Coppi und Bartali, Anquetil und Poulidor, Lemond und Fignon? Heute bieten Lance Armstrong und Jan Ullrich Anlaß und Spielraum, ihre Rolle in der Welt des Sports zu interpretieren und sie mit Helden von einst und heute zu vergleichen. Der eine will als erster Radprofi der Welt die Tour de France zum sechsten Male gewinnen. Der andere will endlich, endlich, seinen Erfolg von 1997 wiederholen.
Am 3. Juli beginnen die drei Wochen des Jahres, auf die ihr Streben und Leben in den vergangenen Wochen, Monaten - vielleicht sogar Jahren - ausgerichtet waren. Dann wird sich zeigen: Wer ist gut und wer besser vorbereitet? Besiegt der Talentiertere den Entschlosseneren? Wessen Team ist stärker und wessen Taktik schlauer? Wer hat im Pulk und im Einzelzeitfahren, in der Seebrise und im Anstieg zu den Gipfeln von Pyrenäen und Alpen die größeren Reserven? Wen liebt das Publikum, und mit wem sind die Götter?
Griechischen Götter und homerische Helden
Fünf Mal wurde Ullrich Zweiter der Tour. Drei Mal war es Armstrong, der ihn besiegte, 2000, 2001 und 2003. Bei Armstrongs Siegen 1999 und 2002 fehlte der Rostocker aus der Schweiz. Doch "Das Duell" ist es, worauf auch die Tour dieses Jahres hinausläuft. Das Buch der Radsportjournalisten Sebastian Moll und Alexander Heflik ruft die Kämpfe der beiden minutiös in Erinnerung und schafft einen schönen Vorgeschmack auf das, was kommen soll.
Armstrong und Ullrich - ihr Kräftemessen ist mehr als ein Radrennen. Die Autoren ordnen sie in die Reihe der griechischen Götter und homerischen Helden ein. Der gelegentlich Schwäche simulierende Armstrong wird so zum listenreichen Odysseus, der manchmal unpäßliche Ullrich zum schmollenden Achill.
Von Bescheidenheit und Bildung geprägte Sprache
Die Biographien der beiden sind bei allen Berührungspunkten nicht bloß unterschiedlich. Sie sind kraß gegensätzlich: Armstrong entwickelt in Plano/Texas seine Ich-AG, die ihn mit sechzehn zum Triathlon-Profi und zum siegeshungrigen Egomanen macht. Ullrich wird auf seiner Planstelle im Volkseigenen Betrieb Radsport in Ost-Berlin mit siebzehn von der Öffnung der Mauer überrascht; als Teil eines Kollektivs fühlt er sich bis heute am wohlsten. Von der philosophische Dimension und der Klassik bis zur klassischen Vorschau gibt das Buch dem Zweikampf des kommenden Sommers Tiefe.
Eine wunderschöne, 72 Jahre alte Erinnerung breitet Kurt Stöpel in diesem Sommer aus. Endlich ist der Bericht des ersten Deutschen, der Zweiter der Tour de France wurde, wieder erhältlich. Seine von Bescheidenheit und Bildung geprägte Sprache geben der Erzählung vom Kampf mit Andre Leducq um den Sieg bei der Tour 1932 ebenso Farbe wie die Schwarzweißfotos, mit denen der Covadonga-Verlag die Neuauflage illustriert hat.
„Jetzt aber versagen die Beine“
4506 Kilometer lang war die Tour 1932; die des Jahres 2004 wird 1150 Kilometer kürzer sein. Bei fünf Ruhetagen, alle davon zwischen den ersten neun Etappen, waren die Distanzen, die in einem Sitz zu bewältigen waren, schon mal 387 Kilometer und dreizehn Stunden lang, wie die von Nantes nach Bordeaux. Sie führten zum größten Teil über unbefestigte Straßen. Schaltungen waren den Profis, die damals in den Nationalmannschaften von Frankreich, Italien, Belgien, der Schweiz und Deutschland antraten, verboten. Entweder sie fuhren mit derselben Übersetzung bergauf wie mit der, die sie zum Spurt nutzten, oder sie stoppten kurz und legten Hand ans Hinterrad.
Stöpel erinnert daran, wie die deutsche Mannschaft von den Veranstaltern mit miserablen Reifen versorgt wurde. Hatte einer der Favoriten eine Panne, und Stöpel hatte viele, griffen die Konkurrenten sofort an. Franzosen und Italiener verfügten nicht nur über besseres Material, sondern wurden von Betreuern und Journalisten in Begleitwagen betreut; der einsame deutsche Betreuer fuhr mit der Eisenbahn zum nächsten Etappenort. Der schwerste Tag für Stöpel war der der fünfzehnten Etappe, als es vom Genfer See nach Belford ging. Der Deutsche hatte offenbar eine Fischvergiftung erlitten, erbrach sich, konnte nicht essen, fuhr trotzdem, spuckte Blut. "Jetzt aber versagen die Beine. Die Schmerzen an den Schläfen werden unerträglich. Ich lasse mein Rad ausrollen und breche, mich vor Schmerzen windend, am Rande der Straße ohnmächtig zusammen", schreibt Stöpel. Und später, als er wieder im Sattel sitzt: "Herbert und Max geben mir ab und zu einen Stoß, der für mich eine gründliche Erleichterung bedeutet. Die Talfahrt muntert meine Tatkraft auf. Mein Magen nimmt wieder etwas Haferschleim an, und ein Quentchen Hoffnung steigt in mir auf." Es trügt nicht.
In Sonderzügen nach Paris
Lebhaft erinnert der Autor an das halsbrecherische Rennen, an das begeisterte Publikum, an den großherzigen Konkurrenten und Freund Leducq. Zugleich scheint seine Lebenserfahrung durch. Das Reglement, das ihn benachteiligte, beschreibt Stöpel so: "Entscheidend bleiben bei dieser Tour de France die Spurtankünfte, die Minuten verheißen, während kraftvolle Aktionen kaum lohnenswert erscheinen, da Leducq als hervorragender Springer Zeitgewinne einstreicht, die er niemals bei normalem Verlauf des Rennens hätte erobern können." Stöpel schrieb das Buch zwanzig Jahre nach seiner größten Tour, die auch in Deutschland Begeisterung auslöste und Begeisterte in Sonderzügen nach Paris führte. Der große Rennfahrer Stöpel starb 1997, bevor Jan Ullrich mit seinem Sieg bei der Tour eine neue, die jüngste Radsportbegeisterung in seiner Heimat auslöste, im Alter von 89 Jahren.