06.04.2008 · Der WBA-Primus Felix Sturm verteidigt seinen WM-Titel mit einem technischen K.o. gegen den Australier Jamie Pittman. Aber wichtiger ist ihm ein Duell gegen den deutschen IBF-Rivalen Arthur Abraham.
Von Hans-Joachim LeyenbergKaum war das Kapitel Jamie Pittman erledigt, wandte sich Felix Sturm auf Nachfrage dem Kollegen Arthur Abraham zu. Die verbale Kampfansage im Mittelgewicht gipfelte in dem Satz: „Jederzeit box' ich ihn, jederzeit schlag' ich ihn.“ Abwarten. Das Duell unter Weltmeistern um die Publikumsgunst hat allerdings längst begonnen. In der vergangenen Woche legte IBF-Champion Abraham in Kiel einen K.o-Sieg in der zwölften Runde vor. Am Samstag zog WBA-Primus Sturm in Düsseldorf mit seinem technischen K.o. in der siebten Runde über seinen australischen Herausforderer Jamie Pittman nach. Für die Schlacht an der Küste interessierten sich via ARD im Schnitt 5,88 Millionen Zuschauer, für Sturm schalteten sich knapp vier Millionen ZDF-Seher zu. Also Vorteil Abraham.
Seitdem er in Wetzlar trotz Kieferbruchs weiterboxte, ist der Haudrauf aus Armenien eine Marke. Ein Filou, der es versteht, Trainer wie Publikum für sich einzunehmen. Mit einer gehörigen Prise Raffinesse und einer gehörigen Portion Pfeffer in den Fäusten. Einer, der als Flüchtling sein Bündel schnürte, bettelarm die Grenzen wechselte und heute mit einem treuherzigen Augenaufschlag versichert, mit vierzig Jahren bestimmt fünfzig Millionen Euro angehäuft zu haben.
Spuren der Präzisionsarbeit
Im Gegensatz zu Abraham hat Sturm, Sohn bosnischer Eltern, schon ein Unentschieden und zwei Niederlagen hinter sich. Der Nimbus des Unbesiegten ist dahin. Dabei ist er im Vergleich zu Abraham variabler in seinen Mitteln, technisch ausgefeilter, wie er auch gegen den äußerst mutigen, zugleich aber limitierten Pittman demonstrierte. Der bis zur Abendstunde am Rhein ungeschlagene Mann vom fünften Kontinent wählte die Flucht nach vorn, war nach sechs Minuten im Gesicht so gezeichnet, als hätte er bereits an die acht schwere Runden hinter sich. Spuren der Präzisionsarbeit von Sturms linker Führungshand.
Von der dritten Runde an sickerte Blut aus den Blessuren rund um das linke, sich schließende Auge. Pittman ließ erst locker, als ihn ein Leberhaken auf den Boden zwang. Eine Runde später, in der sechsten, konsultierte der Ringrichter den Ringarzt. Pittmans Gesicht war mittlerweile zu einer Fratze entstellt, doch das Märtyrium ging ohne ein Veto des Doktors weiter. Zwei Treffer am Kinn, gefolgt von einem Schlag mit links, beendeten das mittlerweile ungleiche Gefecht.
„Felix ist eine Weltnummer“
Der Leverkusener bedankte sich brav beim Publikum im ausverkauften Burg-Wächter Castello - freilich ohne den geschmeidigen Charme des Kollegen Abraham, einem ausgefuchsten Verkäufer seiner selbst. Sturm kommt eher spröde daher, wirkt außerhalb des Seilgevierts schon mal arrogant, ohne es zu sein. Gewiss nervt ihn der ständige Vergleich mit dem Emporkömmling Abraham. Beiderseits wird gern über den anderen gelästert, und die rivalisierenden Boxställe Universum (Sturm) und Sauerland (Abraham) bezichtigen sich gegenseitig einen Kampf der beiden zu blockieren. Promoter Wilfried Sauerland will mehrfach Millionen-Angebote unterbreitet haben, Klaus-Peter Kohl, des Chef des Unternehmens Universum, relativiert diese als unverbindliche Offerten der Gegenseite, „immer dann, wenn wir zeitlich nicht konnten“. Es ist reichlich viel Spiegelfechterei im Spiel; da wird auch die eine oder andere Nebelkerze gezündet, um die wahren Winkelzüge im Business Berufsboxen zu verschleiern.
Kohl tat am Samstag so, als hätte das Gipfeltreffen mit dem amerikanischen Doppelweltmeister Kelly Pavlik (WBC und WBO) Priorität: „Felix ist der Mann in Amerika, eine Weltnummer.“ Diese Übertreibung ist zugleich eine Antwort auf Abraham, der auf Wunsch seines Managements seinen Siegeszug in den Vereinigten Staaten fortsetzen soll. Was Abraham kann, so Kohls Botschaft, kann unser Sturm schon längst, seitdem dieser Oscar de la Hoya ausgerechnet in Las Vegas einen Schrecken einjagte. Aber das ist schon fast vier Jahre her.
Schlichte statt schillernde Titelverteidigung
Aktuell könnte es demnächst zu einer schlichten statt schillernden Titelverteidigung gegen Landsmann Sebastian Sylvester kommen. Der boxt am kommenden Samstag in Neubrandenburg Javier Castillejo, den nächsten Pflichtgegner für Sturm, aus. Castillejo? Im Kampfrekord von Sturm stehen Niederlage und Sieg gegen den Spanier. Sturm geht fest von Castillejo als kommendem Herausforderer aus. Der hat ihm einst zu einer Lehrstunde verholfen, die Sturm nie mehr erleben will. Dafür schindet er sich. Und vielleicht kann sich der 29-jährige ja doch noch irgendwann im ultimativen Duell mit Abraham beweisen.
Pittman war so freundlich, mit blauen Augen folgenden vollmundigen Vergleich anzustellen: „Abraham ist zwar der Star, aber Sturm ist besser.“ Abraham jedoch hat dem Leverkusener schon wieder etwas voraus: Am 15. Mai kommt ein abendfüllender Dokumentarfilm („Es geht um Alles“) mit Arthur Abraham in der Hauptrolle in die Kinos. Das Sturm-Lager holt zum Gegenschlag aus. Der geplante Streifen trägt den Arbeitstitel „100 Prozent Weltmeister“. Großes Kino.