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Breakdancer Dergin Tokmak Ein Held muss nicht perfekt sein

 ·  „Viele Behinderte“, sagt Dergin Tokmak, „hätten verlernt zu träumen.“ Der Breakdancer auf Krücken hat indes seinen Weg zum Glück gefunden: Wie ein Deutsch-Türke aus Augsburg trotz Kinderlähmung zu einem Akrobaten der Weltklasse wurde.

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© dpa Breakdancer Dergin Tokmak: Weltklasse-Akrobat auf Krücken

Lustig ist das eigentlich nicht. Aber Dergin Tokmak kann darüber herzlich lachen. Am Abend zuvor war er als Showgast einer Veranstaltung in Frankfurt aufgetreten, bei der das Bundesfamilienministerium Schwerin als behindertenfreundliche „Barrierefreie Stadt 2012“ auszeichnete. 500 Gäste stießen im Palmengarten an, Minister, Aufsichtsräte, Oberbürgermeister, Vorstände, alle da. Alle, nur keine Rollstuhlfahrer. Ja, sagt Tokmak, der mit einem Jahr an Kinderlähmung erkrankte und nie gehen konnte, ja, sagt er, so ist das. „Behinderte und nichtbehinderte Menschen sind noch weit voneinander entfernt.“

Lustig sei auch gewesen, dass die Veranstalter ihn in Frankfurt in einem Hotel unterbrachten, das alles andere als behindertengerecht ist. Als er mitten in der Nacht ankam, musste er die Frau an der Rezeption bitten, ihm den Rollstuhl die Treppen hochzutragen. „Das hat mir schon ein bisschen leid getan.“ Nicht für ihn, sondern für die Frau. Tokmak ist mit den Krücken die Treppen hoch, für ihn ist das kein Problem.

Star der Manege, großer Akrobat und Künstler

Tokmak, 38 Jahre alt, ist einer jener Menschen, die grundsätzlich positiv ins Leben schauen, heiter, offen, freundlich. Er ist kein Jammerer, keiner, der über solche Geschichten wie die in Frankfurt klagen würde. Er erzählt nur davon, hält den Spiegel hin, damit die Leute sehen, wie viel noch im Argen liegt im Umgang mit Behinderten.

Als Dergin Tokmak ganz am Anfang seines Lebens merkte, dass er keine funktionierenden Beine hatte, da hat er seine Arme benutzt, mit drei Jahren schon konnte er auf den Händen gehen. Das war die Voraussetzung, dass er später zu den Breakdancern fand, dass er auf seinen Krücken tanzen lernte, dass er beim Cirque du Soleil auftrat, dass er um die Welt reiste, ein Star der Manage wurde, ein großer Akrobat und Künstler.

Es war ein langer Weg dorthin. Dergin Tokmak ist in Augsburg geboren. Seine Eltern kamen aus der Türkei. Als er acht Monate alt war, nahmen ihn Mutter und Vater mit in die alte Heimat, zum Besuch bei Verwandten in Mörekköy, einem Dorf mit 150 Einwohnern, 400 Kilometer nordöstlich von Ankara, wo es damals weder elektrischen Strom gab noch eine öffentliche Wasserversorgung. In Mörekköy wurde der kleine Dergin krank, Erbrechen, Fieber, Durchfall. Zurück in Deutschland, steckte man ihn ins Krankenhaus, Quarantäne, nach einem Monat stand die Diagnose fest: Polio, Kinderlähmung. Die Eltern hatten ihn ohne Impfung mit nach Mörekköy genommen, dort hatte ihn das Virus erwischt.

Die nächsten beiden Jahre lag er in der Klinik. In seinen ersten zehn Lebensjahren operierten sie ihn zwölfmal. Sie schnitten Sehnen heraus und verpflanzten sie, um die Beine beweglicher zu machen, das Hüftgelenk fixierten sie mit Schrauben. Wenn er heute zurückblickt auf die Zeit, sieht er die Narben. Und das Krankenhaus, in das er immer und immer wieder musste, die Klinik, die er hasste.

