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Boxer Arthur Abraham Erlösung gibt es nicht

21.06.2008 ·  Arthur Abraham, einer der besten deutschen Boxer, setzt Samstag Nacht gegen Edison Miranda in Florida dazu an, Amerika zu erobern. Michael Lentz hat ihn getroffen: Begegnung zwischen einem boxenden Schriftsteller und einem lesenden Boxer.

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Gleich läuft ein Film über einen echten Boxer, sagt die junge Frau an der Kasse in Friedrichshagen. Die beiden älteren Damen sind enttäuscht. Kein Spielfilm? Doch, von einem Spielfilm habe der Film auch etwas. Aber es gehe ums Boxen, fragen die beiden Damen nach. Ums Boxen, ja. Das kann man doch gar nicht verfilmen, erwidert die eine, während die andere anfügt, einen solchen Film wolle sie sowieso nicht sehen. Außerdem sei hier ja gar nichts los. Die absolute Ausnahme, ruft die junge Frau ihnen noch nach, die anderen Vorstellungen seien bestens besucht gewesen.

Vielleicht hätte ich die beiden Damen überreden sollen, den Film doch anzuschauen, überlege ich, als der Vorhang sich öffnet, dann könnte ich sie nachher nach ihrer Meinung über den Boxer fragen. Vielleicht aber hat sie auch der junge Mann hinter ihnen dazu bewogen, das Weite zu suchen, der ein Kapuzenshirt mit dem Aufdruck „Boxtempel Berlin“ trägt. Dabei steht der „Boxtempel“ für eine der besten Adressen in Berlin, wenn es ums Boxen geht. Vielleicht ist 18 Uhr aber auch ein bisschen zu früh für „Es geht um alles“ – und einen Samstag verbringt man um diese Jahreszeit eh lieber am See. Dem Boxtempler und mir soll es recht sein, wir teilen uns Saal und Galerie des Kinos und freuen uns somit auf eine Privatvorführung.

Boxen als Kunst und Schauspielerei

Sind Boxsport und Film wirklich unvereinbar? Dass Boxen eine Kunst ist und die immense körperliche Anstrengung bei der Ausübung des immer Gleichen, das vermag der Film nicht einzufangen; dass Boxen etwas mit Schauspielerei zu tun hat, wie Ulli Wegner, der Trainer des Sauerland-Boxstalls, sagt, hingegen sehr wohl. Und die Einsamkeit des Boxers, der nichts hat als das Boxen, von dem alle immer Leistung und Siege erwarten, das transportiert der Film auch. Ein Klischee, ein schwer zu lebendes allerdings.

Erlösung gibt es nicht: Der Boxer Arthur Abraham

Arthur Abraham, der Boxer, ist sich darüber im Klaren. Der Medienrummel um seine Person lässt ihn nicht kalt, er versucht, sich ihm zu stellen und ihm die positiven Seiten abzugewinnen. Am Schluss des Films erscheint er zusammen mit seinem John Wayne verehrenden Trainer als Cowboy – eine Einstimmung auf die Reise nach Amerika, nach Hollywood in Florida. Dort wird er in der Nacht von Samstag auf Sonntag zum zweiten Mal gegen Edison Miranda boxen (3.05 Uhr, ARD live), der ihm bei ihrer letzten Begegnung am 23. September 2006 den Kiefer doppelt gebrochen hat und dennoch nach zwölf Runden unterlegen war.

„Dieses Mal werde ich ihn killen“

Das will Miranda natürlich nicht auf sich sitzen lassen. „Dieses Mal werde ich ihn killen. Es gibt nichts, was mich davon abhalten könnte“, tönt er im Magazin „BoxSport“, „Abraham ist ein Idiot, dass er noch einmal mit mir in den Ring steigt.“ Das gewohnte Sprücheklopfen reicht Miranda nicht, er legt noch eine Schippe drauf: „Ich werde ihn jagen wie ein verwundetes Schwein und ihn dann schlachten. (. . .) Verglichen mit diesem Kampf, wird unser erstes Aufeinandertreffen wie ein Kinderfilm von Walt Disney aussehen. (. . .) Das letzte Mal hat Abraham die Umkleidekabine auf einer Trage verlassen. Dieses Mal wird er nicht so viel Glück haben. Die Trage sollte schon in seiner Ringecke stehen.“

