07.11.2009 · Nachdem David Haye den Klitschkos die Köpfe nicht abschlagen konnte, fordert er Nikolai Walujew. Den verbalen Schlagabtausch gewann der Brite. Doch er wirkt mit 1,90 Meter und knapp 100 Kilo gegenüber Walujew wie ein Hänfling.
Von Hartmut Scherzer, NürnbergDavid Haye hat seinen Namen und die Riesenfigur Nikolai Walujews zum Programm gemacht: „David against Goliath“. Der Titel aus der Bibel steht dezent auf Hayes blauem T-Shirt, eingekreist von seinem Spitz- oder Kampfnamen „Hayemaker“ (Heumacher). Die Geschichte aus dem Alten Testament soll sich nach Hayes Ankündigung am Samstag (22.15 Uhr / Live in der ARD) in der Nürnberger Arena wiederholen. „Ich werde ihn k. o. schlagen.“ So wie David im 1. Buch Samuel mit einer Steinschleuder Goliath tötete.
Sittsam sitzt der dunkelhäutige Londoner Boxer mit den zu Rastafurchen gelegten Haaren und dem gepflegten Bart auf dem Podium der Pressekonferenz. Nichts erinnert mehr an den Widerling im schwarzen T-Shirt mit den abgeschlagenen Klitschko-Köpfen. Vor einigen Monaten hatte Haye mit diesem menschenverachtenden Motiv versucht, Werbung für seinen Kampf gegen Witali Klitschko zu machen, nachdem sich zuvor schon ein Match gegen Wladimir zerschlagen hatte.
Aber auch dieser Fight kam nicht zustande, und so fordert der ehemalige Champion im Cruisergewicht den rund 50 Kilo schwereren und einen Kopf größeren Russen Walujew um den Weltmeistertitel im Schwergewicht nach Version der World Boxing Association (WBA) heraus. Die Klitschkos besitzen die anderen drei Gürtel.
„Er hat einen so großen Kopf, den kann ich gar nicht verfehlen“
Haye wirkt diesmal als Provokateur alles andere als überzeugend. Er trägt zwar weiterhin prahlerischen Sprüche vor, aber mit der monotonen Tonlage eines Buchhalters. Er sagt: „Ich werde das Biest erlegen. Er hat einen so großen, hässlichen Kopf, den kann ich gar nicht verfehlen. Nikolai hat bisher nur gegen alte Leute geboxt, die über dem Berg waren, aber noch nie gegen einen meines Kalibers, der jung und frisch ist wie ich.“ Haye ist 29 Jahre alt, Walujew 36.
Hier versucht einer krampfhaft, Cassius Clay alias Muhammad Ali zu imitieren. Nikolai Walujew lächelt nebenan nur milde. Haye macht keinen Hehl daraus, dass seine Sprüche, denen keine Grenzen des Geschmacks gesetzt seien, allein der Promotion dienten, der eigenen und der des englischen Fernsehsenders Sky.
Außerdem liebe ihn der Londoner Boulevard wegen der Schlagzeilen, die seine verbalen Rundumschläge lieferten. Ungewohnt zahm gibt Haye zu, das alles Gerede in dem Augenblick völlig unbedeutend sei, sobald sie im Ring stünden. David Haye muss zum „Augentest“ zu Nikolai Walujew aufschauen. Er besteht ihn. Doch sein ungewohnt gesittetes Auftreten ist für Promoter Wilfried Sauerland ein Indiz: „Der hat Angst.“
Haye ist mit 1,90 Meter und nicht einmal 100 Kilo ein Hänfling
Beide haben fast ein Jahr lang nicht geboxt. Walujew zuletzt am 20. Dezember vergangenen Jahres in Zürich gegen Evander Holyfield. Der Punktsieg war umstritten. Haye hat noch länger pausiert. Nachdem er die drei Titel im Cruisergewicht (Limit 90,72 Kilo) niedergelegt hatte, gab er sein Debüt im Schwergewicht am 15. November 2008 in London mit einem Technischen K.-o.-Sieg in der 5. Runde über den bereits 37 Jahre alten Amerikaner Monte Barrett, wurde aber selbst zu Boden geschlagen. Diesen Barrett hatten Wladimir Klitschko bei seinem Aufstieg und Walujew bei seiner Premiere in den Vereinigten Staaten bereits vorzeitig besiegt.
David Haye ist zweifellos eine schillernde Figur im Ring, boxt sehr schnell, sehr beweglich, nahezu deckungslos. Bemerkenswerte Reflexe, Explosivität und Schlagkraft zeichnen ihn aus. Dennoch warnt die „Sunday Times“: „Als Schwergewicht hat Haye noch einen weiten Weg vor sich und lebt in der Gesellschaft von Wladimir und Witali Klitschko gefährlich.“ Weniger gefährlich, glauben Haye und sein Manager/Trainer Adam Booth, in der Gesellschaft Walujews. Haye ist mit 1,90 Meter und nicht einmal 100 Kilo gegenüber den Riesen aus der Ukraine und aus St. Petersburg ein Hänfling.
Die Prognosen zum Ausgang des Kampfes hören sich gleich an
Haye kann wie die Klitschkos und sein Mentor Lennox Lewis, Olympiasieger 1988, auf eine ordentliche Grundausbildung als Amateur verweisen. Er war Teilnehmer der Weltmeisterschaften 1999 in Houston und 2001 in Belfast, wo er im Finale dem späteren Olympiasieger Odlanier Solis aus Kuba unterlag. Seit seinem Profidebüt 2002 bestritt Haye 23 Kämpfe, von denen er 21 durch K. o. gewann, aber einen 2004 gegen seinen bereits 40 Jahre alten Landsmann und ehemaligen Weltmeister Carl Thompson durch Technischen K. o. verlor.
Die Prognosen zum Ausgang des Nürnberger Kampfes hören sich nahezu gleich an. Haye wird mit seiner Schnelligkeit und Technik den schwerfälligen Koloss so lange ausboxen und austanzen, bis seine Psyche und Physis von der gewaltigen Masse seines Gegners gegen Ende des Kampfes erdrückt werden. Es sei denn, er hat einen Stein in der Schleuder.