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Boxen Zwischen Gruselfilm und Heldenepos

24.09.2006 ·  Der Berliner Arthur Abraham verteidigte seinen IBF-WM-Titel im Mittelgewicht im roten Bereich. Trotz eines zweifachen blutigen Kieferbruchs sah der Ringrichter keinen Anlaß, den Kampf abzubrechen.

Von Hans-Joachim Leyenberg, Wetzlar
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Randy Neumann sah aus, als käme er direkt von der Arbeit im Schlachthaus. Mit schweißgetränktem, blutverschmiertem Hemd. Der Amerikaner ist Ringrichter der International Boxing Federation (IBF). Kein besonders guter, muß nach dem Gemetzel um die Weltmeisterschaft im Mittelgewicht zwischen Titelverteidiger Arthur Abraham und seinem Herausforderer Edison Miranda festgehalten werden.

Weil er geschehen ließ, was sich da vor aller Augen abspielte, und weil er das Gesetz des Handelns den Beratern am Ring in der Arena zu Wetzlar überließ. Nach seinem einstimmigen Punktsieg über den Kolumbianer bleibt Abraham somit Weltmeister, aber der entrichtete Blutzoll des Champions ist ein hoher Preis.

Bei Aufgabe oder Abbruch hieße der Sieger Miranda

In Abraham und Miranda prallten zwei Hitzköpfe aufeinander, die in ihrem Leben bereits fernab reglementierter Kraftproben schon einiges aus- und durchgestanden haben. Zwei, die sprichwörtlich schlagen können wie ein Pferd. In der dritten Runde traf Miranda den Weltmeister mit so einer Wucht am Kopf, daß diesem der Unterkiefer zweifach brach. Erst rannen nur ein paar Blutstropfen über Abrahams Unterlippe, aber dann sickerte immer mehr Blut aus dem weit geöffneten Mund Abrahams. In der fünften Runde, nach einem Kopfstoß des mit allen Mitteln fightenden Kolumbianers, unterbrach Neumann das Duell, um Ringarzt Professor Walter Wagner nach dem rechten sehen zu lassen.

Der nutzte die Pause zu einer Notfallversorgung des Patienten. Während er eine Kompresse nach der anderen in Abrahams Mund stopfte und verfärbt herausholte, horchte er, wie sich seine Entscheidung - Abbruch oder nicht - auswirken würde. Solange die Kunde grassierte, der Ringrichter habe die Verletzung als Folge des Kopfstoßes angezeigt, stand die Tendenz auf Abbruch. Dann nämlich wären die Punktzettel ausgewertet worden. Und auf denen, so wußten sie im Abraham-Lager, lag ihr Mann vorn. Aber der IBF-Delegierte Lindsey Tucker mischte sich ein und legte fest: Verletzung infolge von Schlagwirkung. Bei Aufgabe oder Abbruch wäre Miranda in diesem Fall automatisch zum Sieger durch technischen K. o. erklärt worden. Also gab Wagner den weiteren Kampfhandlungen seinen Segen, auf daß Landsmann Abraham Weltmeister bleiben möge.

„Du hast nichts, stell dich nicht an!“

Was dann folgte, bewegte sich zwischen Gruselfilm und Heldenepos. Die Punktrichter wußten vermutlich selbst nicht, was sie höher bewerten sollten: den Behauptungswillen des schwer Gezeichneten, der immer dann zurückschlug, wenn man ihn endgültig am Ende seiner Kräfte wähnte, oder die Vielzahl der Treffer, mit denen Miranda dem Weltmeister schon in den Anfangsrunden die Luft nahm, aber nie den Nerv zog. Alles wollte Abraham geben und riskieren, um seinen WM-Gürtel behalten zu können, angestachelt von seinem Trainer Ulli Wegner: "Du hast nichts, stell dich nicht an!" herrschte dieser ihn mit schneidender Stimme an und wußte zugleich, wie grenzwertig es war, seinen Boxer sehendes Auges in die Gefahrenzone zu schicken. "Er ist ein Ausnahmesportler", sagte Praktiker Wegner nachher, als Abraham längst im Krankenhaus war, und versuchte eine Rechtfertigung. "Wir haben uns 14 Wochen gequält", rechnete er die Zeit der WM-Vorbereitung vor, "der Kiefer war sowieso durch, in vier Tagen hätte er mir Vorwürfe gemacht."

Leon Margules, der Promoter Mirandas mit Wohnsitz in Hollywood, warf dem Abraham-Management hinterher vor, einen jungen Champion geopfert zu haben, "der nie wieder derselbe sein wird". Krokodilstränen eines Mannes, dessen Mandant die Chance auf einen K. o. hatte verstreichen lassen. Wie ein Rot sehender, rasender Stier glaubte Miranda seinen immer wieder aufmuckenden Peiniger auf die Hörner nehmen zu können. Neben dem Kopfstoß monierte Neumann noch drei Tiefschläge, davon einen auf Zuruf. Mirandas Punktekonto reduzierte sich damit um fünf Zähler und bestärkte Abraham in seinen Maßnahmen, sich irgendwie über die Zeit zu retten.

Blutunterlegte Bilder

Für Freunde von "Rocky"-Filmen muß der Abend in Wetzlar ein Fest gewesen sein. In seiner Unerbittlichkeit und Unbeugsamkeit der Duellanten erinnerte er an die Zeiten eines Graciano Rocchigiani, der weder sich noch Gegner schonte. "In einem Jahr", so Wilfried Sauerland, der Promoter Abrahams, "könnte der uns wieder blühen." Gemeint ist Miranda, als abermaliger Pflichtherausforderer des Weltmeisters, der eine halbjährige Pause einlegen muß. Sofern Axel Schulz und Henry Maske die Ringschlacht verfolgt haben, könnten ihnen die blutunterlegten Bilder ein wenig vom Appetit auf das geplante Comeback genommen haben. Aber es gehört zur Illusion in diesem Gewerbe, daß es immer den anderen trifft.

Quelle: F.A.Z. vom 25. September 2006
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Jahrgang 1943, Sportredakteur.

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