Mit Tanzen verschaffte er sich Respekt

Was macht ein Kind, das für jeden Schritt Krücken braucht, wenn es ein bisschen Spaß haben will? „Du lässt die nichtsnutzigen Beine weg und probierst es mit den Armen“, sagt Tokmak. Er hat manchen Sport ausprobiert, Schwimmen, Tischtennis, Rollstuhlbasketball, Bogenschießen. Irgendwann hat ihn sein Cousin in Augsburg mit ins Jugendzentrum genommen, und plötzlich war der behinderte Junge in der B-Boy-Szene, bei den Breakdancern, bei der Musik - bei ihr vor allem. Mit Tanzen konnte er sich Respekt verschaffen, auf den Händen, auf den Krücken. Es war Sport, und zugleich war es mehr als Sport. „Ich war ein Unikat“, sagt Tokmak. „Ich konnte meinen Stil entwickeln, ohne Vorgabe.“

Drei, vier Stunden am Tag trainierte er, seinen Eltern erzählte er nichts davon. Sie hätten es nicht verstanden, das harte Training, die Stürze, sie wollten ihren Jungen beschützen, ihr Leben lang machten sie sich Vorwürfe, dass sie ihn damals ohne Impfung mit in die Türkei genommen hatten. Doch der Sohn wollte keinen Schutz. Er wollte trainieren, stürzen, weiter trainieren, so wie die anderen. „Wenn einer gefallen ist“, sagt er, „haben wir darüber gelacht, wir haben den Schmerz geteilt.“ Der Junge auf Krücken, mit kaputten Beinen, aber mit einem perfekten Oberkörper, fand seinen Platz zum Leben. „Ich war nicht Türke, nicht Deutscher“, sagt er. „Die Hip-Hop-Szene hat mich aufgenommen, sie hat mir eine Heimat gegeben, ein Lebensgefühl.“

Daneben war er in einer Behindertenschule. Ein bisschen Schlaraffenland, sagt Tokmak. Alles perfekt. „Natürlich sieht es in der normalen Welt anders aus, da hält dir keiner mehr das Händchen.“ Mit 15 war es soweit. Ausbildung in einem Berufsbildungswerk. Aus dem Schlaraffenland ab in die Hölle. Behinderte zusammen mit schwer erziehbaren Jungs, deutschen Jungs, und Tokmak, nicht nur behindert, sondern auch mit türkischen Wurzeln. Für manchen Deutschen hieß das: ein behinderter Kanake. Harte Jahre.

Mit Run DMC auf Europatour

Dergin Tokmak hat es durchgezogen. Trotz einer kritischen Phase. Mit 17 war da plötzlich etwas, das sich anhörte wie die Chance seines Lebens. Run DMC, die legendäre US-Hiphop-Band, war auf Europatour, für die Vorgruppe wurden Tänzer gesucht, und Tokmak ließ die Schule Schule sein und fuhr mit. Keiner wusste, wo er war, drei Wochen lang. Es war ein Desaster, sie schliefen zu neunt im Bus, für das Catering mussten sie selbst bezahlen, sie wurden hemmungslos ausgenutzt. Als er wieder zurückkam in die Schule, hatte er es nur einem klugen Meister zu verdanken, dass er noch eine Chance bekam. Er nutzte sie, im Juli 1994 hatte er seinen Abschluss, Note zwei. Raus aus dem Heim. Freiheit.

Schon zuvor hatte Tokmak mit Freunden die Breakdance-Gruppe DA F.U.N.K. gegründet. Jedes Mitglied eine andere Nationalität. Multikulti-Hip-Hop mit Krückentänzer. Jetzt übten sie, tanzten sie. Dazu fand Tokmak einen Job als technischer Sachbearbeiter. Acht Jahre arbeitete er im Büro, während DA F.U.N.K immer erfolgreicher wurde, mit Auftritten auch im Fernsehen. Aber nach zehn Jahren hatte sich die Gruppe totgetanzt, totverdient, war Mainstream geworden, ein Geschäft, hatte ihre Seele verloren, das war ihr Ende.

