12.11.2006 · Es dauerte lange bis Wladimir Klitschko seinen Weltmeistertitel im Madison Square Garden verteidigt hatte. Der Ukrainer wirkte im Kampf gegen Calvin Brock steif und verkrampft und kam nur zu einen glanzlosen K.o.-Sieg. FAZ.NET-Bildergalerie.
Von Hartmut Scherzer, New YorkDie Ansage war peinlich. Als Michael Buffer nach all den Prominenten, von Dustin Hoffman bis Boris Becker, schließlich den „Größten aller Zeiten“ begrüßte und mit seinem „let's get ready to rumble“ das Hauptereignis ankündigte, war Muhammad Ali in einem Golfwagen schon längst wieder aus der Arena gefahren worden. Keine Runde mehr als die vier, die seine Tochter Laila brauchte, um Shelley Burton k.o. zu schlagen, war dem von der Parkinsonschen Krankheit so schwer gezeichneten Idol zuzumuten.
Wegen Wladimir Klitschko stellten sie dieses erschütternde Bild in der ersten Ringreihe vom zitternden, siechen einstigen Champion, der hier vor 35 Jahren sich mit Joe Frazier den epischen „Jahrhundertkampf“ geliefert hatte, nicht länger zur Schau.
Der Mythos ließ die Muskeln verkrampfen
Für den aktuellen Schwergewichtsweltmeister (IBF-Version) verkörpert Ali den legendären Madison Square Garden. Im Mekka des Boxens erstmals als Hauptkämpfer aufzutreten, empfand Wladimir Klitschko wie die Premiere eines jungen Tenors in der Metropolitan Opera. So nervös und angespannt war der Boxer. Der Mythos ließ seine stattlichen Muskeln rundenlang verkrampfen, bis der ukrainische Adonis mit einem Schlag seinen Titel mit einem Technischen K.-o.-Sieg in der siebten Runde über den bis dahin unbesiegten Amerikaner Calvin Brock verteidigte.
Mit einem wuchtigen rechten Haken nach einer steifen linken Geraden legte Klitschko seinen Herausforderer flach auf den Bauch. Bei „acht“ stand Brock zwar wieder, aber auf derart wackligen Beinen, daß Ringrichter Don Ackerman den Kampf abbrach. „Vom Herzen und Willen her hätte ich weitergekämpft“, beteuerte Brock, was nicht weiter ernst zu nehmen ist von einem 31 Jahre alten Mann, der im gleichen Atemzug versicherte: „Ich werde dennoch eines Tages Weltmeister werden.“
„Nicht seine beste Vorstellungen“
Ganz der „Boxing Banker“, wie er sich nennt, wirkte Brocks Oberkörper weich und schlaff gegen die wie gemeißelte Statur des zwei Meter großen Hünen aus Kiew. Seine sperrigen Aktionen blieben bis auf ein paar Klatscher auf den Bauch kraftlos. Um so erstaunlicher waren die Schwierigkeiten, die Klitschko mit dem zappeligen Stil seines Gegners hatte. War zunächst der Star aus Europa gefeiert worden, wurden auf den Rängen bald die Chöre „USA, USA“ laut. Es dauerte bis zur fünften Runde, bis der Favorit begann, mit seinem linken Jab den Kampf zu diktieren.
