An diesem Samstag beginnt im spanischen Alicante der Volvo Ocean Race (siehe auch: Volvo Ocean Race: Gehetzt vom Windhund des Ozeans). Der 25 Jahre alter Kieler Michael Müller ist einer von zwei deutschen Teilnehmern bei einem der größten Abenteuer, die es gibt. Er ist der Jüngste in seiner Crew. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er über Notfälle, medizinische Kenntnisse und die Risiken.
Das Volvo Ocean ist gefährlich. Wie baut man den Risiken vor?
Am wichtigsten ist, dass man sich bei schwerem Wetter immer am Boot anleint.
Sie binden sich am Boot fest? Wie funktioniert das?
Man trägt ein Harness aus Gurtband um den Brustkorb. Daran ist eine Leine mit Karabiner befestigt, mit dem man sich an bestimmten Punkten im Boot einhakt. Oder man benutzt Leinen, die von vorne nach hinten laufen im Boot. Damit kann man angeleint aus dem Cockpit loslaufen bis vorne zum Bug.
Verheddert man sich da nicht mit den Kollegen?
Nein. Das schaffen wir. Wir sind es gewohnt, mit Leinen umzugehen, und machen das schon seit Jahren.
Und wenn doch etwas schiefgeht, wie würde man Sie dann im Ozean orten?
Wir haben einen kleinen Sender am Körper, den man vom Boot aus anpeilen kann. Auch vom Hubschrauber oder von Suchschiffen aus. Innerhalb des Teams haben wir uns zusätzlich für Ortungsbojen entschieden, die vom Satelliten aus gesehen werden können. Bei schwerem Wetter, wenn es dunkel und neblig ist, tragen wir beides am Körper. Die Sender sind nicht groß - etwa wie ein Mobiltelefon vor fünf Jahren.
Wissen Sie denn genau, wie Sie sich im Notfall verhalten müssten?
Ja. Wir haben das trainiert. Wir sind in einen Pool gesprungen mit unseren Überlebensanzügen, dann mit Schwimmwesten und das dritte Mal mit der Rettungsinsel, die aufgeblasen werden musste. Wir haben sie umgedreht und wieder aufgerichtet, sind ein- und wieder ausgestiegen und dann im Pool herumgeschwommen.
Herumgeschwommen ist gut. Das war wohl ziemlich extrem . . .
Das ist ein Pool mit Wellensimulator. Der erzeugt ziemlich hohe Wellen. Gleichzeitig ist es dunkel, und sie machen eine Geräuschkulisse und Blitze, und nebenbei kommt Wasser von oben. Windgeneratoren gab es da auch. Das sind schon relativ reale Bedingungen. Es ist so laut, dass man sich nicht mehr vernünftig verständigen kann. Man sieht nichts.
Und wie lange ging das?
Die ganze Übung zweieinhalb bis drei Stunden.
Waren Sie auch alleine im Pool?
Ja. Auch.
Denken Sie in solchen Momenten daran, wie riskant Ihr Sport ist?
Angst sollte man nicht haben. Man braucht eine gehörige Portion Respekt.
Sie studieren Maschinenbau, sollen aber auch medizinische Kenntnisse haben.
Ja. Auf jedem Boot sind zwei Medizinmänner vorgeschrieben, die einen speziellen Kurs absolvieren mussten. Da lernt man Infusionen legen, das Nähen von Platzwunden, Brüche schienen, Zähne reparieren.
Sie könnten bei Seegang eine Wunde nähen?
Auf jeden Fall. Das ist nichts anderes, als wenn man ein Segel näht. Wir haben das an einem toten Schwein geübt.