21.12.2003 · Kein schöner Boxkampf, aber ein schönes Ende für Wladimir Klitschko, der sich auf dem Weg zur ersehnten WM-Herausforderung für einen Moment im Ring wieder mit alten, schlechten Gedanken befassen mußte.
Von Hans-Joachim LeyenbergFür einige Momente der dritten Runde war das Gespenst Corrie Sanders plötzlich wieder da. Und zwar in jenen Momenten, als Danell Nicholson die Flucht nach vorn suchte, Wladimir Klitschko mit wilden Schwingern beizukommen suchte. "Die Schläge in die Luft kamen wie Kugeln vorbeigeflogen", schilderte der Ukrainer später jene Szenen, die ihn zwangsläufig an das Duell mit dem unerschrockenen Südafrikaner Sanders erinnern mußten. Deshalb das blanke Entsetzen in seinen Augen, darum wich er lieber noch einen Schritt weiter zurück als es taktisch nötig und sinnvoll gewesen wäre. Knapp zehn Monate sind seit dem K.o. des Ukrainers gegen den krassen Außenseiter vergangen. Und nach jedem Kampf wird seitdem aufs neue abgewogen, ob Wladimir Klitschko nach dem Rückschlag im März wieder da angelangt ist, wo er vor dem Niederschlag von Hannover schon mal war. Jeder Sieg ist seitdem ein Befreiungsschlag gegen die dunklen Schatten der Erinnerung, die Selbstzweifel. Jede Geste und Reaktion des Boxers wird herangezogen, wenn die Klasse des Gegners keine letzten Schlüsse zuläßt über das, was man Wladimir Klitschko als nächstes Kaliber zumuten kann.
Am Samstag abend, bis zum K.o.-Sieg in der vierten Runde über den Amerikaner Nicholson, wirkte der Hüne so angespannt, daß ihm all das schwer fiel, was ihn sonst auszeichnet. Da war keine Leichtigkeit auf zwei Beinen, auch nicht die konsequente Entschlossenheit seines Bruders Witali, die unlängst noch in New York zu begutachten war. In Kiel war die Konzentration darauf ausgerichtet, nicht noch einmal so eine Panne wie in Hannover zu erleben. Nicholson wiederum, ein Ringveteran im fortgeschrittenen Alter von 37 Jahren, legte es darauf an, den Deutschland-Trip zu überstehen, ohne größeren Schaden zu nehmen. Darum griff er zur Umarmungstaktik im Ring, die darauf ausgerichtet war, Wladimir Klitschko zu entwaffnen, ihm seine Schlagkraft zu nehmen, indem er ihn immer wieder krakenartig umklammerte. "Kein schöner Kampf", räumte Promoter Klaus-Peter Kohl ein, "aber ein schönes Ende." Ringrichter John Coyle hatte den Gang der Dinge beschleunigt, indem er Nicholsen in der Pause zur dritten Runde eindringlich verwarnte: "Wenn du so weitermachst, schmeiß ich dich raus!" Also machte der Amerikaner zu Beginn der vierten Runde Schluß mit der Verhinderungstaktik per Nahkampf. Die Konsequenz bekam er schmerzhaft zu spüren: Nach 1:33 Minuten zwang ihn eine Links-rechts-Kombination zu Boden, nach weiteren elf Sekunden, dem nächsten Niederschlag, zählte Coyle gar nicht erst, breitete die Arme aus und signalisierte "Schluß!"
Wladimir Klitschko brauchte ein paar Sekunden, ehe die Anspannung aus seinem Gesicht wich, bevor dort sichtbar wurde, wovon der Tribun des Volkes den gut 10000 Enthusiasten in der Ostseehalle wenig später erzählte: "Ich freu' mich wahnsinnig." So ausgehungert wie man in dieser Region des Nordens nun mal nach Preisboxen der vermeintlich ersten Kategorie ist, genoß das Publikum jedes Wort via Mikrofon als willkommene Zugabe. Im kleineren Kreis gab er später preis, wie sehr ihn dieser Nicholson dadurch irritiert habe, daß er nie die richtige Distanz zu einem Mann gefunden habe, der entweder "ganz nah, oder ganz weit weg" gewesen sei. "Es war nicht einfach, den richtigen Schlüssel für Herrn Nicholson zu finden." Der Sieger hat dann doch noch entschlüsselt, wie die Bastion zu stürmen war. Weil der Amerikaner mit seinem Oberkörper vorzugsweise nach rechts abtauchte, war der halblinke Haken das richtige Rezept, ihm beizukommen, ehe die rechte Schlaghand nachsetzte. Was Nicholson an Analyse des Kampfes beizutragen hatte, glich einem Ko-Referat des Siegers: Er habe seinen Rhythmus nicht gefunden, zu lange gewartet, es laufe nicht immer nach Plan, Kiel sei wunderbar, schöne Weihnachten, Gott segne euch.
Da blickte die Kieler Oberbürgermeisterin Angelika Volquartz noch gerührter drein, als sie es ohnehin schon tat. Sie war voller Bewunderung für den ukrainischen Boxer mit den blendenden Manieren, der unaufgefordert gleich drei Museen mit seinem Besuch beehrt hatte und von dem das Stadtoberhaupt meinte, "daß hier eine sportliche Persönlichkeit geboxt hat, die in die Geschichte der Stadt Kiel eingehen wird". In der aktuellen Szene des Berufsboxens, Abteilung Schwergewicht, gilt dieser Kampf um die "Internationale Meisterschaft der WBA" lediglich als letzte Etappe auf dem Weg zurück auf den Gipfel. Im kommenden Jahr, so Kohl, werden beide Klitschkos um die Weltmeisterschaft boxen. Falls Witali nicht mehr Champion Lennox Lewis vor die Fäuste bekommen sollte, könnte es Sanders werden. Für Brüderchen Wladimir gäbe es, so Kohl, mehrere Optionen. Trainer Fritz Sdunek sieht ihn "heute weiter, als er vor Sanders war, weil er jetzt bewußter arbeitet". Also mit Köpfchen. Darum nistet dieser Corrie Sanders immer noch in seinem Hinterkopf. Darum servieren sie dem im März entthronten Prinzen Wladimir berechenbare Landsknechte des Rings. "Fürs Boxerherz ist wichtig der Sieg", gestand der Sieger, "das Resultat ist da." Ein anderes läßt auf sich warten. Ob die Klitschkos, deren vertragliche Zusammenarbeit mit Kohl 2004 endet, weiter seiner Firma Universum Box-Promotion erhalten bleiben. "Beide Weltmeister, das wäre ein schöner Abschluß", gestattete sich Kohl einen optimistischen und zugleich skeptischen Blick in die Zukunft. Je erfolgreicher die beiden Klitschkos werden, desto eher verliert er sie an amerikanische Interessenten. Aber vielleicht sieht ja auch ein Promoter bisweilen Gespenster.