19.08.2007 · Beim K.-o.-Sieg des alten und neuen Weltmeisters Arthur Abraham riskiert Khoren Gevor sein Leben. Weil weder der Ringrichter noch der Trainer dem Kampf ein Ende gesetzt haben, landete der Verlierer im Krankenhaus.
Von Hans-Joachim Leyenberg, BerlinRingrichter Pete Podgorski fasste sich immer wieder dort hin, wo das Herz schlägt, aber er hatte nicht das Herz, eine Ringschlacht abzubrechen, die schließlich mit einem finalen Schlag endete. Arthur Abraham, der alte und neue Weltmeister im Mittelgewicht, mobilisierte das letzte Quentchen Energie, das ihm noch geblieben war, um zum Zeichen seines Triumphes über Khoren Gevor auf das unterste Seil im Ringgeviert zu steigen.
Auf dem Großbildschirm in der Berliner Max-Schmeling-Halle wurde der K.o. in der elften Runde in der Verlangsamung gezeigt. Ein Publikum, das zuvor noch gejuchzt hatte, als die Linke am Kopf des Herausforderers einschlug, erahnte erst jetzt die mögliche Tragweite des Hiebes. Gevors Schädel wurde zur Seite geschleudert, wie man es sonst nur bei Crashtest-Dummies sieht. Der Armenier, der demnächst seine deutsche Einbürgerungsurkunde erhalten soll, schlug mit dem Kopf auf dem Ringboden auf. Er war selbst Minuten danach noch unfähig, ohne Hilfe auf die Beine zu kommen.
Als hätte es die Einschläge nicht gegeben
Derweil hatte sich Podgorski auf einen Stuhl fallen lassen, murmelte etwas davon, dass er „fix und fertig“ sei, dass er dem Kampf schon Runden vorher ein Ende hatte setzen wollen. Aber diesem Gevor, der all das, was ihm da an den Kopf geschlagen wurde, zu absorbieren schien, wollte er nicht die Chance rauben, die immer noch in der Luft lag. Sechs Runden lang hatte der seit Jahren in Hamburg lebende Gevor Jagd auf den Weltmeister gemacht, ihn mit Schlagserien eingedeckt. Abraham verschanzte sich hinter einer Doppeldeckung, aber der Schlaghagel nahm ihm die Luft und die Chance zu Ruhephasen, die er sich bei Duellen im Ring zu nehmen pflegt. Er setzte Befreiungsschläge, die in ihrer Wucht, in ihrer Härte normalerweise nur in höheren Gewichtsklassen zu sehen sind.
Aber was auch immer er anstellte, stets kam Gevor nach der Rundenpause aus der Ringecke, als hätte es die vielen Einschläge nicht gegeben. Sein Trainer Fritz Sdunek bekannte später, nach der achten Runde überlegt zu haben, mit dem Zeichen der Aufgabe seinen Kämpfer aus der Gefahrenzone zu nehmen. Der Zwiespalt zwischen Hoffen und Bangen blieb, wurde nach Runde zehn akut, als der Gong den Fighter vor dem K.o. bewahrte, aber selbst dann noch überredete Gevor seinen Trainer: „Ich versuch's“, stammelte er, „ich packe es noch.“ Wenig später wurde er ausgezählt.
Die üblichen Symptome einer Gehirnerschütterung
Gevor habe den „Kampf seines Lebens“ bestritten, sagten sie im Lager von Promoter Klaus-Peter Kohl. Dabei hat er ihn so geführt, als käme es auf ein paar Jahre seiner Lebenszeit nicht an. Schließlich wollte er diesen „König Arthur“ entthronen, der den sozialen Aufstieg geschafft hat, ein gemachter Mann ist, die Kurve gekriegt hat vom Asylbewerber zum Millionär. Gevor hat den Kampf erst mit aller Entschlossenheit, dann mit einer Verzweiflung geführt, die ihm nicht mal Rücksicht auf sich selbst gestattete.
Nach einer Computer-Tomographie von Hirn und Hals ohne Befund ist Gevor über Nacht in einer Berliner Klinik geblieben. Ihm war übel, er musste mehrfach erbrechen, die üblichen Symptome einer Gehirnerschütterung. Er wird sich in den kommenden Tagen fragen, wie und ob es weitergehen soll mit der Karriere. Für den Fall, auf einen Stärkeren zu treffen, hatte der Achtundzwanzigjährige das Ende seiner Laufbahn angekündigt. Darüber solle mit Abstand in aller Ruhe entschieden werden, sagt Sdunek. Im kommenden Monat erwarten die Gevors Nachwuchs. Es war so geplant, dass er seiner hochschwangeren Frau den Meistergürtel mit nach Hause bringt. Jetzt kehrt ein geschlagener, vielleicht gebrochener Mann heim.
„Nicht so gesund“
Der um ein Jahr jüngere Abraham dagegen, der mit einer geschwollenen Wange, einigen Kratzern und einem Bluterguss in der Ohrmuschel davongekommen ist, bleibt auf Expansionskurs. Er, der IBF-Champion, will noch den Amerikaner Jermain Taylor, den WBC/WBO-Weltmeister bezwingen und dann die Konkurrenz eine Klasse höher, im Supermittelgewicht aufmischen. Reichlich emotionslos blickte er auf den Kampf mit seinem Landsmann zurück, indem es „um meine Ehre ging. Ich musste einfach als Sieger rausgehen - der Rest ist egal“. Der Rest war in diesem Fall jene Zone, in der das Boxen mit der Intensität vom Samstag zur Lebensgefahr wird.
Als „nicht so gesund“ verharmloste Trainer Sdunek im Nachgang Bilder eines Abends, wie man sie hierzulande in abgemilderter Form zuletzt von Dariusz Michalzcewski gesehen hat. Bilder eines Berufsboxers, der seinem Gegenüber schnell nicht mehr als seine Tapferkeit entgegen zu setzen hatte. „Ich war in der Verantwortung für das, was passierte“, brachte der lange auf einem Stuhl verharrende Podgorski hervor. Irgendwie erleichtert, dass nicht noch mehr passiert war und doch wie erschlagen von der Wucht der Fäuste.