12.10.2009 · Quarterback Brett Favre ist 40 und gibt sein zweites Comeback. Die Einschaltquoten sind hoch wie nie, aber der Superstar spaltet die Football-Fans in Amerika. Manche verstehen den „Hype um diesen Typen nicht“.
Von Heiko Oldörp, BostonSeine Mitspieler lachten, und Brett Favre kam zumindestens ein Schmunzeln über die Lippen. „Setz dich ruhig rein“, ermunterten ihn die Kollegen, während der Quarterback der Minnesota Vikings den Schaukelstuhl musterte, der da vor seinem Spind stand und wippte. Es war ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk für den Mann, der am Samstag 40 Jahre alt wurde.
Seine graumelierten Haare und der aschfahle Dreitagebart bekräftigen das Alter, und sein Körper schmerze manchmal, als sei er sogar noch älter, sagt Favre. Nur sein rechter Arm, der fühle sich derzeit „richtig gut an. Und deshalb stehe ich noch immer da draußen“, so Favre. Denn da draußen, auf dem Football-Feld, kann er noch mithalten mit den besten Passgebern der NFL - mit Tom Brady, Eli und Peyton Manning oder Ben Roethlisberger. Letzterer ist immerhin 13 Jahre jünger. Doch das Alter, das betont Favre seit Jahren, sei da draußen nicht ausschlaggebend. Dort zählen Leistung und Erfahrung.
Siege gegen alle 32 NFL-Teams
Von Favres Fähigkeiten konnten sich kürzlich nicht nur seine ehemaligen Mitspieler von den Green Bay Packers überzeugen, die bei den Vikings 23:30 verloren, sondern auch 21,84 Millionen Amerikaner, die das „Monday Night Game“ auf dem Sender ESPN verfolgten. Nie zuvor hatte es in der Geschichte des Kabel-Fernsehens eine höhere Zuschauerzahl gegeben. Favre, Fans, Fernsehmacher - sie alle waren an jenem Montagabend Sieger. Der ganz große Triumphator jedoch hieß Favre, der jetzt als einziger Quarterback gegen alle 32 NFL-Teams gewonnen hat. Green Bay fehlte noch auf dieser Liste - abgehakt.
„Er kann immer noch für magische Momente und großartige Spielzüge sorgen“, lobt ESPN-Experte Steve Young, der 1994 als Quarterback San Francisco zum Titel geführt hatte. „Brett ist ein großartiger Wettkampftyp, hat diesen Fokus, diesen Blick für bestimmte Situationen“, schwärmt Vikings-Trainer Brad Childress. Selbst in Green Bay wurde gefeiert - „zumindest zur Hälfte“, wie eine Reporterin berichtete, die aus dem Brett-Favre-Steakhouse in der Brett-Favre-Straße zugeschaltet wurde.
Verbrannte Favre-Devotionalien
Dort saßen sie dichtgedrängt nebeneinander - die Favre-Fans. Die einen trugen ein grünes Packers-Shirt, die anderen das lila Hemd der Vikings. Gemein hatten sie eines: die 4 auf dem Rücken, die Nummer von Brett Favre. Doch nicht überall lassen sich im Bundesstaat Wisconsin Vergangenheit und Gegenwart so leicht vereinen wie hier. Die hartgesottenen „Cheese heads“, wie die Packers-Fans genannt werden, haben ihr einstiges Idol - höflich ausgedrückt - zur „Persona non grata“ erklärt, seitdem Favre am 18. August dieses Jahres in Minnesota einen Zweijahresvertrag für 25 Millionen Dollar unterschrieben hat.
