12.02.2012 · Sie hatten sich beruflich auseinandergelebt, doch nun sind die Box-Brüder mal wieder gemeinsam im Trainingslager: Witali und Wladimir bereiten sich auf unterschiedliche WM-Kämpfe vor.
Von Hartmut Scherzer, GoingDie Fotografen werden hektisch, sie suchen die beste Position für den Schnappschuss. Wladimir Klitschko steigt die Stufen zum Ring hinauf, wo Witali schon wartet. Mit weißbandagierten Fäusten fintieren die Brüder Gerade und Haken. Ein Pas de deux des Schattenboxens. Die Fotos werden sich gut verkaufen, denn seit acht Jahren haben die beiden nicht mehr gemeinsam im Ring geübt. Wenn Wladimir sich auf einen Kampf vorbereitete, durfte Witali nicht mal zuschauen. Dem großen Bruder und größten Kritiker war der Zutritt bei seinen Vorbereitungen untersagt. Witali nörgelte zu viel.
Es bedurfte der Nähe ihrer anstehenden Kampftermine, dass sie sich zeitlich und sportlich wieder näher gekommen sind. Witali Klitschko verteidigt seinen WBC-Titel im Schwergewicht am 18. Februar in München gegen den Engländer Dereck Chisora, Wladimir Klitschko seine drei Gürtel von IBF, WBA und WBO am 3. März in Düsseldorf gegen den Franzosen Jean-Marc Mormeck.
Es scheint paradox: Man kann sich den einen ohne den anderen nicht vorstellen, schon gar nicht bei einem Kampf. Der eine boxt, der andere sekundiert. Eine Trainingsgemeinschaft unter Brüdern hingegen existierte nicht mehr. Das Zerwürfnis datiert vom April 2004: Die Klitschkos leben mit Promoter Klaus-Peter Kohl in Scheidung. Sie kämpfen vornehmlich in den Vereinigten Staaten und trainieren in der La Brea Boxing Academy in Los Angeles. Dort überrascht Wladimir Klitschko mit der Ankündigung, sich vom langjährigen gemeinsamen Cheftrainer, Fritz Sdunek, zu trennen und Emanuel Steward zu engagieren. Jenen Steward, der bei der blutigen Niederlage Witali Klitschkos gegen Lennox Lewis noch in der Ecke des Gegners gestanden hatte.
Innerhalb von zwei Wochen in jenem April 2004 boxen beide Brüder. Wladimir Klitschko - erstmals mit Steward in der Ecke - erleidet in Las Vegas gegen Lamon Brewster eine K.-o.-Niederlage. Die dritte. Auf dem Rückflug nach Los Angeles erklärt Witali die Karriere Wladimirs für beendet: „Bruder, das war’s!“ Heute sagt Witali Klitschko über den damaligen „Ratschlag“ aufzuhören: „Ich wollte ihn nicht eines Tages im Krankenhaus besuchen.“
Doch Wladimir hört nicht auf Witali: Jetzt erst recht, sagt er sich. Während Witali Klitschko sich auf den Kampf um das Erbe von Lennox Lewis gegen Corrie Sanders nur zwei Wochen nach Wladimirs Niederlage von Las Vegas vorbereitet, taucht Wladimir Klitschko trotz des angeordneten Rücktritts unerwartet mit Steward im La Brea Gym auf und beginnt abseits des Bruders in einer Ecke am Sandsack zu trainieren. Er will unbedingt wieder Weltmeister werden, wie Witali, der Sanders besiegt. Es ist das letzte gemeinsame Schwitzen unter einem Dach.
Es ist Mediennachmittag in der Bibliothek eines Wellness-Hotels am Wilden Kaiser. Witali im schwarzen, Wladimir im roten Freizeitanzug des Klitschko-Teams lehnen sich nebeneinander in tiefen Sesseln zurück. Längst ist Witali Klitschko von der damaligen Trotzreaktion des jüngeren Bruders angetan: „Wladimir hat sich selbst besiegt. Er ist jetzt der stärkste Schwergewichtler der Welt.“ Die Brüder genießen die Tage im gemeinsamen Trainingslager, und Wladimir Klitschko trainierte zunächst sogar wieder mit seinem alten Coach Sdunek, ehe Emanuel Steward mit seinem Stab für die harte Sparringsphase eintraf. „Es war wie in alten Zeiten mit Fritz, es war wie früher, als wir jung waren“, sagt Wladimir Klitschko und verweist darauf - Bedauern klingt durch -, dass dieses erste auch gleichzeitig wieder das letzte gemeinsame Training sein werde.
Noch einmal werden sich ihre Kampftermine nicht in die Quere kommen. So wie jetzt war es ja auch nicht geplant. Wegen eines Nierensteins war Wladimirs Kampf gegen Mormeck von Mitte Dezember auf Anfang März verlegt worden. Aber Witali dürfe künftig bei seinen Vorbereitungen wieder zuschauen, verkündet Wladimir Klitschko das Ende des Hallenverbots. „Es ist so viel Zeit vergangen. Der Dampf ist raus“, sagt Witali und gelobt, sich auch nicht mehr einzumischen.
Sie reden kaum über ihre Gegner, sondern nur über sich selbst und ihre wiedergewonnene Trainingsgemeinschaft. Dabei wird deutlich, die Zeit des Aufbegehrens des Jüngeren gegen den Älteren ist vorüber: Der 35 Jahre alte Wladimir ist in der Lage, den fast fünf Jahre älteren Bruder lauthals zu loben: „Wie Witali mit vierzig Jahren seinen letzten Gegner Adamek deklassiert hat, das war bewundernswert. Ich wünsche mir, dass ich mit vierzig Jahren körperlich auch noch so gut aussehe und so topfit bin.“