14.04.2008 · Der Spitzensport steckt in einer Identitätskrise. In Deutschland führt das zu einem verstärkten Interesse an den Fragen, wer ihn steuert, wer ihn finanziert - und ob es Aufgabe des Staates sein kann, sich für Medaillen im professionalisierten Sport stark zu machen. Denn die Funktionäre haben es schwer.
Von Jörg HahnIn Berlin erzählt man sich mit einer Mischung aus Vergnügen und Unverständnis davon, wie vor ein paar Wochen Volker Kauder den deutschen Sport abgewatscht hat. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion empfing die Spitzen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), die mit ihm über die Aufnahme des Sports als Staatsziel ins Grundgesetz reden wollten.
Die CDU lehnt dieses Ansinnen, im Gegensatz zu SPD, FDP und auch Grünen, rigoros ab. Kauder nahm sich nicht viel Zeit, bevor er die Sportfunktionäre, unter ihnen der Parteifreund und DFB-Präsident Theo Zwanziger, wie lästige Kleinlobbyisten wegschickte. Eigentlich ist es der Sport hierzulande noch gewohnt, als wichtiger gesellschaftspolitischer Faktor hofiert zu werden, ob von der Kanzlerin oder vom Bundespräsidenten, die bisweilen mit Fanschal um den Hals auf der Tribüne mitjubeln.
Im Wintersport wird vom „Staatssport“ gesprochen
Der von FDP-Mitglied Thomas Bach geführte DOSB steht für fast 28 Millionen Mitgliedschaften in rund 90.000 Sportvereinen; der DFB bezeichnet sich mit seinen etwa sechseinhalb Millionen Mitgliedern als größter Sportfachverband der Welt; und der deutsche Staat ist - aus den Etats verschiedener Ministerien - mit Aufwendungen von weit mehr als hundert Millionen Euro jährlich der größte Sportförderer. Gerade im Wintersport wird schon von einem „Staatssport“ gesprochen, weil so viele der der erfolgreichen Athleten Angehörige von Bundeswehr, Bundespolizei oder Zoll sind.
Was vor den Olympischen Spielen von München 1972 als Reaktion der Bundesrepublik auf die Erfolge der „Staatsamateure“ aus der DDR begann, ist aus dem deutschen Sport nicht mehr wegzudenken. Bei den Spielen 2000 in Sydney erschienen Athleten erstmals bei Siegerehrungen in Uniform. Achtzig Prozent der Winter-Olympiamannschaft von Turin 2006 waren bei Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll angestellt.
In London 2012 soll es wieder aufwärtsgehen
Der Deutsche Olympische Sportbund ist noch keine zwei Jahre alt. Anstoß für die Verschmelzung der Nachkriegsorganisationen Deutscher Sportbund (DSB) und Nationales Olympisches Komitee (NOK) war der befürchtete Sinkflug deutscher Spitzensportler bei Olympischen Spielen: Platz sechs im Medaillenspiegel 2004 in Athen. In Peking könnte es mit viel Glück noch für einen Platz unter den ersten zehn reichen. In vier Jahren in London soll es angeblich wieder aufwärtsgehen.
Weil, so heißt es, ein Dachverband schneller und besser agieren könne als zwei parallel arbeitende, mitunter gar konkurrierende Apparate. Als am 20. Mai 2006 die beiden Organisationen zusammenfanden, waren in der Öffentlichkeit immens hohe, gerade im Leistungssport schwer zu erfüllende Erwartungen an den neuen Sportbund geweckt worden. Deshalb ist die Fusion der in rund fünf Jahrzehnten nebeneinander entwickelten Strukturen im gemeinsam von NOK und DSB genutzten Haus des Sports in Frankfurt auch längst nicht vollendet.