Zum zweiten Mal hatte er seinen Rücktritt vom Rücktritt erklärt. Nach seinem angeblichen Karriereende am 4. März 2008 in Green Bay ging er zunächst zu den New York Jets. Das konnten sie in Green Bay noch verkraften. New York ist schließlich weit weg und spielt ohnehin in einer anderen Conference. Minnesota hingegen ist der Erzrivale. Und so versammelten sich Packers-Fans in Wisconsin zu „Monday-Night-Feuern“, verbrannten Trikots, Bälle, Campingstühle und was sonst noch alles Favres Namen trug und entflammbar war.
Dreimal in Folge MVP
Den wahren Zorn wird Favre am 1. November zu spüren bekommen, wenn Minnesota in Green Bay spielt. Wenn er nach Hause kommt, erstmals Gast im Lambeau-Field ist. Jene Arena, in der er 16 Jahre lang Schlagzahl und Schlagzeilen bestimmte. „Ich hoffe, die Packers-Fans wissen, was ich für sie fühle“, sagt Favre mit vorsichtiger Stimme. 40 Prozent oder 5867 Tage seines Lebens war er das Gesicht des Vereins, der personifizierte Packer. Der Mann, der T-Shirt, Jeans und Turnschuhe jedem Maßanzug vorzieht, passte einfach in die rauhe Region im Norden der Vereinigten Staaten, wo der Winter bereits Ende Oktober beginnt und garantiert bis Anfang Mai dauert.
Er galt als authentisch, ehrlich, ungeschminkt und als scheinbar zeitlos zuverlässig. Die Chicago Bears verbrauchten zwischen dem 20. September 1992 und dem 20. Januar 2008 insgesamt 21 Spielmacher. In Green Bay gab es in den 271 Spielen dieser Zeit nur einen Quarterback - Brett Favre. Er führte das Team 1996 zur Meisterschaft, wurde dreimal in Folge zum wertvollsten Spieler der Liga (MVP) gewählt. Und er setzte sich auch am 22. Dezember 2003 den gelben Helm mit dem weißen G auf. Es war der Tag nach dem Unfalltod seines Vaters Irvin, der sein erster Trainer war und der kein Spiel seines Sohnes von der fünften Klasse an verpasst hatte. Privat war Favre im Tal, sportlich hingegen an jenem Montagabend mit vier Touchdown-Pässen beim 41:7-Sieg in Oakland so gut wie nie. „Mein Vater hätte gewollt, dass ich spiele“, sagte er anschließend.
Steve DeBerg wird von der NFL als ältester Quarterback geführt. Er war bei seinem letzten Spiel für Atlanta 44 Jahre und 279 Tage alt. Ob dieser Rekord vor Favre sicher ist, weiß wohl nur Favre selbst. Er hat bereits die meisten Touchdowns geworfen, die meisten Spiele gewonnen und hält unzählige weitere Bestmarken. Und er gehört auch in seiner 19. NFL-Saison zu den Besten, hat in fünf Spielen neun Touchdown-Pässe geworfen.
Bescheidene Play-off-Bilanz
Nur zwei Quarterbacks rangieren vor ihm. Doch die NFL-Saison wird im Februar entschieden - und da hat Favre letztmals vor 13 Jahren geglänzt. „Er hat mit Minnesota fünf Spiele gewonnen, ist noch unbesiegt. Aber wir haben Oktober“, sagt Tony Massarotti, Football-Experte der Tageszeitung „Boston Globe“, und verweist auf Favres Play-off-Bilanz der vergangenen zehn Jahre. „Nur drei Siege. Drei. Ich verstehe den Hype um diesen Typen nicht“, sagt Massarotti spürbar genervt.
„Meine Karriere sagt alles“, entgegnet Favre in solchen Momenten gelassen. Er ist zu lange im Geschäft, um sich dadurch ablenken zu lassen. Und wer 16 Jahre lang dem Winter in Winsconsin getrotzt hat, gilt ohnehin als hartgesotten. „Einige werden mich immer mögen, andere nicht. Aber das kann ich gut verstehen“, sagt Favre - und wippt mit der Ruhe eines 40-Jährigen in seinem Schaukelstuhl.