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Boxen Projekt Selbstverwirklichung

04.09.2010 ·  Felix Sturm ist wieder zurück. Nach 14 Monaten Pause kämpft der WBA-Weltmeister im Mittelgewicht am Samstag (22:15 Uhr/live in Sat1) gegen den Italiener Giovanni Lorenzo. Er geht dabei ins Risiko - vor allem abseits des Ringes.

Von Arne Leyenberg, Frankfurt
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Seine breiten Schultern müssen dieser Tage noch mehr Last tragen: denn Roland Bebak ist ein ganzer Boxstall. Der Manager des Boxers Felix Sturm hat in den vergangenen Wochen das Comeback des Weltmeisters fast im Alleingang organisiert. Früher war dafür Europas größtes Box-Unternehmen, die Hamburger Universum-Promotion, zuständig. Nun ist Sturm Hauptkämpfer und Veranstalter seiner Titelverteidigung gegen Giovanni Lorenzo aus der Dominikanischen Republik an diesem Samstag in der Kölnarena. „Zukünftig muss die Arbeit auf mehrere Leute verteilt werden“, sagt Bebak, der Hüne mit den Maßen eines Bodybuilders. Sturms Rückkehr in den Ring ist in doppelter Hinsicht ein Testlauf: Hat es der WBA-Weltmeister im Mittelgewicht nach 14 Monaten Pause, in der er mehr mit seinem Promoter Klaus-Peter Kohl vor Gericht und mit seinem Körpergewicht kämpfte als mit den Gegnern in der Trainingshalle, noch drauf? Und geht es auch ohne Promoter im Hintergrund, der zwar alles organisiert, aber dafür auch die Hand aufhält? Alles kein Problem, ist Sturm überzeugt. „Die Pause hat mir gutgetan“, sagt der 31 Jahre alte Leverkusener, der während der längsten Auszeit seiner Boxerlaufbahn Vater wurde. „Ich habe jetzt ein kleines Team, dem ich zu hundert Prozent vertrauen kann.“

Das war nicht immer so. Kohl, der Chef des Universum-Stalles, hatte Sturm zwar in acht Jahren der Zusammenarbeit zum Weltmeister und Millionär gemacht, zum Hauptkämpfer im ZDF und zum Herausforderer des großen Oscar De La Hoya in Las Vegas. Aber Sturm hatte sich mehr und mehr von seinem Arbeitgeber entfremdet. Mal ging es um grundsätzliche Dinge wie die Höhe der Kampfbörsen, die Boxer traditionell für zu gering halten, mal um Kleinigkeiten. So habe ihm Kohl, berichtete Sturm, wenige Tage nach einem Kampf eine Mahnung geschickt - weil er die Eintrittskarten für seine Kumpels noch nicht umgehend bezahlt hatte.

Der stolze Muslim Sturm fühlte sich davon provoziert. „So etwas macht man nicht“, sagt Bebak. Der Kölner Geschäftsmann vertritt seit Jahren als persönlicher Manager Sturms die Interessen des Boxers. Ein Luxus, den sich nicht viele Faustkämpfer leisten können. Denn, so sind die seltsamen Gepflogenheiten dieser Branche, Sturm hatte per Vertrag ja schon einen Manager: seinen Promoter Kohl. „Der Manager Kohl handelte mit dem Promoter Kohl die Kampfbörsen aus“, sagt Bebak. Und kassierte dafür doppelt Prozente - allein der Manager zieht üblicherweise die im Boxen festgeschriebene Höchstgrenze von 33,3 Prozent der Kampfbörse ab. In Amerika ist diese Doppelrolle durch ein Bundesgesetz, den „Muhammad Ali Boxing Reform Act“, verboten, wird aber ausgehebelt, indem etwa Don King der Promoter seiner Boxer ist und sein Stiefsohn Carl der Manager. Das Geld bleibt also in der Familie.

Auf den Spuren der Klitschkos

Peter Hanraths konnte oft zwischen Köln und Hamburg vermitteln. Der damalige Geschäftsführer von Universum hatte den jungen Leverkusener Amateur Adnan Catic 2001 zum Profi Felix Sturm gemacht - der größte Konkurrent Wilfried Sauerland hatte beim Namen Catic dankend abgelehnt. Als Hanraths sich 2005 in den Ruhestand verabschiedete, auch diesem Schritt gingen atmosphärische Störungen in Hamburg voraus, richtete sich Sturm in der Rolle des Einzelkämpfers ein. Er verpflichtete einen eigenen Pressesprecher, suchte sich selbst Sponsoren, zahlte die Werbung und die VIP-Partys bei seinen Kämpfen aus eigener Tasche.

Als sein Vertrag Ende vergangenen Jahres auslief, sah er seine Chance gekommen, es den Klitschko-Brüdern gleichzutun. Auch sie hatten sich von Kohl getrennt und boxen nun in Eigenregie. Gegen Kohls einseitige Option auf Verlängerung des Vertrages um drei Jahre zog Sturm vor Gericht. Nach Zahlung von rund einer Million Euro ist er ein freier Mann. „Endlich kann ich mich selbst verwirklichen“, sagt Sturm.

„Dieser Kampf ist der wichtigste in meinem Leben“

In der Kölner Südstadt baute der Sohn bosnischer Einwanderer sein eigenes BoxGym. Dort dreht sich alles um ihn, dort ist sein neuer Trainer Fritz Sdunek - auch einer, der nicht nur im Guten bei Universum ausschied - nur für ihn da. In Hamburg war er einer von vielen. Ein kleiner Triumph ist es für den Boxer - auch wenn er es nicht zugibt, weil er als Teil der gütlichen Einigung mit Kohl nichts Schlechtes mehr über Universum sagen darf -, dass sein Kampf live im Fernsehen zu sehen ist. Kohl steht derzeit ohne TV-Sender da. Sat.1 hat sich die Titelverteidigung gegen Lorenzo, der in seinem bislang einzigen WM-Kampf 2009 knapp am Greifswalder Sebastian Sylvester scheiterte, gesichert - plus eine Option auf einen weiteren Kampf.

Auch Kohl wäre nach dem Ende des Vertrages mit dem ZDF gerne mit dem Münchner Privatsender ins Geschäft gekommen - aber es fehlte ihm ein Boxer vom Kaliber Sturms, mit dem er bei Vertragsverhandlungen hätte punkten können. „Dieser Kampf ist der wichtigste in meinem Leben. Er ist unsere Visitenkarte“, sagt Sturm. Er steht gewaltig unter Druck. Bei einer Niederlage ist das Projekt Selbstverwirklichung vorbei, bevor es richtig losging, bei einem Sieg winkt das ganz große Geld. „Ich weiß, dass es ein großes Risiko ist“, sagt Sturm.

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