Eine Platzwunde an der linken Augenbraue durch einen Kopfstoß in der sechsten Runde tat ein übriges, den Modellathleten zu entkrampfen. „Ich wollte alles perfekt machen, habe aber zu lange gewartet, zu lange gebraucht, den Schlüssel zu finden, die richtige Distanz und die richtigen Schläge. Brock war ganz schwer zu treffen, bis er müde und unaufmerksam wurde“, übte Klitschko Selbstkritik. Auch sein Trainer Emanuel Steward, der seinen Fighter sonst über den grünen Klee hochzujubeln pflegt, kritisierte diesmal: „Das war nicht eine seiner besten Vorstellungen.“ Aber das Ergebnis stimmt. Was will Wladimir mehr? Ein K.o. korrigiert nun einmal alles. Der entscheidende Schlag ist ja auch nicht Zufall gewesen, kein „lucky punch“, sondern die Folge einer Strategie. Steward erklärte sie: „Brock versuchte die ständige Linke zu vermeiden und hat nicht mehr auf Wladimirs Rechte geachtet. Er hat den Schlag nicht gesehen.“
Briggs beschimpft Klitschko als „Lügner“
Die Lobeshymnen übernahm Stewards ehemaliger Weltmeister Lennox Lewis: „Wladimir hat langsam angefangen, sich aufgewärmt und sah dann großartig aus.“ Der massig gewordene einstige Champion prophezeit dem 30 Jahre alten Wladimir Klitschko eine „rosa Zukunft“. Er sei der Beste. „Und das sollte Wladimir von jetzt an auch von sich behaupten und nicht ständig erklären, erst müsse er die anderen Weltmeister schlagen. Er folgt großen Fußspuren - meinen.“
Schon bei der anschließenden Pressekonferenz, forderte Shannon Briggs, seit einer Woche Gegenweltmeister mit den Buchstaben WBO, Klitschko zum Vereinigungsduell heraus, warf ihm lauthals vor, gekniffen zu haben. „Ich sollte heute hier gegen dich kämpfen.“ Es kam zum Disput, Klitschko am Mikrofon, Briggs in den Pressereihen. „Unser Angebot haben deine Anwälte abgelehnt.“ „Lügner“, schrie Briggs. „Du hast lieber gegen einen Banker als gegen einen Fighter gekämpft, um dieses Ergebnis zu bekommen und nicht k.o. zu gehen.“ Die mögliche „unification“ ist damit angeheizt. Im nächsten Jahr will Wladimir Klitschko die Titel auf seinen Schultern vereinigen. Unabhängig davon, ob er nun mit Briggs, Oleg Maskajew (WBC) oder Waleri Walujew (WBA) anfängt, wird der nächste Kampf im Frühjahr in Deutschland stattfinden. Das haben die Firma K2 der Klitschkos und der Privatsender RTL fest vereinbart.
„Walujew nur eine Kursiosität“
Wladimir Klitschko ist aber auch in New York eine Attraktion. Nicht nur für deutsche Promis wie die hochschwangere Franziska van Almsick, Joschka Fischer, Thomas Gottschalk und Boris Becker. Viel bedeutender ist: „Wladimir hat bewiesen, daß er 14.000 Zuschauer in den Garden bringen kann“, sagte sein einst schärfster amerikanischer Kritiker, Larry Merchant vom Bezahlsender HBO. „Mein Respekt vor ihm nach seinen Desastern ist wieder gestiegen. Er ist zur Zeit der Beste, Walujew dagegen doch nur eine Kursiosität.“ Die hohe Zuschauerzahl machte, wie Klitschko sich ausdrückte, „die Kinder von Namibia zu den wahren Gewinnern des Abends“. Denn zur garantierten Viertelmillion Dollar vom Kartenverkauf für die Schulen in diesem afrikanischen Land kommt nun noch ein stattlicher Aufschlag.
Auf Buffers Begrüßungsliste fehlte ein Mann, der wie kein anderer Wladimir Klitschko vom Mythos des Madison Square Garden erzählen könnte: Budd Schulberg. Der 93 Jahre alte Schriftsteller der verfilmten Romane „On the waterfront“ mit Marlon Brando und „The harder they fall“ mit Humphrey Bogart hat nicht nur bei Ali, sondern schon bei den großen Kämpfen von Joe Louis im Garden am Ring gesessen.
Gut ist er, der Wladimir,
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 12.11.2006, 14:50 Uhr
Lob für Klitschko im "Wall Street Journal"
Fionn Huber (fionn)
- 12.11.2006, 15:16 Uhr
Ihr Beitrag zum Klitschko-Sieg
Achim Machauer (achim.machauer)
- 13.11.2006, 10:49 Uhr
Klitschko - der Wunschchampion
Heinz-Werner Raderschatt (HEWERA)
- 13.11.2006, 13:43 Uhr