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Boxer Andreas Sidon : Er schlägt sich durchs Leben

  • -Aktualisiert am

Boxen ist der Hammer: Andreas Sidon beim Training in einem Frankfurter Gym Bild: Wonge Bergmann

Andreas Sidon ist 48, boxt aber immer weiter, weil er jeden Euro gut gebrauchen kann. Und weil er kurz davor ist, zehn Jahre deutscher Meister zu sein. Doch der Verband will, dass er seine Karriere beendet.

          Andreas Sidon sieht die Schläge kommen, aber er kann ihnen nicht mehr ausweichen. Die wilden Schwinger von Fernandez Agybane treffen ihn links und rechts am Kopf. Das Publikum in Lissabon peitscht den Lokalmatador nach vorne, aber Sidon gibt nicht auf. Wie auch. Der 48 Jahre alte Berufsboxer aus Gießen schlägt sich schon immer durch: nicht nur im Boxring, sondern durch das Leben. Nachdem er im Alter von zehn Jahren seine Eltern nach einem Autounfall verloren hatte, war er oft auf sich alleine gestellt. Der alleinerziehende Vater von drei Kindern lebt mittlerweile von Hartz IV, die Zeit der lukrativen Börsen ist unwiederbringlich vorbei. Und der Bund Deutscher Berufsboxer (BDB), dessen deutscher Meister im Schwergewicht Sidon noch immer ist, will ihn am Weiterboxen hindern. Vor vier Jahren entzog der Verband ihm aus gesundheitlichen Gründen die Lizenz, die Parteien streiten vor Gericht.

          Herr Sidon, wann ist man zu alt zum Boxen?

          Wenn man nicht mehr bereit ist, sein Leben seinen Zielen zu unterwerfen. Wenn man nicht mehr bereit ist, jegliches Tun dem Boxsport zu widmen. Die Reaktion und die Augen werden langsamer, dass muss man durch Kondition kompensieren. Wenn man das nicht mehr will, sollte man es sein lassen. Man darf aber natürlich nicht mehr das Ziel haben, die Klitschkos schlagen zu wollen.

           Welche Ziele hat man denn mit 48 Jahren noch?

          Es ist mein Ziel, meinen deutschen Meistertitel zu verteidigen. Ich bin kurz davor, zehn Jahre deutscher Meister im Schwergewicht zu sein. Ich merke aber, dass es immer schwerer und aufwendiger wird, mich in Form zu halten.

          Macht Boxen noch Spaß?

          Es macht immer Spaß, an sich zu arbeiten und sich weiterzuentwickeln. Das stockt natürlich im Alter. Man kann die Form eigentlich nur noch erhalten und nicht mehr ausbauen. Das wird schon langsam Arbeit.

          Haben Sie keine Angst um Ihre Gesundheit? Der Boxverband hat Ihnen die Lizenz mit der Begründung abgenommen, Sie könnten im nächsten Kampf sterben.

          Ich habe seitdem neunmal geboxt und hatte nicht das Gefühl, dass ich in der Nähe des Todes war. Dafür bin ich zu fit.

          Die Kinder sind nicht mit nach Lissabon gereist. Mit 19, 17 und 14 Jahren sind sie alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Nachdem Sidons Lebensgefährtin 2003 bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, bei welchem dem Boxer ein Ohr abgerissen wurde, saßen die Kinder zwangsläufig mit am Ring. Daraus strickte der Boulevard Schlagzeilen wie: „Papa lässt sich verprügeln, damit wir in den Urlaub fahren können.“ Saskia, Albano und Mandana besuchen das Gymnasium, sie sollen später nicht um ihren Lebensunterhalt kämpfen müssen wie ihr Vater, der sich trotz aller Niederschläge seine Lebensfreude bewahrt hat. Der durchtrainierte Schwergewichtler lacht laut und viel.

          Andreas Sidon, deutscher Meister im Schwergewicht seit fast zehn Jahren
          Andreas Sidon, deutscher Meister im Schwergewicht seit fast zehn Jahren : Bild: Wonge Bergmann

          Nach dem Tod seiner Eltern wuchs der gebürtige Wuppertaler Sidon im Kinderheim auf, bis man ihn im Alter von 17 Jahren hinauswarf. Er jobte als Kellner und Verkäufer von Timesharing-Wohnungen auf den Kanaren, als Thaiboxer in Thailand, wo er in Strandbars gegen amerikanische Soldaten kämpfte und Zweiter der Weltmeisterschaften wurde, und als Kickboxer, Türsteher und Bodyguard in Deutschland. „Zwei Meter, 100 Kilo“ lauteten die Attribute, mit denen Sidon in Zeitungsanzeigen für seine Dienste warb.

          Herr Sidon, ist das Leben ein Kampf?

          Das Leben ist immer Kampf, für uns alle. Das ist schlimm. Aber eine gewisse kämpferische Haltung tut auch gut. Denn das Leben ist eigentlich schön, aber es ist ein Kampf, dass es auch schön bleibt. Wenn man mehr Positives als Negatives erfahren will, muss man kämpfen. Das Leben verläuft nicht immer glatt, und dann ist der Kampfgeist gefragt. Stelle ich mich dagegen, oder lasse ich mich unterdrücken?

          Sie haben viel Negatives erfahren im Leben. Wie verkraftet man solche Schicksalsschläge?

          Es ist wichtig, verdrängen zu können. Und körperlich fit zu sein. Nach dem Unfall 2003 habe ich kaum noch etwas gegessen und habe zehn Kilogramm abgenommen. Ich habe nur roboterhaft für die Kinder funktioniert. Sobald ich wieder gegessen habe und gelaufen bin, wurde es besser, ich wurde wieder stärker. Dann ist das Leben leichter zu ertragen. Ich brauche die körperliche Belastung, sie gibt mir Entspannung, die mich im Gleichgewicht hält. Ohne das Boxen wäre mein Leben vielleicht unglücklicher verlaufen.

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