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Boxen Der „Hurrikan“ kennt keinen Felix Sturm

01.11.2008 ·  Gelfrisur trifft auf Wikinger: Den Boxer Sebastian Sylvester verbindet mit seinem Gegner Felix Sturm im WM-Kampf eine langgehegte Abneigung. Nicht Talent und Technik sind Sylvesters Stärken, sondern Wille und Härte.

Von Hartmut Scherzer
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Greifswald listet unter drei Dutzend Persönlichkeiten, die in der Universitäts- und Hansestadt in Vorpommern geboren sind, den Schriftsteller Hans Fallada und den Maler Caspar David Friedrich auf, aber auch den Fußballspieler Toni Kroos und den Berufsboxer Sebastian Sylvester.

Unter Sportfreunden ist der 28 Jahre alte Faustkämpfer derzeit wohl der bekannteste unter den 54.000 Einwohnern. Sylvester ist Europameister im Mittelgewicht, und er boxt an diesem Samstag in Oberhausen gegen den Weltmeister Felix Sturm um dessen Titel nach Version der World Boxing Association (WBA).

„Ich habe kein Problem mit seiner Herkunft“

Als „Hassduell“, wie einst die Kämpfe Dariusz Michalczewskis gegen Graciano Rocchigiani, hat die stillose Propaganda den deutsch-deutschen Kampf der so gegensätzlichen Charaktere angeheizt. Felix Sturm kommt daher wie aus einem Männer-Journal, mit schnieker Mode und gegelter Frisur, er posiert mit Waschbrettbauch auf dem Poster, redet gern viel und anmaßend über seinen Gegner. Der Typ sei total uninteressant, „ohne Herz und Hirn“ für das hohe Niveau dieses Sports. Kurz: „Eine Pflaume.“

Sebastian Sylvester, Kampfname „Hurrikan“, wird zudem auch noch gerne Ausländerfeindlichkeit unterstellt, nur weil er den in Leverkusen geborenen Bosnier beharrlich Adnan Catic nennt. „Das wurde wirklich behauptet, ist aber Blödsinn“, sagt Sylvester. „Ich habe kein Problem mit seiner Herkunft.“ Sie kennen sich aus der gemeinsamen Amateurzeit (beide waren 1998 deutscher Meister), in der Sylvester Catic mit dessen Vornamen Adnan ansprach. Den Felix gab es ja noch nicht. „Wenn er als Profi seinen Geburtsnamen ablegt und sich einen Künstlernamen gibt, ist das seine Sache. Aber ich muss ihn deswegen doch nicht auch so ansprechen“, rechtfertigt Sylvester seine Gewohnheit. „Mich ruft man ja auch Sebastian und nicht Herr Hurrikan. Und übrigens: Seine Freunde nennen ihn auch immer noch Adnan.“

Nicht Talent und Technik, sondern Wille und Härte

Sebastian Sylvester ist kein Hätschelkind aus den Boxunternehmen Universum Box-Promotion und Sauerland Event mit lukrativen Verträgen schon vor dem ersten Faustschlag im neuen Metier. Er musste sich anfangs für ein paar Euro durchbeißen und durchboxen. Gleich im ersten Profikampf auf einer Hinterhof-Veranstaltung in Berlin ging der Neuling in der ersten Runde k.o. „Du kannst zu Boden gehen, aber du musst immer einmal mehr aufstehen als runtergehen“: Diese Faustregel hatte ihm schon als Zwölfjährigen sein Trainer Hartmut Schröder eingetrichtert. Der Schüler schwört und hört auch noch heute auf seinen Lehrmeister. „Er hat immer recht“, sagt er.

Schröder sagt über Sylvester: „Ein ruhiger, sehr ehrlicher, bescheidener, verlässlicher Typ. Geradlinigkeit ist seine größte Stärke.“ Auch im Ring. Nicht mit Talent und Technik, sondern mit Willen und Härte hat sich Sylvester hochgekämpft, aus dem clownesken Umfeld seines Boxstalls, der sich nordisch-furchterregend „Wiking Box-Team“ nennt und dessen Mitglieder sich gerne mal als die Wilden aus dem Norden verkleiden und verkaufen. Boss und Manager der Wikinger-Boxer ist Winfried Spiering, eine ehemalige Berliner Rotlicht-Größe.

Auf Castillejo spekuliert, Sylvester bekommen

Ins Rampenlicht schaffte es Sylvester nach einer Serie von 17 Siegen als deutscher Meister für internationale Titelkämpfe. Er blieb weiterhin „Wikinger“, doch Wilfried Sauerland wurde sein Promoter. Der Stallfremde war immer für Ringschlachten gut, wurde Europameister, verlor den Titel durch K.o. gegen den Finnen Amin Asikainen, holte sich den EM-Gürtel durch einen K.-o.-Sieg von seinem Bezwinger zurück. Immer einmal mehr aufstehen als runtergehen. In der letzten seiner insgesamt acht Europameisterschaften schlug Sebastian Sylvester im April in seiner vorpommerschen Heimat, in Neubrandenburg, den Spanier Javier Castillejo ebenso überraschend wie spektakulär in der 12. Runde noch k.o.

Es war ein mittlerer Schock für Universum und Sturm, hatten sie doch fest mit dem Sieg des ehemaligen Weltmeisters gerechnet. Castillejo hatte Sturm mit einem K.-o.-Sieg gedemütigt und dann die Revanche nach Punkten verloren. Nun sollte es zur „Entscheidung“ kommen. Die Europameisterschaft galt gleichzeitig als Endausscheidung für die Weltmeisterschaft. Statt wie erhofft Castillejo war nun Sylvester nach seinem 29. Sieg im 31. Profikampf der offizielle Herausforderer und Sauerland Event der Gegner Universums im Poker um die WBA-Weltmeisterschaft im Mittelgewicht. Klaus-Peter Kohl ersteigerte den Knüller für 2,8 Millionen Dollar. Von diesem Börsenangebot stehen dem Herausforderer 25 Prozent zu, also traumhafte 700 000 Dollar. Mit Fug und Recht kann Familienvater Sebastian Sylvester von sich sagen: Ich habe nichts zu verlieren.

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