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Boxen Süppchen für den Helden

28.09.2006 ·  Die „Schlacht von Wetzlar“ sitzt Arthur Abraham noch in den Knochen. Der Box-Weltmeister, der sich mit einem doppelten Kieferbruch über die Runden rettete, liegt noch immer im Krankenhaus. Bis er wieder Pommes frites essen kann, werden noch Tagen vergehen.

Von Rainer Schulze, Siegen
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"Keine Fotos!" sagt Arthur Abraham. Wer will ihm das verdenken: Ziemlich lädiert liegt er im Jung-Stilling-Krankenhaus auf der Mund-Kiefer-Gesicht-Station, die linke Wange stark geschwollen, ein Bluterguß ziert das rechte Auge. Gestern habe er solche Lust auf Pommes frites bekommen. Doch ein Biß reichte, und der Appetit war dahin. Mit zweifach gebrochenem Kiefer schmeckt es nur halb so gut. 35 verschiedene Suppen hat er zur Auswahl, in allen erdenklichen Variationen: nicht nur Sellerie, Blumenkohl, Hühnerbrühe. Es wird noch eine Woche dauern, bis der Boxweltmeister im Mittelgewicht wieder feste Nahrung zu sich nehmen kann.

Die "Schlacht von Wetzlar", wie der Boxpromoter Sauerland den Kampf seines Angestellten schon in ein mythisches Licht zu tauchen sucht, sitzt Arthur Abraham in den Knochen. "So etwas gab es noch nie", schwärmt sein Bodyguard und Freund Ali Yüksel, der die Tür des Krankenzimmers bewacht. Ein Boxer, der zwölf Runden übersteht, obwohl ihm die Linke des Gegners in der dritten Runde den Kiefer brach. Seither zimmert der Box-Stall Sauerland eifrig an der Legende: Der Pressesprecher übertrifft sich mit Superlativen. Abraham habe eine Konstitution wie ein Bulle, sei übermenschlich, "einfach ein Held". Der Boulevard springt willig auf.

22 Schrauben im Kiefer

"Der Blut-Boxer", verneigt sich "Bild" schockiert-fasziniert vor "unserem härtesten Boxweltmeister" und zählt die Schrauben in seinem Kiefer (22!); sein Coach Ulli Wegner, der den Sieg des vor 14 Tagen eingebürgerten Neudeutschen als patriotisches Dankeschön verstehen will, wird als "Trainer Gnadenlos" heroisiert. Daß im Profiboxen mit der passenden Inszenierung - Arthur Abraham betrat als "King Arthur" gekrönt den Ring - viel mehr Geld verdient werden kann, ist ein offenes Geheimnis (Siehe auch: Boxen: Abraham verteidigt Titel trotz zweifachen Kieferbruchs).

Den bulligen Wachdienst, im eleganten Zwirn und mit Goldkettchen auf der behaarten Brust - ein Klischee im Klischee - hat Abraham nicht installiert, weil er fürchtet, daß sein Gegner vom Samstag, Edison Miranda, hereinstürme und eine verspätete, unfaire Revanche fordere. "Und wenn schon. Ein rechter Kopfhaken, und er liegt wieder vor der Tür." Eher versucht er aufdringlichen Anhängern aus dem Weg zu gehen.

Eine kleine Sensation

Sein Blick fällt auf mit "König Arthur" beschriebene Fanpost, im halb geöffneten Koffer blitzt der Weltmeistergürtel, den er unter hohem Blutverlust verteidigt hat. Neben ihm sitzt sein Vater auf der Bettkante und schaut mit stolzen Augen auf den 26 Jahre alten Filius. Arthur Abraham ist im Siegener Krankenhaus eine kleine Sensation. Der Taxifahrer sagt, daß "der ganz schön Mut haben muß". Vor dem Eingang zum Krankenhaus wird der Türsteher schon von Patienten mit Handschlag begrüßt. Und die Stationsschwester ist auch ganz begeistert von ihrem prominenten Patienten.

Was treibt so einen? Wohl ein Liter Blut landete am Samstag auf dem Ringboden, im Handtuch, auf den Seilen. Der Ringrichter brach den Kampf nicht ab, Ulli Wegner animierte seinen Schützling durchzuhalten. Die schrecklichen Bilder fesselten 4,3 Millionen Zuschauer in der ARD. Die FSK würde den Kampf wohl nicht ohne Altersbeschränkung freigeben. Einige Stimmen verlangen, über die Übertragung des Boxsports im öffentlich-rechtlichen Fernsehen neu nachzudenken. Programmdirektor Günter Struve sieht dazu keinen Anlaß. Die Reporter seien kritisch mit der Situation umgegangen.