Skandale gefährden gesellschaftliche Anerkennung
Die großen Probleme lassen sich nicht mit einem Gründungsvertrag beseitigen: die Doping-Diskussion wird so intensiv wie selten in den vergangenen zwei Jahrzehnten geführt - trotz eines Zehn-Punkte-Plans, trotz einer neuen, von dem früheren Bundesverfassungsgerichtsmitglied Udo Steiner geleiteten Prüfkommission und trotz eines Forschungsauftrags zur deutschen Doping-Vergangenheit in Ost und West. Die angespannte Haushaltslage und die Sorge um rückläufige, möglicherweise irgendwann ganz wegbrechende Einnahmen aus dem staatlichen Glücksspiel hat der DOSB vom DSB geerbt.
An den wichtigen politischen Schauplätzen in Brüssel und in Berlin ist der DOSB ebenso gefordert wie in den Ländern. Aber sein Engagement ist auch bis in die kleinsten Verästelungen des ehrenamtlich geprägten deutschen Sports gefragt, wo es zunächst nicht um Medaillen und Titel oder um den Sport als Wirtschaftsfaktor geht, sondern um nicht selten mühsam zu bearbeitende Themen wie die Integration von Alten oder Ausländern. Der Breitensport muss auf demographische Entwicklungen reagieren. Für die Finanzierung von Breiten- und Leistungssport werden neue Wege gesucht. Und für den Hochleistungssport gilt: Weitere Doping-Skandale - sie werden wohl leider nicht lange auf sich warten lassen - gefährden die gesellschaftliche Anerkennung der Förderung aus Steuermitteln.
Gienger verstrickt sich immer wieder in Widersprüche
Bach muss zudem neben den Herausforderungen in der Heimat immer wieder in seine zweite große Rolle schlüpfen, die des mächtigen Vizepräsidenten im Internationalen Olympischen Komitee, in der er von Lausanne bis Peking gefragt ist. In der internationalen Sportpolitik seit langem zu Hause, fand Bach sich im eigenen Land in einem Gestrüpp von Interessen wieder.
Bei der Besetzung des ehrenamtlichen DOSB-Vorstandes hatte Bach offenbar keine glückliche Hand: Der frühere Turner Eberhard Gienger wurde Vizepräsident mit dem Ressort Spitzensport. Er führte sich zunächst mit Einlassungen zum Thema Doping ein, die seine eigene Anabolika-Einnahme als therapeutisch notwendig rechtfertigen sollten - und nur allgemeines Kopfschütteln hervorriefen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete erwies sich seither weder im Bundestag noch im Sportausschuss als schlagkräftiger Interessenvertreter. Immer wieder verstrickt er sich - auch in seinen öffentlichen Aussagen - in Widersprüche.
Sollten Erfolge ausbleiben, gerät Vesper in Erklärungsnot
Auch in den eigenen Reihen wird Gienger als Fehlbesetzung bezeichnet, und so dürfte es ihm auch kaum gelingen, bei Männern wie Kauder für den Sport ein gutes und gewichtiges Wort einzulegen. Dem Vorsitzenden des Bundestagssportausschusses, Peter Danckert (SPD), ist Gienger hoffnungslos unterlegen. Danckert treibt, um sein Renommee zu steigern, den DOSB gern in den Medien vor sich her - gerade bei Themen wie Doping oder dem Streit über die Olympischen Spiele in China.
Bei der Verteilung hauptamtlicher Posten an der DOSB-Spitze versuchte Bach es besser zu machen. Überraschend verpflichtete er Michael Vesper, früher Landesminister der Grünen in Düsseldorf, als Generaldirektor. Vesper machte sich im Herbst 2006 mit großem Eifer ans Werk. Aber er hat feststellen müssen, dass es in der Welt der Sportfunktionäre anders - mitunter irrationaler - zugeht als in der Politik. Die am Wochenende beendeten olympischen Tagungen in Peking haben Vesper vor allem gezeigt, dass im IOC ein anderes Demokratieverständnis herrscht als etwa in einer deutschen Landesregierung. Im August wird Vesper „Chef de Mission“ der rund 450 Athleten umfassenden deutschen Olympiamannschaft in Peking sein. Er ist sich bewusst: Sollten Erfolge ausbleiben, gerät er in Erklärungsnot.
