20.03.2010 · Diesen Samstagabend will Wladimir Klitschko mal wieder seinen Titel verteidigen. Es kann nur einen Weltmeister geben? Von wegen! 68 Profiboxer bezeichnen sich als Meister aller Klassen, darunter einige gewöhnliche Haudraufs.
Von Hartmut ScherzerBoxweltmeister Wladimir Klitschko verteidigt seinen Titel (IBF, WBO) an diesem Samstag in Düsseldorf gegen den Amerikaner Eddie Chambers. Weltmeister David Haye setzt seinen WM-Gürtel (WBA) am 3. April in Manchester gegen den Amerikaner John Ruiz aufs Spiel. Weltmeister Witali Klitschko (WBC) kämpft am 29. Mai in Gelsenkirchen gegen den Polen Albert Sosnowski. Gleich drei Boxweltmeisterschaften im Schwergewicht finden innerhalb von zehn Wochen statt. Nat Fleischer, bis zu seinem Tode 1972 anerkannter Herausgeber der allein gültigen Weltrangliste in acht Gewichtsklassen, würde sich im Grab umdrehen, könnte er noch erfahren, wie der Mythos vom Weltmeister im Schwergewicht verballhornt wird.
Max Schmeling hat einmal über diesen Mythos gegrübelt: „Was ist es, was das Leben der großen Faustkämpfer zur Legende macht? Der Weltmeister im Schwergewicht ist vielleicht immer noch die zeitgenössische Verkörperung des antiken Gottmenschen Herkules.“ Das war einmal. Den Ruhm vom stärksten Mann der Welt verkörperte einst ein einziger Champion, gemäß der Logik: Es kann nur einer Weltmeister sein. Gibt es mehrere, gibt es in Wahrheit keinen.
Diese Alleinherrschaft ist einer Inflation von Titeln geopfert worden. Denn das Fernsehen kauft wahllos „Weltmeisterschaftskämpfe“ ein wie Seifenopern und macht den lukrativen Etikettenschwindel erst möglich. Wie fürstliche Häuser Adelstitel verhökern, so verkaufen Drei-Buchstaben-Firmen, die sich Welt-Box-Organisationen nennen, mittelmäßige Haudraufs den Fernsehanstalten als „Weltmeister“: Schon von Tate, Weaver, Dokes, Coetzee, Thomas, Page, Seldon, Morrison und Bentt gehört? Die Liste der Durchschnittsboxer, die sich „Weltmeister“ aller Klassen nennen dürfen, ist lang.
Achtzig Jahre lang hatte die direkte Erbfolge Bestand
Der Kampf um den Schwergewichtstitel folgte einst einer klaren Linie. Die Thronfolge in der Königsklasse war eindeutig geregelt, seit John L. Sullivan am 7. Februar 1882 vor dem Barnes Hotel in Mississippi City Paddy Ryan - noch mit bloßen Fäusten - in der 9. Runde k. o. schlug und fünf Jahre später im Boston Theatre mit einem 10.000 Dollar wertvollen Gürtel als erster offizieller Weltmeister im Schwergewicht gekürt wurde. Achtzig Jahre lang hatte die direkte Erbfolge Bestand. 23 Weltmeister regierten während acht Dekaden. Seit der ersten Titelspaltung 1965 gab es hingegen 49 „Weltmeister“ im Schwergewicht.
Mit Cassius Clay, dem 23. Champion der Schwergewichtsgeschichte, endete die Tradition der Herrschaftsfolge. Weil das Großmaul („I'm the Greatest“) nach seinem Sieg Sonny Liston trotz Verbots sofort Revanche gewährte und - nun als Muhammad Ali - ihn abermals k. o. schlug, erkannte ihm die World Boxing Association (WBA) die Weltmeisterwürde ab. Ernie Terrell wurde durch einen Punktsieg über Eddie Machen 1965 WBA-Weltmeister. Die Dollar-Maschine der Vereinigungskämpfe begann zu rotieren. Ali bestrafte Terrell fürchterlich für die Weigerung, ihn bei seinem muslimischen Namen zu nennen. „What's my name?“ Der Frage ließ Ali jedes Mal ein brutales Bombardement der Fäuste folgen.
Das Fernsehen galt zunächst als Feind des Faustkampfes
Alis Verbannung wegen Wehrdienstverweigerung machte seinen Kumpel Jimmy Ellis bei der WBA und Joe Frazier bei der New York State Athletic Commission zu Turnier-Weltmeistern. Der zweite Vereinigungskampf der Schwergewichtsgeschichte war fällig: Frazier schlug Ellis k.o. Alis Comeback nach drei Jahren führte zum Jahrhundertkampf der unbesiegten Champions am 8. März 1971 im New Yorker Madison Square Garden. Frazier besiegte Ali nach Punkten. 2,5 Millionen Dollar für jeden waren die bis dahin mit Abstand höchsten Börsen der Boxgeschichte.
Das Fernsehen galt zunächst als Feind des Faustkampfes. Die Frankfurter Weltmeisterschaft Muhammad Ali gegen Karl Mildenberger im September 1966 wurde weder live noch als Aufzeichnung anderntags übertragen. ARD und ZDF weigerten sich, eine Million Mark als Kompensation für ausbleibende Zuschauer zu zahlen. Dennoch: Mit Muhammad Ali begann das Fernsehzeitalter des Faustkampfes, mit Las Vegas als neue Metropole die Ära des Boxens als Show.
Aus acht Gewichtsklassen wurden 17
Mit viel Brimborium machten Bezahlsender in den Vereinigten Staaten - HBO seit 1973, Showtime seit 1986 - und zunächst die Privaten wie RTL in Deutschland nach der Wende 1990 mit Henry Maske und Axel Schulz Boxen zur Bonanza. Evander Holyfield und Mike Tyson halten mit je 35 Millionen Dollar für ihre Spektakel - inklusive Ohrbeißen - in den Neunzigern den Börsen-Weltrekord. Mit fünf Millionen Dollar waren Ali und George Foreman für ihren „rumble in the jungle“ 1974 entlohnt worden. Der „Börsenkurs“ im Schwergewicht war in zwanzig Jahren um das Siebenfache gestiegen.
Vier mittlerweile anerkannte Verbände haben die acht klassischen Gewichtsklassen auf 17 aufgestockt. So kommt es zu 68 - statt einst acht - „Weltmeistern“. Entertainer als Ansager wie Michael Buffer, Hymnen und Walk-in-Musik, Fahnenträgerinnen und Nummern-Girls, Rockbands und Streichquartette, Fahrstühle und Startreppen, Laserstrahlen und Kirchenglocken haben den archaischen Kampf Mann gegen Mann zu einer gigantischen Fernsehshow aufgemotzt. In Erinnerung sind aber nur wenige der modernen Weltmeister geblieben. Selbst die Klitschkos können es noch nicht mit einem der Klassiker aufnehmen.