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Britta Steffen Unheimliche Beschleunigung

03.08.2006 ·  Bevor sie nach einer fast zweijährigen Wettkampfpause zurückkehrte, lag ihre 100-Meter-Bestzeit bei 55,27 Sekunden. Jetzt schwamm sie Weltrekord in 53,30 Sekunden. Britta Steffens Leistungsexplosion wirft Fragen auf. „Unglaublich“, sagte sie selbst.

Von Gerd Schneider, Budapest
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Australien lag in tiefer Nacht, als sich auf der anderen Seite des Planeten eine erstaunliche Geschichte abspielte. Übers Internet verbreitete sich rasch die Kunde vom neuen Weltrekord, den eine gewisse Britta Steffen aus Deutschland bei den Schwimm-Europameisterschaften in Budapest aufgestellt hatte.

Sie werden sich fühlen, als seien sie im Schlaf davon überrascht worden. Das Schwimmen ist eine nationale Angelegenheit in Australien, die besten Schwimmer sind der Stolz des Landes; und erst recht die „Golden girls“ wie Lisbeth Lenton und Jodie Henry, die die Sprintstrecken in den letzten zwei Jahren dominierten. Erst haben sie den Staffel-Weltrekord verloren. Jetzt sind sie auch noch die Bestmarke über 100 Meter Freistil los, der Königsklasse. Der internationale Schwimmsport hat über Nacht einen neuen Star bekommen: Britta Steffen.

Zeiten aus einem anderen Leben

„Unglaublich“ - das war am frühen Mittwoch abend die erste Reaktion der Deutschen nach ihrem Anschlag im Schwimmbecken von Budapest. Man konnte es an ihren Lippen ablesen. Sie hatte ein paar Sekunden gebraucht, um das Ausmaß ihres Wasser-Werks zu erfassen. Selbst die Zeitmeßanlage schien von dem Rekordlauf überrascht worden zu sein.

Es dauerte ungewöhnlich lange, bis die Zeit - 53,30 Sekunden - auf der elektronischen Anzeigentafel als Weltrekord verifiziert wurde. Erst dann erkannten Britta Steffen und die 6000 Zuschauer auf der Margareten-Insel, was da eben passiert war. Sie unterbot die bisherige Bestzeit der australischen Starschwimmerin Lisbeth Lenton um zwölf Hundertstelsekunden. Es war der zweite Streich der aus dem Oder-Städtchen Schwedt stammenden Athletin, die für den Berliner Klub SG Neukölln schwimmt. Zwei Tage zuvor hatte sie mit der 4 x 100-Meter-Freistilstaffel den Weltrekord der Australierinnen unterboten. Sie war die schnellste Schwimmerin gewesen, mit der besten Zeit (52,66 Sekunden), die jemals in einem Staffelrennen auf dieser Teilstrecke erzielt wurde.

Galt als größtes deutsches Talent

Das sind die nackten Zahlen von Britta Steffens rasantem Aufstieg zur schnellsten Schwimmerin der Welt. Faßbar machen sie ihn nicht. Erst recht nicht, wenn man diese Zeiten mit ihren bisherigen Leistungen vergleicht. Sie scheinen aus einem anderen Leben zu stammen. Bevor sie in diesem Jahr nach einer fast zweijährigen Wettkampfpause zurückkehrte, lag ihre Bestzeit bei 55,27 Sekunden. Bei den deutschen Meisterschaften in Berlin deutete sie ihre unheimliche Beschleunigung an, sie verbesserte den nationalen Rekord auf 54,29.

Kann man solche Leistungssprünge erklären? Man kann es zumindest versuchen. Daß Britta Steffen aus dem Nichts kam, mag die öffentliche Empfindung sein. In der Schwimmszene ist die Studentin des Wirtschaftsingenieurwesens dagegen alles andere als eine Unbekannte. Sie gewann 1999 bei den Junioren-Europameisterschaften sechs Titel; seitdem galt sie vielen als größtes Talent des deutschen Schwimmens, als neue Franziska van Almsick.

„Sie ist für das Schwimmen gebaut“

Sie ist 1,80 Meter groß, hat eine perfekte Schwimmerfigur mit idealen Last-Hebel-Verhältnissen. „Man muß sie nur anschauen“, sagt Örjan Madsen, der Sportdirektor des Schwimm-Verbandes, „sie ist für das Schwimmen gebaut.“ Doch auf dem Weg an die nationale Spitze trat eine Stagnation ein. Sie trainierte wie eine Besessene, aber sie schaffte es nicht, ihr Leistungspotential abzurufen. Irgendwann wurde aus der sportlichen Krise eine persönliche Krise.

In Abstimmung mit ihrem Trainer Norbert Warnatzsch nahm sie nach den Olympischen Spielen 2004 eine Auszeit vom Sport. Sie begab sich in psychologische Behandlung, um sich zu finden. Erst im August kehrte sie wieder ins Becken zurück. Früher habe sie nicht an sich geglaubt, sagte sie nach ihrem Rekordrennen: „Heute habe ich bewiesen, daß der Kopf jetzt an der richtigen Stelle sitzt.“

Trainer Warnatzsch muß sich rechtfertigen

Britta Steffen versteckt ihre Gefühle nicht. Ihr Weltrekord erschütterte sie so, daß sie sich nach dem Rennen in einem stillen Winkel erst sammeln mußte. Sie spricht ungewöhnlich offen über ihre Krise und darüber, wie sie sie überwand. Sie weiß, daß turbulente, schwierige Wochen auf sie zukommen. Sie sagt, sie wolle den Leuten ihre Leistungsexplosion erklären.

Ihr Trainer Norbert Warnatzsch hatte vor genau vier Jahren, die EM fand seinerzeit in Berlin statt, Franziska van Almsick zu ihrem legendären Weltrekord-Comeback geführt. Damals mußte er sich nicht rechtfertigen. Jetzt schon. Er sagt, Britta Steffens Körperlage beim Schwimmen sei mit der von Franzi vergleichbar. Sie habe früher viele körperliche und gesundheitliche Probleme gehabt. Man habe während der Auszeit „knallhart Ursachenforschung“ betrieben, um herauszufinden, was sie gebremst habe. „Und sie hat, ganz planmäßig und langsam, das nötige Gewicht verloren.“

Individuelle Blutprofile erstellen lassen

Und doch, es bleibt eine Leerstelle. Jeder kann sie auf seine Weise füllen. Immerhin, beim Schwimm-Verband gehen sie offensiv mit dem Generalverdacht um. Sportdirektor Örjan Madsen sagt, es sei normal, daß mißtrauische Fragen kämen: „Wir würden das genauso hinterfragen. Natürlich wird man nun mit dem Zeigefinger auf Britta zeigen. Wir müssen das akzeptieren. Schließlich hat Deutschland in dieser Hinsicht keine ruhmreiche Vergangenheit.“ Der promovierte Sportwissenschaftler aus Norwegen kündigte in Budapest eine Offensive an. In Zusammenarbeit mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) wollen die Schwimmer individuelle Blutprofile von sich erstellen lassen, mit denen man Manipulationen leichter nachweisen kann. Bei der Nada heißt es, man befürworte das. Es sei das, was man von den Verbänden seit langem fordere.

Britta Steffen ist von der Nada im vergangenen Jahr dreimal unangemeldet kontrolliert worden, auch während ihrer Schwimmpause; in diesem Jahr einmal. „Wir müssen selbst aktiv werden und dafür sorgen, daß wir noch mehr kontrolliert werden“, so Madsen, „das ist das einzige, was wir tun können.“

Quelle: F.A.Z. vom 4. August 2006
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