippen, hatte sie angekündigt. Bis zur Vorbereitung auf ihr Comeback im März – aus dem nichts wurde – habe sie praktisch gar nicht trainiert. Die Läuferin trug ein türkisfarbenes T-Shirt mit einem als Astronaut aufgemachten Insekt auf der Brust, einer lustigen Comicfigur. Für den Ernst der Lage standen die beiden Herren, die gemeinsam mit ihr vor die Presse traten: ihr finnischer Manager Jukka Härönen und ihr südafrikanischer Trainer Michael Seme.
Die Berliner Ausführungen von Caster Semenya wirkten befremdlich angesichts ihrer niederschmetternden Geschichte. Mit achtzehn hatte sie die Goldmedaille der Weltmeisterschaft gewonnen, die Veranstaltung dennoch fluchtartig verlassen, weil öffentlich darüber spekuliert wurde, ob wie wirklich eine Frau ist. Von da an stand sie im Mittelpunkt juristischer Auseinandersetzungen, war Gegenstand politischer Polemik und hatte sich womöglich sogar einer Hormonbehandlung oder einer Operation unterziehen müssen, um wieder mit den besten Läuferinnen der Welt ins Rennen zu dürfen.
„Für mich ist es gut, zurück zu sein“, sagte sie am Freitag. „Ich erinnere mich daran, wie ich hier Weltmeister wurde. Ich bin glücklich.“ Der Beschreibung seiner Athletin widersprach deutlich ihr Manager. „Wir wissen nicht, warum die Untersuchungen und Verhandlungen so lange gedauert haben“, sagte Härkönen. „Jeder kann sich vorstellen, wie frustrierend das für Caster war. “
Bei der Weltmeisterschaft war Caster Semenya überraschend allen anderen auf und davon gerannt. In 1,55:45 Minuten siegte sie, mit einem Riesenvorsprung. Statt die Weltmeisterin wie üblich zur Pressekonferenz zu bitten, ließ der Weltverband IAAF sie in ihr Hotel chauffieren. „Es gibt Zweifel“, sagte Pierre Weiss, der Generalsekretär des Verbandes, als er an ihrer Stelle Platz genommen hatte, vor den Journalisten aus aller Welt, „dass diese Lady eine Frau ist.“ Sein Verband verhielt sich, als hätte die Achtzehnjährige sich das Startrecht ergaunert, als hätte sie sich den Sieg erschwindelt. Was bei ihr in der Einsamkeit ihres Berliner Hotelzimmers ankam, fasste sie ebenso verstört wie empört zusammen, als sie im Telefongespräch mit ihrer Großmutter in Südafrika rief: „Sie denken, ich sei ein Mann!“
Es war, als hörte man das Zähneknirschen der Funktionäre, als sie Caster Semenya am folgenden Tag bei der Siegerehrung die Goldmedaille geben mussten. Elf Monate lang, fast ein ganzes Jahr, ließen sie die junge Frau daraufhin nicht mehr starten.
Caster Semenyas Sperre wurde zum Politikum. Wenn der von Weißen dominierte Weltsport die schwarze Südafrikanerin Caster Semenya von seinen Wettbewerben ausschließe, drohte Sportminister Makhenkesi Stofile von der Regierungspartei ANC bei ihrer Rückkehr, werde dies zum dritten Weltkrieg führen. Der ANC-Abgeordnete Butana Komphela, der Vorsitzende des Sportkomitees der Nationalversammlung, warf der IAAF Rassismus und Sexismus vor und wandte sich mit einer Beschwerde an den Hochkommissar für Menschenrechte der Vereinten Nationen.
Die New Yorker Anwaltskanzlei Dewey & LeBoeuf, die schon das Startrecht des beinamputierten Läufers Oscar Pistorius bei Weltmeisterschaften der Leichtathleten durchgesetzt hatten, nahmen sich pro bono des Falls Semenya an. Viel mehr, als dass ein halbes Dutzend Mitarbeiter damit befasst sei, erfuhr man nicht. Der internationale Verband verhängte, auch wegen drohender Schadensersatzforderungen, eine strikte Nachrichtensperre.
An die scheint sich Caster Semenya bis heute zu halten. „Ich rede nicht über die großen Jungs“, sagte sie, als sie direkt auf eine mögliche medizinische Behandlung angesprochen wurde. „Wenn sie etwas über Medizin wissen wollen, gehen sie direkt ins Büro der IAAF. Ich spreche nur über die Zukunft. Ich bereite mich auf die Olympischen Spiele vor.“
Auch der südafrikanische Verbandspräsident Leonard Chuene würde die Zeit wohl gern vergessen machen. Er musste zurücktreten, weil sein Verband Caster Semenya vor der Weltmeisterschaft zu einem Dopingtest einbestellt hatte, dann aber in einem zwei Stunden langen entwürdigenden Verfahren Ärzte versuchen ließ, das Geschlecht der Läuferin eindeutig zu bestimmen. Deren Empfehlung lautete, wie sich später herausstellte, die Läuferin zurückzuziehen. In der Hinterlassenschaft von Chuene fanden sich im übrigen Akten- und Dateienreste, die dazu geführt haben, dass nun wegen Korruption und Unterschlagung gegen ihn ermittelt wird.
Zwar ordnete die IAAF noch in Berlin zwei Untersuchungen zur Bestimmung des Geschlechts von Caster Semenya an. Doch die dürre, nur drei Zeilen lange Erklärung, in der er der Athletin elf Monate darauf wieder erlaubte, an Frauenrennen teilzunehmen, gibt weder einen Grund für die Sperre noch eine Erklärung für deren Aufhebung an. „Der Prozess, der 2009 im Fall Caster Semenya (Südafrika) eingeleitet wurde, ist nun abgeschlossen“, hieß es. Weitere Kommentare wurden abgelehnt.