„Sechser im Lotto“: Ein Vertrag beim Cirque du Soleil

Tokmak, Künstlername „Stix“, tanzte weiter. 2003 dann „der Sechser im Lotto“. Der Cirque du Soleil suchte für eine Großproduktion einen „limping angel“, einen hinkenden Engel, er suchte ihn in der internationalen Breakdance-Szene - und er fand Dergin Tokmak. Er bekam einen Vertrag und eine neue Familie. 180 Menschen auf Tour, Weltklassekünstler und Akrobaten aus allen möglichen Nationen. Sechs Jahre tanzte er den hinkenden Engel. Zwei Jahre in Amerika, ein Jahr in Australien, zwei Jahre in Europa und eines in Asien. Zwischen sechs und vierzehn Wochen gastierte der Zirkus in jeder Stadt, viel Zeit, die Welt kennenzulernen. Dergin Tokmak hatte es geschafft, vom Jugendhaus auf die ganz große Bühne. Wie es dort oben ist? „Ich hatte das Gefühl, fliegen zu können“, sagt er. „Man taucht in eine Art Trance während des Auftritts. Vier Minuten, und niemand weiß, wie viel dahintersteckt, wie viel Training, wie viele Jahre.“

Wie viel Sport steckt dahinter, wie viel Kunst? „Die Emotionen, das Bauchgefühl, die innere Kraft, die Musik, das ist das, was stärker ist als die körperliche Kraft, die irgendwann verlorengeht. Ich fühle mich deshalb mehr als Künstler denn als Sportler.“ Sport ist nur das Handwerk. Wobei er etwas ist, das Tokmak allen empfiehlt. „Für uns behinderte Menschen ist Sport sehr wichtig. Er bringt uns anderen näher, er ist auch eine Form des Kommunizierens.“

Vor einem Jahr hat Tokmak den Cirque du Soleil verlassen, es ist sein erstes Jahr als selbständiger Künstler. Es läuft gut, 50 Auftritte hat er in diesem Jahr. Es ist ein neuer Abschnitt. Er ist jetzt sein eigener Manager, darf nicht nur tanzen, sondern muss sich auch organisieren. Um den Einstieg in Deutschland wieder zu schaffen, sich bekannt zu machen, hat er letztes Jahr bei „Das Supertalent“ vorgetanzt. „Eine Plattform, über die man viele jüngere Menschen erreichen kann“, nennt er die trashige RTL-Show. „Das ist manchmal eine hässliche Soap, das Format ist sehr billig, es geht darum, schnell Kohle machen, aber die Leute schauen es.“ Würde er es noch einmal machen? „Nein.“

„Man darf nicht auf das Glück warten“

Tokmak hat ein Buch (“Stix“) geschrieben, das im Mai im Irisiana-Verlag erschien, er erzählt darin seine Geschichte, und auch wenn seine Leidenschaft dem Tanzen gehört, der Bewegung, der Musik, diesem flirrenden Lebensgefühl des Hip-Hop, so will er nach all den Jahren doch mehr als unterhalten. „Ich will dazwischenfunken“, sagt er. „Ich will zeigen, dass nicht das Äußerliche zählt, nicht das Oberflächliche, ich will zeigen, dass man aus seinem Nachteil auch einen Vorteil machen kann, dass Helden nicht perfekt sein müssen.“

Es könne kein barrierefreies Leben geben, sagt er, jeder Mensch müsse Hindernisse überwinden, nicht alle seien wegzuräumen. „Viele Behinderte“, sagt Tokmak, „haben verlernt zu träumen. Doch man kann auch als behinderter Mensch seine Träume erfüllen. Aber man darf nicht auf das Glück warten. Man muss sich auf den Weg machen zu ihm.“ Dergin Tokmak hat es bewiesen: Das geht auch mit Krücken.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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