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Bundesliga : Warum Basketball im Osten nur langsam vorankommt

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Treffsicher: Immanuel McElroy ist eine der Säulen im Jenaer Konstrukt. Bild: Imago

Es ist noch in weiter Weg, bis die Spielstätten wie im Westen frequentiert sein werden und ein Team aus den neuen Ländern die Playoffs erreicht. Die Gründe liegen vor allem in der Vergangenheit.

          Im Jahr 1969 fasste der DDR-Ministerrat den Entschluss, Sportarten ohne Medaillenchance bei den Olympischen Spielen in der Förderung massiv zu beschneiden. Davon betroffen waren auch die Basketballspieler, deren Schicksal damit endgültig besiegelt wurde. 48 Jahre später spielen mit Science City Jena, dem Mitteldeutschen BC und den Oettinger Rockets in Erfurt erstmals drei ostdeutsche Mannschaften in der Basketball-Bundesliga. Es war ein langer und schwieriger Weg für die Korbjäger in den neuen Ländern, die immer noch die Folgen der Entscheidung von 1969 spüren. Basketball hat Boden gutgemacht, aber immer noch einen weiten Weg vor sich. Jena ist nach der Saison 2007/2008 seit 2016 das zweite Mal erstklassig, der MBC aus Weißenfels hat das Image einer Fahrstuhlmannschaft, und Erfurt gilt unter Experten als erster Abstiegskandidat.

          Als der in Göttingen geborene Jenaer Coach Björn Harmsen 1994 als Zwölfjähriger nach Thüringen kam, war Jena der einzige Verein im ganzen Bundesland, der leistungsorientiert im Basketball arbeitete. Es gab in der Stadt eine gewisse Basketball-Tradition, weil Jena zu DDR-Zeiten in der Oberliga gespielt hatte. Viel wichtiger war aber aus Harmsens Sicht, dass 1992 Basketball an der Sportschule in Jena seinen Platz fand. Der 35-Jährige, der auch schon beim Rivalen MBC unter Vertrag stand, erinnert sich an die grundsätzlichen Probleme in den neunziger Jahren: „Es war einfach schwer, Kinder zu begeistern, weil es keine Eltern gab, die diesen Sport ausgeübt hatten.“ Martin Geissler, der Geschäftsführer des Mitteldeutschen BC, spricht von „fehlender Infrastruktur und fehlender sozialer Prägung“. Aus seiner Sicht war nicht einmal das Verständnis vorhanden, wie man „Basketball semiprofessionell betreibt“.

          In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. So hat es Science City Jena geschafft, in den vergangenen fünf Jahren die Mitgliederzahl in der Jugend zu verfünffachen. Es wird aber noch dauern, bis die Bundesligamannschaft von dieser Entwicklung profitieren könnte. Das aktuelle Team ist um die erfahrenen Immanuel McElroy (37), Derrick Allen (37) und Julius Jenkins (36) gebaut, die über Jahre hinweg Stammkräfte bei Spitzenvereinen waren und auf ihre alten Tage als Garanten für den Klassenverbleib dienen sollen.

          Der Mitteldeutsche BC war der erste Ostklub in der Bundesliga, spielte von 1999 bis 2004 erstmals in der Beletage. „Damals gab es Leute in Weißenfels, die privat Geld investiert haben“, blickt Martin Geissler zurück. Allerdings seien die Verantwortlichen die Sache auch recht blauäugig angegangen und hätten es versäumt, eine Infrastruktur zu entwickeln. Es gab große Pläne in der Kleinstadt. 2004 gewann man unter dem ehemaligen Bundestrainer Henrik Dettmann und mit dem früheren Berliner Starspieler Wendell Alexis die FIBA EuroCup Challenge. Der Sieg im international schwächsten Wettbewerb wurde teuer erkauft, am Ende der Saison stand die Insolvenz. Zu dieser Zeit gab es auch Überlegungen, den Verein in das 50 Kilometer nordöstlich gelegene Leipzig umzusiedeln, die durch den finanziellen Crash aber obsolet wurden.

          2017 ist ein Wechsel in die Metropole beim Aufsteiger kein Thema mehr. Zwar tragen die Weißenfelser wie in jeder Saison eine besonders attraktive Partie in Leipzig aus, aber laut Geissler würde ein Umzug nur Sinn ergeben, wenn damit die finanziellen Möglichkeiten, oben mitzuspielen, verbunden wären. Womit neben der fehlenden Breite und Tradition das zweite große Problem angesprochen ist: Die finanziellen Ressourcen im Osten sind geringer. „Es spielt nach wie vor eine Rolle, dass die neuen Bundesländer wirtschaftlich schwächer dastehen. Mäzene oder Sponsoren ohne regionalen Bezug sind nicht in Sicht“, sagt Björn Harmsen. Dazu kommt, dass das Thema Sportsponsoring schwer zu vermitteln ist. Es steckt immer noch in den Köpfen, dass Staat und Kommunen dem Sport unter die Arme greifen.

          Deshalb nehmen die Oettinger Rockets aus Erfurt auch eine Sonderstellung unter den ostdeutschen Erstligaklubs ein, oder muss man schreiben „nahmen“? Der Neuling mit Keimzelle in Gotha verliert voraussichtlich nach dieser Saison seinen Namenssponsor. Besonders pikant: Der Vertrag mit der Brauerei läuft bereits am 31. Dezember 2017 aus. Allerdings soll es von Seiten der Eigentümerfamilie Kollmar eine Garantie gegenüber der Liga geben, die ausfallende Summe gegebenenfalls aus privaten Mitteln aufzubringen.

          2016, noch in der zweiten Liga, zog der Klub von Gotha nach Erfurt. Für das ambitionierte Ziel BBL wurde Wolfgang Heyder verpflichtet, der als Manager maßgeblich am Bamberger Aufstieg zur deutschen Basketball-Hochburg beteiligt war. „Alle Beteiligten wollen den Klassenerhalt sichern. Parallel müssen wir Rahmenbedingungen für die Zeit nach Oettinger schaffen“, erklärt der 61-Jährige.

          Als Heyder im Sommer 2016 bei den Rockets begann, lag der Budgetanteil des Namenssponsors bei 85 Prozent. Mittlerweile ist er auf unter 40 Prozent gesunken. Neben der Sorge um die zukünftige Finanzierung sieht es auch sportlich nicht rosig aus. Die mit vielen jungen deutschen Spielern formierte Mannschaft hatte bislang ein unfassbares Verletzungspech und steht mit nur zwei Siegen auf dem vorletzten Tabellenplatz. Auf den Rängen 13, 15 und 17 liegen die drei ostdeutschen Vereine im Bundesligatableau aktuell. Es ist noch in weiter Weg, bis die Spielstätten wie im Westen frequentiert sein werden und bis ein Team aus den neuen Ländern die Playoffs erreichen wird.

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