Ein nie dagewesenes Blutbad

Auch im Amateursport bangt man nach dem Blutbad um das Ansehen. "Ob sie damit dem Boxen einen Gefallen getan haben, steht auf einem anderen Blatt. Eine Werbung war es mit Sicherheit nicht", sagt Bundestrainer Helmut Ranze. Der Amateur-Boxsport-Verband Baden verweist darauf, daß bei olympischen Turnieren ähnliche Szenen nicht vorkommen könnten. Profiboxer Abraham dürfte indes von der Ringschlacht profitieren. "Der mit dem gebrochenen Kiefer", er ist eine Marke geworden, mit höherem Wiedererkennungswert, ein Boxer, der nun höhere Gagen fordern kann.

Die Szenenfotos in den Zeitungen, auf denen ihm das Blut in dicken Fäden aus dem Mund tropft, findet Abraham "brutal". "Ich bin nicht froh, mich so zu sehen." Daß sich andere, auch Kinder, an dem martialischen Kampf weiden, stört ihn nicht. In jedem Horrorfilm fließe mehr Blut. Und auch sonst geriert er sich als harter Knochen. "Was ist schon ein Kieferbruch?" Krankenhausreif geprügelt worden ist Abraham zum ersten Mal.

Kein Masochist

Wie ein Masochist wirkt er nicht. Aber vielleicht wie jemand, den man vor sich selbst schützen müßte. "Niemals", beteuert Abraham mit schiefem Lächeln, habe er ans Aufgeben gedacht. Er sei "mit dem Kopf" zu hundert Prozent dagewesen, auch wenn das von außen anders gewirkt habe: "Ich war zu schnell für Miranda. Im Ring gewinnt der Schlauere, nicht, wer stärker ist." Hätte der Ringrichter den Kampf abgebrochen, läge er nun ohne Weltmeistergürtel im Krankenbett. "Der wollte schon stoppen. Aber dann wäre immer eine Narbe geblieben."

Berthold Hell saß am Samstag in Wetzlar auf der Tribüne, um sich den Kampf anzuschauen. Dann schloß sich für ihn eine Nachtschicht an. Der Chefarzt fuhr den ramponierten Boxer in die Siegener Klinik und fügte den gebrochenen Kiefer mit zwei Titanplatten zusammen. Ist so ein Kampf mit der Gesundheit des Athleten vereinbar? Über die Entscheidung des Ringrichters mag man geteilter Meinung sein, sagt Hell, dem Abraham als Dankeschön für die Kieferreparatur den Siegerkranz vermachte. Und über die Gründe für das Durchhaltevermögen mag er nur spekulieren. "Es war für ihn wohl auch eine existentielle Frage. Dieser Mann ist sehr stolz."

Eine Frage der Ehre

Für Abraham ist Boxen eine Frage der Ehre. "Es geht nicht um die Villa, das Auto, das Geld", sagt er und erzählt doch im gleichen Atemzug, daß die neue Schuhreihe, die Abraham-Kollektion, ziemlich gut ankommt. Er kennt sein Berufsrisiko und beugt für die Karriere nach dem Boxen vor. Auch einen Cognac möchte der frühere Management-Student unter seinem Namen auf den Markt bringen.

Wenn er auf andere Art sein Brot verdienen kann, warum tut er sich das Boxen an? "Boxen gibt mir Lebensfreude und Anerkennung." Seit kurzem ist Arthur Abraham deutscher Staatsbürger und tritt mit der Nationalhymne in den Ring. Er fühlt sich als Hauptstädter. "Berlin ist ok" steht auf dem T-Shirt des Box-Champions, der im Krankenbett ganz friedlich wirkt und der seine Gesundheit nicht durch Trinken und Rauchen ruinieren will. Privat, so behauptet er, benehme er sich sehr anständig. Mutter Abraham und die Freundin sind bei den Kämpfen nie dabei. Wie die Freundin reagiert hat, als sie vom doppelten Kieferbruch erfuhr? "Sie hat geweint."

Quelle: F.A.Z., 28.09.2006, Nr. 226 / Seite 34
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Jahrgang 1978, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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