26.04.2009 · Ob Felix Sturm wirklich glaubt, was er sagt? „Der Kampf hat mich weitergebracht“, sprach der Berufsboxer nach seinem Technischen K.o. gegen den Herausforderer Koji Sato. Doch der Kampf wird eine Episode ohne jeden Nachhall bleiben.
Von Hans-Joachim Leyenberg, KrefeldOb Felix Sturm wirklich glaubt, was er sagt? „Der Kampf hat mich weitergebracht“, sprach der Berufsboxer nach seinem Technischen K.o. gegen den Herausforderer Koji Sato. Die Chance des Japaners, den WBA-Mittelgewichts-Weltmeister aus Leverkusen zu entthronen, entsprach der eines Schneeballs im Ofen. So unbedarft und unerfahren sich der Mann aus Tokio präsentierte, reduzierte sich der Spannungsgehalt des Abends im Krefelder Königspalast einzig und allen auf die Frage, wie lange der tapfere Kämpfer auf den Beinen bleiben würde.
Nach 2:46 Minuten der siebten Runde stoppte Ringrichter Luis Pabon das ungleiche Duell. Sato, gepeinigt und gezeichnet vorwiegend von der linken Führhand des Champions, stand vor dem Kollaps. Ringarzt Christoph Goetz begann gerade, sich ernsthafte Sorgen um das Hirn des Japaners zu machen. Von den tief hängenden Fäusten ungeschützt bot Sato dem angreifenden Sturm wieder und wieder die Stirn. Stunden später gab es Entwarnung vom Doktor: Alarmierende Symptome blieben aus.
Sato war bislang anderes gewohnt
Sturm kommt halt aus einer anderen Liga, einer anderen Klasse, die der Asiate in seinen 14 Kämpfen zuvor gewohnt war. Wie der bis zum Samstag ungeschlagene Achtundzwanzigjährige es auf die Position 14 der WBA-Rangliste gebracht hat, bleibt das Geheimnis seines Managements. Sofern die Erkenntnis, dass man mit seinen Aufgaben wächst, auch für das Preisboxen gilt, ist es für Sturm an der Zeit, mal wieder einen Könner vom Fach vor die Fäuste zu bekommen. Das bisherige Highlight seiner Karriere, der imposante Auftritt in Las Vegas gegen Oscar de la Hoya, liegt schon fast fünf Jahre zurück. Das war Champions League.
Eine Titelvereinigung gegen „Superchamp“ Kelly Pavlik (Weltmeister WBC und WBO) gehörte ebenso in diese Kategorie wie ein ultimatives Treffen mit Arthur Abraham (Weltmeister IBF). „Felix kann jeden schlagen“, so lehnt sich sein Promoter Klaus-Peter Kohl aus dem Fenster und schiebt einen Satz nach, mit dem er begründet, warum die Begegnung der beiden deutschen Boxhelden bis auf weiteres nicht zustande kommt: „Es ist eine Frage des Geldes und der Fernsehsender.“ Und unausgesprochen der unterschiedlichen Interessen beider deutschen Box-Firmen. „Die meinen das nicht ernst“, kanzelt Kohl die Avancen in Richtung Sturm aus dem Lager des Promoter-Kollegen Wilfried Sauerland ab.
Meidet Kohl mit Sturm die wirklich schwierigen Gegner?
Selbst den von der Firma Sauerland Event beworbenen möglichen Abstecher Abrahams in die Vereinigten Staaten, um Pavlik zu fordern, hält Kohl für heiße Luft. Sogar Sato musste herhalten, dem Rivalen aus der Distanz eins auszuwischen. Matchmaker Jean-Marcel Nartz, einst bei Sauerland, heute in den Diensten von Kohl, streute nur zu gern die Botschaft, wonach der letzte Gegner Abrahams in den Ranglisten zig Plätze schlechter plaziert gewesen sei als Sato (siehe: Boxer Arthur Abraham: Arbeitssieg der Marke „pädagogisch wertvoll“). Stimmt. Doch weder Abraham noch Sturm ist sonderlich gedient mit solchen Gegnern.
Kohl sieht für Sturm „noch Luft nach oben“. Dann sollte er nicht jene Regionen mieden, in denen die Luft erkennbar dünner zu sein pflegt. Anthony Mundine, Sturms für den 11. Juli am Nürburgring ins Visier genommene nächster Gegner, ist schon mal von anderem Kaliber als Sato. Allerdings, soviel zur Erinnerung, zählt der Australier Mundine zu den K.o.-Opfern Sven Ottkes. Der Sohn des populären Rugbyprofis kommt auf alle Fälle nicht so schmalbrüstig und bescheiden daher wie Sato. Die Bilder aus der Kabine in der Stunde vor dem Ernstfall nahmen den Gang der Ereignisse im mit 9000 Zuschauern ausverkauften „Königpalast“ vorweg: Hier ein dynamischer Sturm mit schneller Handarbeit, dort ein Sato, dessen Bewegungen wie in Zeitlupe rüberkamen.
Podolski durfte nicht kommen
Später, nach getaner Tat, redete Sturm den zuvorkommenden Gast stark: „Er wirkte müde, ist dann explodiert, hat mitgeschlagen – sowas kann schnell ins Auge gehen.“ So aber, wie die Dinge lagen, war es Sato, der seine zu Sehschlitzen reduzierte Augenpartie hinter einer Sonnenbrille verbarg. Sturm war mit ein paar Kratzern und Schwellungen im Gesicht davongekommen. Eigentlich noch zu viel für die Laufkundschaft aus Asien.
Sein Kumpel Lukas Podolski hätte vielleicht die Traute gehabt, ihm das von Angesicht zu Angesicht zu sagen. Aber der durfte, wie Sturm preisgab, nach der Niederlage des FC Bayern gegen Schalke nicht aus München weg. Deshalb fiebert sogar der Boxchampion dem Saisonende in der Fußball-Bundesliga entgegen: „Dann kann er kommen wann er will, dann ist er frei.“ Ersatzhalber zog es Sergej Barbarez zu Felix Sturm und WM-Gürtel in den Ring. Beide haben ihre Wurzeln in Bosnien-Hercegovina. Barbarez sportliche Laufbahn ist abgeschlossen, Sturm noch auf der Suche nach einem Karriereschub. Koji Sato wird eine Episode ohne jeden Nachhalleffekt bleiben. Sollte Sturms gerade erschienenes Buch „Fitness-Boxen mit Felix Sturm“ jemals ins japanische übersetzt werden, sollte Sato zugreifen. Für Sturm war die Schreibarbeit bestimmt eine größere Herausforderung als das, was ihm am Samstag im Ring abverlangt wurde.