Nicht schlecht gebrüllt, Löwe? Zweifellos schiebt hier eine gute Portion Hass die Rhetorik an, schließlich fühlte sich Miranda in Deutschland ja auch betrogen. Der einzige Boxer, bei dem das Maul so groß war wie seine boxerischen Fähigkeiten, ist und bleibt Muhammad Ali. Auch unter diesem Aspekt lohnt es sich immer wieder, den Film „When We Were Kings“ anzuschauen. Ali hätte auch einen brillanten Rhetorikweltmeister abgegeben, wäre dieser Titel zu vergeben gewesen.

Selbstbewusst, zielgerichtet, unbeirrbar

Eine Zeitlang marschierte Arthur Abraham mit der phrygischen Mütze zum Ring ein, bis das Tragen der Schlumpfmütze im August 2006 urheberrechtlich untersagt wurde. Seitdem hat er eine Krone auf, was ihm auch besser steht und seine boxerischen Qualitäten besser repräsentiert. Vom Schlumpf über den König zum Cowboy, so wandlungsfähig kann ein Image sein – und doch scheint sich der am 20. Februar 1980 als Awetik Abrahamjan im armenischen Eriwan geborene Abraham, der 1995 gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder, dem Boxer Alexander Abraham, und seinen Eltern nach Deutschland kam und seit Ende August 2006 deutscher Staatsbürger ist, bei diesen Metamorphosen, die leicht ins Lächerliche geraten könnten, nicht selbst verleugnet zu haben. Dafür tritt er zu selbstbewusst auf, zu zielgerichtet und unbeirrbar.

Auch dieser Eindruck bleibt nach „Es geht um alles“: Ulli Wegner kümmert sich um seine Boxer wie ein Familienoberhaupt, stets auf Pünktlichkeit und Manieren bedacht, er formt seine Schützlinge und lässt ihnen so schnell nichts durchgehen. Abraham ordnet sich der Disziplin unter, schließlich dient sie seinem großen Ziel, ganz nach oben zu kommen, und da führt an Amerika kein Weg vorbei, hat er doch seine Wahlheimat als derzeit bester deutscher Boxer bereits erobert. Auch das Hollywood des Boxsports liegt in den Vereinigten Staaten. Hier lockt immer noch das große Geld, wer hier reüssiert, ist international durchgesetzt. Aber ist derjenige auch noch er selbst geblieben?

Nicht ganz durchschaubar

In „Es geht um alles“ macht Arthur Abraham den Eindruck, mit sich im Reinen zu sein, nicht ganz durchschaubar, als Boxer, der auch Schauspieler ist, eine Rolle spielend, die schützende Distanz schafft. Ist er wirklich so nett, wie er daherkommt, wie er sich in den Medien gibt? Kann ein Boxer „nett“ sein? Letztlich zählt nur eins: Der Kampf findet im Ring statt – und nur dort ist auch die Wahrheit zu finden. Wie treffend Klischees doch mitunter sein können – und der Boxsport ist eine der wenigen menschlichen Selbstinszenierungen, wo sich ein Klischee immer wieder neu bewahrheitet. Und in der Wiederholung des immer Gleichen, bei wechselnden Akteuren, ist da nicht auch die Vision, dass es um mehr geht, um die Selbstüberwindung des Menschen, dargeboten von Stellvertretern, denen neben der Aussicht auf möglichen körperlichen und geistigen Schaden auch ein wenig Unsterblichkeit winkt? Vielleicht gibt es aber auch jenseits des Baren als des einzig Wahren gar keine Metaphysik des Boxsports, allerdings auch keine Erlösung von ihm. Eines immerhin ist gewiss: Der Mensch stammt vom Känguru ab; Handschuhe, Bandagen und Mundschutz sind seine zivilisatorischen Errungenschaften – die Schlimmeres auch nicht immer verhindern.

