27.11.2006 · Verprügelt, verspottet und mit einem gellenden Pfeifkonzert aus der Halle gejagt: Für Axel Schulz wurde die Rückkehr in den Boxring nach siebenjähriger Pause zur peinlichen Vorführung und schmerzhaften Demontage.
Von Hans-Joachim Leyenberg, HalleEs war, als hätte jemand den Stecker rausgezogen. Plötzlich war jegliche Energie dahin. Passiert ist es auf dem schier endlos langen Weg von der Kabine zum Boxring. Er führte Axel Schulz vorbei an Bildern seiner Karriere - mit ihm als Triumphator. Aber da waren auch die Szenen mit ihm als schwer gezeichnetem Verlierer, in den Seilen hängend. Es war der Tunnel der Erinnerungen, den der Boxer, der endgültig nie mehr boxen wird, eine gute halbe Stunde später zurückgehen mußte.
Als Verlierer durch Technischen K.o. in der sechsten Runde gegen den Amerikaner Brian Minto, ein ziemlich unbeschriebenes Blatt in der Schwergewichtsszene. Nur ansatzweise hatte Axel Schulz den 12.000 Zuschauern im Gerry-Weber-Stadion schildern können, um Luft und Fassung ringend, was ihm da vor aller Augen widerfahren war.
Kreidebleich, mit hängenden Schultern
Seine Rückkehr in den Ring nach sieben Jahren der Abstinenz sollte „das Comeback des Jahres“ werden. Entsprechend hatte der übertragende Fernsehsender RTL sein Event inszeniert. Großrahmig, mit allen Attributen eines WM-Kampfes. Der innere Zirkel rund um den Ring wurde wie einst zum Laufsteg der Promis oder derer, die sich dafür halten oder gehalten werden. Doch mit dem Unterhaltungsteil war es schlagartig vorbei, als Axel Schulz am Tatort erschien. Kreidebleich, mit hängenden Schultern, schwer atmend, keine Sekunde Herr der Lage.
Peinliche Vorführung im Boxring: Axel Schulz verpatzt Comeback
„In der Kabine ging es mir noch super“, sagte er rückblickend, aber als er die Halle erreichte, erfaßte ihn ein Gefühl, als stünde er vor einer Wand. „Es hat mich erschlagen, dich erdrückt die Atmosphäre.“ Nachher glaubten die Leute in seiner engsten Umgebung, ihren Axel nicht wiedererkannt zu haben. Er habe nichts von dem abgerufen, was er im Training gezeigt hatte. Hätte er das nur umgesetzt, wäre dieser Minto ohne Chance geblieben. Hätte.
Von der Realität eiskalt erwischt
„Wettkampf ist Wettkampf“ lautet eine Erfahrung, die nicht neu ist für Axel Schulz. Immer wieder hat man ihn im Laufe seiner Karriere blockiert gesehen, wie paralysiert, sobald es galt. Aber Halle sollte ja den neuen Axel Schulz erleben, um sieben Jahre abgeklärter - vor allem aber einen Mann, den es noch mal in den Fäusten juckt, der es wissen will. Doch dann hat ihn die Realität eiskalt erwischt. „Da oben ist die Wahrheit, da drin ist eine andere Welt“, sagte Ulli Wegner als Beobachter am Ring. Er ist der Senior unter den Meistertrainern hierzulande, hat Champions wie Sven Ottke, Markus Beyer und Arthur Abraham geformt und weiß, wovon er spricht.
Prompt hat es in der Nacht zum Sonntag nicht an Stimmen gefehlt, die dem Schulz-Clan vorhalten, für die „Nacht der Antworten“ einen zu starken Gegner auserkoren zu haben. „Es wäre eine Art von Selbstbetrug gewesen. Wirtschaftlich war die Entscheidung pro Minto keine kluge Entscheidung, ich trage sie mit Stolz“, begegnete Wolfram Köhler Spekulationen, ein leichterer Gegner hätte Schulz die Anfangshöhe überspringen lassen.
Gellendes Pfeifkonzert
Köhler ist der langjährige Freund und Manager des Sympathikus. Er saß mit versteinerter Miene in der Ecke des Rings, von der aus das Handtuch zum Zeichen der Aufgabe geflogen kam. Zeitgleich beendete der Ringrichter die Prügelstrafe durch sein Signal zum Abbruch. Das Idol mußte sich ein gellendes Pfeifkonzert anhören. „Ich als Zuschauer hätte auch mehr von mir erwartet“, gestand Schulz nach der schmerzhaften Fehleinschätzung. „Ich kann's nicht mehr“, lautete das halblaute Eingeständnis an einem Abend, der im Ring so aussah, als erlebte man die Fortsetzung jener Septembernacht in Köln.
Damals, 1999, hatte Wladimir Klitschko den Mann aus Frankfurt an der Oder in einer Weise demontiert, daß dieser befand, nichts mehr in diesem Beruf zu suchen zu haben. Diesmal saß Wladimir Klitschko als interessierter Beobachter am Ring, rang um jede Formulierung, um ja nicht des Nachschlagens bezichtigt zu werden, und fand an Positivem nur den Mut, es probiert zu haben. Bruder Witali hätte schon in Runde fünf das Handtuch geworfen, „weil er aussah wie ein Sandsack und die Schläge nicht mehr gesehen hat“.
Nichts funktionierte
Nichts funktionierte im Koordinatensystem des Axel Schulz. Wie hatte doch sein Trainer Rick Conti vorab gesagt: „Der Kopf ist alles im Boxen.“ Schulz hat den Satz in den Tagen vor dem Kampf variiert: „Entscheidend ist, daß der Kopf mitspielt.“ Zwischen Fiebern und Zittern hat er sich einen Freudschen Versprecher geleistet, der alles vorwegnahm von dem, was sich später im Ring abspielte: „Ich zittre dem Kampf entgegen.“
In seiner unverblümten Art hatte Kollege Graciano Rocchigiani „nischt“ von diesem Kampf erwartet und wurde bestätigt: „Das war so schlecht, daß ich die Augen schließen mußte.“ Vor dem ersten Gong waren viele noch zum Scherzen aufgelegt, signalisierte Dariusz Michalczewski sein Comeback für den Fall, daß man ihm einen „schlagbaren Gegner“ vorsetze und ihn dafür mit zehn Millionen Euro honoriere. Da wurde noch herzlich gelacht, war Preisboxen pure Unterhaltung, Showgeschäft halt.
Aber mit der leichten, seichten Muse ist es spätestens im Ring vorbei. Und schon ging er Blick voraus auf den 31. März im kommenden Frühjahr, wenn Henry Maske sein Comeback gibt: nach zehn Jahren, in denen er unweigerlich Ring-Rost angesetzt hat, gegen Virgil Hill, als Weltmeister Weltklasse verkörpernd. „Henry hat mehr zu verlieren als Axel“, so legte sich Ulli Wegner fest. Noch mehr? Selbst er, der Gentleman im Ring, wird die Schwerkraft nicht außer Kraft setzten können, die da lautet: Da oben ist eine andere Welt.