Positionspapier: „Das DDR-Erbe ist aufgebraucht“
Der DOSB braucht auch künftig die Millionen des Staates. Die Mittel aus den öffentlichen Haushalten sollen mittelfristig stabil gehalten und langfristig gesteigert werden. Neben der direkten finanziellen Förderung sind die wichtigsten staatlichen Leistungen, Sportler etwa in der Bundeswehr beruflich abzusichern und die Infrastruktur (Sportstätten wie Bob- und Rodelbahnen oder Skisprungschanzen) bereitzustellen. Jede Irritation, jeder Zweifel an der Verantwortung des Bundes für die olympische Medaillenbilanz ist daher gefährlich für den DOSB. Bach und Vesper haben somit an der Diskussion, welche Art der Sportförderung Deutschland sich leisten sollte, kein Interesse.
Die deutsche Sportlandschaft ist voller autonomer, schwer erreichbarer Inseln. Daran hat auch die Fusion von DSB und NOK zunächst wenig verändert. Nachdem Bach die Olympiabewerbung Münchens um die Winterspiele 2018 angeschoben hat, gibt es zumindest wieder ein großes, verbindendes Ziel im deutschen Sport. Schon vor knapp acht Jahren, nach den Olympischen Spielen in Sydney, traten die Fachleute des Deutschen Sportbundes an, den Spitzensport zu reformieren. Es war ersichtlich geworden, dass die Vereinigungseffekte den deutschen Sport nicht mehr länger tragen würden. „Das DDR-Erbe ist aufgebraucht“, hieß es in einem Positionspapier.
Entbürokratisieren und von Ballast befreien
Gefordert wurden unter anderem ein effektiverer Einsatz der Fördermittel, ein flexibleres System, in dem auch Trainerentlassungen möglich sein müssten, eine flächendeckende Versorgung mit sportbetonten Schulen sowie professionelle Kräfte in den Verbänden, um den komplizierten Anforderungen des Leistungssports gewachsen zu sein. Die Zahl der Trainingsstützpunkte in den Bundesländern sollte drastisch reduziert werden. Dazu kamen Klagen der Vereinsbasis über eklatante Defizite in der Talentsichtung und -förderung sowie über eine desolate Schulsportsituation. Vieles, so wurde attestiert, beruhe auf dem Zufallsprinzip, regionale Eitelkeiten behinderten die Entwicklung.
Sechs Jahre später erbten Bach und seine Mitstreiter diesen Katalog, die 2000 formulierten Aufgaben waren weitgehend unerledigt geblieben. Der DOSB hat deshalb eine stärkere Führungsfunktion übernommen und mit den Verbänden „Zielvereinbarungen“ geschlossen. Das Motto für alle heißt: entbürokratisieren und von Ballast in der Verwaltung befreien, um Prozesse einfach, schnell und effizient zu machen. Doch der Zugriff des DOSB auf die formal autonomen Fachverbände ist begrenzt.
Eine selbstbewusste Nation benötigt keine staatliche Spitzen-Sportförderung
Paul Rabe (heidelpaul)
- 14.04.2008, 14:49 Uhr
Politik und Sport kann man gar nicht trennen
Robert Schrey (etiterum)
- 14.04.2008, 15:10 Uhr
@ Herrn Rabe
Johannes Müller-Wachtendonk (perello)
- 14.04.2008, 17:12 Uhr
@Herrn Wachtendonk - Spitzensport benötigen wir nicht
Paul Rabe (heidelpaul)
- 14.04.2008, 18:53 Uhr
Sport ist gut
Klaus Schubert (exergie)
- 15.04.2008, 12:57 Uhr