Arthur Abraham blutet stark aus dem Mund. Das ist kein Theaterblut, meine Damen. Vielleicht haben sie solche Szenen ja geahnt. Historische Momente gibt es auch im Boxen nur wenige. Der erste Kampf zwischen Edison Miranda und Arthur Abraham, der auf der Leinwand noch mal Revue passiert, war ein solcher. Er ist mittlerweile viel besungen worden. Oftmals leider ausschließlich aufgrund seiner martialischen Aspekte. Der Kampf war auch eine Werbung für den Boxsport – allerdings nicht wegen des vielen Blutes. Arthur Abraham hatte sich über alle Zweifel hinweggesetzt, seinem Trainer zugestimmt weiterzumachen und schließlich ein sensationelles Ding geliefert. Abrahams Standhaftigkeit ist nicht nur spektakulär, sondern auch von pädagogischem Wert. Er besteht zum einen darin, in extremen Situationen klugen Kopf zu bewahren – und Arthur Abraham hatte spätestens von der 4. Runde an schlau geboxt und mit bewundernswertem Durchhaltewillen. Zum anderen zeigt der Kampf, dass sich Beharrlichkeit in der Verfolgung seiner Ziele auszahlen kann, und nicht immer sind damit ja dermaßen erhöhte Gesundheitsrisiken verbunden.

„Ist das nicht herrlich?“

„Herrlich“, das ist ein Wort, das schon Franz Kafka außerordentlich geschätzt hat. Ulli Wegner steht im Keller seines Hauses und liest ein an der Wand hängendes Gedicht vor, das ihn sichtlich bewegt. „Ist das nicht herrlich?“, fragt er. Doch, es ist herrlich, und die rührendste Szene des Films überdies. Dann geht der Vorhang zu, und die beiden Damen haben einen sehenswerten Film verpasst, der einem das Boxen näherbringt und neben Ulli Wegner vor allem Arthur Abraham. Ob ihn ein Gespräch noch näher bringen kann?

Treffpunkt Sauerland Event, Hanns-Braun-Straße 1, Berlin, einen Tag später. Eine riesige, zum Olympiapark gehörende Anlage, Teil des von den Nazis für die Olympiade 1936 errichteten Geländes, unweit des Olympiastadions. Auf dieser Anlage sind auch das 1935 gebaute Olympiaschwimmstadion und das 1970 gegründete Sportmuseum Berlin zu finden, das Deutschlands größte Sammlung an Sportobjekten und eine einmalige sporthistorische Bibliothek und Fotosammlung beherbergt.

Das Wasser ist noch viel heißer

Im Max-Schmeling-Gym, der Heimstätte des Sauerland-Boxstalls, sieht es tatsächlich so aus, wie der Film es zeigt. Letzte Trainingseinheit vor Abrahams Abreise ins Trainingslager nach Zinnowitz. Die Boxer bearbeiten noch einige Minuten die Boxsäcke, kaltes, überhelles Neonlicht, der Raum ist überhitzt. Von ihrer Profession sollen sie durch nichts abgelenkt werden, so nüchtern und unspektakulär ist das hier. Boxen ist auch ein Kampf mit sich selbst. Streng hängen die zylindrischen Leder-Boxsäcke von der Decke, ein Geräteensemble von großer Schönheit. In einem die ganze Wandseite einnehmenden Spiegel können die Boxer jede ihrer Bewegungen kontrollieren. Arthur Abraham bevorzugt einen Boxsack mittlerer Größe.

Da ist die Inneneinrichtung des malerisch in einem Hinterhof in Berlin-Weißensee gelegenen „Boxtempels“ doch gleich viel anheimelnder und im landläufigen Sinne filmreifer. Allein die ausnahmslos von Hand angefertigten Boxsäcke sehen aus wie eigens für einen Film geschaffen. Ihre Rund- und Kegelformen eignen sich auch für Kick- und Thaiboxen, zwei weiteren Kampfkünsten, die in Weißensee trainiert werden. Der Boxring hat schon im „Tatort“ Filmmeriten erlangt. „Du wirst sehen“, hatte Ralf Hackradt, der Inhaber des Boxtempels gesagt, „dort kocht man auch nur mit Wasser, allerdings ist das Wasser da noch viel heißer, und die Jungs setzen knallhart alles auf eine Karte, aufs Boxen.“ Herrlich.

Was kommt nach dem Boxen?

Arthur Abraham und seine Boxstall-Kollegen gehen noch sechs Kilometer laufen, „zur Entspannung“, wie Georg Bramowski, Co-Trainer des Sauerland-Teams, betont. Bramowski ist unerschütterlich, dem macht keiner was vor.

Dann kann das Interview beginnen. „Wir sagen du“, sagt Arthur Abraham gleich, „das ist einfacher.“ Er wirkt aufgeräumt und selbstbewusst. Die Ruhe, die er ausstrahlt, ist beste Werbung für einen Sport, den man auch als Anfänger bloß um des Trainings willen ausüben kann – und sollte, gilt Boxen, was das Herz- und Kreislauftraining und die Kondition anbelangt, doch als eine der effizientesten Sportarten überhaupt.

Der Weltmeistertitel steht beim zweiten Kampf gegen Miranda nicht auf dem Spiel, da bei einem vereinbarten Gewichtslimit von 75,3 Kilo in keiner offiziellen Gewichtsklasse geboxt wird. Warum riskiert Arthur Abraham dann einen möglichen Imageverlust, seine Entthronung als „King Arthur“? Das frage ich ihn. Und über die Kunst des Boxens, den unbedingten Willen zu gewinnen. Was denkt er über seine Gegner? Ist Abraham aus der Reserve zu locken? Und was kommt nach dem Boxen?

Mike Tyson ist verschwunden

Das Interview (siehe: Interview: Wer ist der beste Boxer aller Zeiten, Herr Abraham?) ist zu Ende. Man könne das Gespräch ja im Auto fortsetzen, ich könne ein Stück weit mitfahren. Auf dem Körnerplatz im Olympiapark findet ein Cricketspiel statt. Die weißgekleideten Spieler ziehen Abrahams Aufmerksamkeit auf sich. Er ist fassungslos, dass man so einen Sport überhaupt ausüben kann. Ein merkwürdiges Spiel, sagt er, und so statisch, das sei nichts für ihn. Im Auto, auf dem Beifahrersitz, ist er dann schnell wieder bei einem Lieblingsthema. Ein Auto müsse schnell sein und mit allen technischen Raffinessen ausgestattet. Da gebe es ja mittlerweile das selbst einparkende Auto, ein wahrer technischer Fortschritt. Gemessen an ihrer Fahrweise, sei es für viele Autofahrer das Beste, wenn das Auto ganz alleine fahren würde und man sich um nichts mehr zu kümmern brauche. Dann könne man zum Beispiel mehr lesen. Oder sich die Landschaft anschauen. Nichts gehe aber über Schneemobil-Fahren. Das allerdings dürfe nie so weit entwickelt werden, dass es vollautomatisch fahre.

In „Es geht um alles“ gibt es einen eher unscheinbaren Star, dem neben dem Boxen die ganze Aufmerksamkeit der Abraham-Brüder gehört. Arthur ist regelrecht neidisch darauf, dass sein Bruder mit ihm alles anstellen kann, auch „Toter Mann“ spielen. Gerne hätte ich noch erfahren, ob der Familienliebling die anstrengenden Filmarbeiten gut überstanden hat. Die Frage wäre obsolet gewesen. Was ich nicht wusste: Drei Wochen vor dem Interview ist Mike Tyson, ein drolliges Kaninchen, das die Abrahams fünf Jahre lang begleitet hat, verschwunden, aus der Villa in Berlin einfach abgehauen. Ob das schlau war? Dabei hat Arthur Abraham immer die Cleverness von Mike Tyson hervorgehoben. Trotz ausgeschriebener Belohnung blieb er unauffindbar. Anachronistisch, aber traditionsbewusst hat Arthur Abraham den Nachfolger auf den Namen Max Schmeling getauft.Das Interview mit Arthur Abraham lesen Sie auf Seite 6.

Der Schriftsteller Michael Lentz, geboren 1964 in Düren, boxt im „Boxtempel Berlin“. Zuletzt veröffentlichte er den Roman „Pazifik Exil“.

Das Interview mit Arthur Abraham finden Sie hier: Interview: Wer ist der beste Boxer aller Zeiten, Herr Abraham?

Quelle: F.A.Z.
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