Home
http://www.faz.net/-gub-13zqi
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Boxen Arthur Abraham will endlich berühmt werden

 ·  Sechs Boxgrößen aus vier Ländern ermitteln in einem fürs Profiboxen ungewöhnlichen Turnierformat den Weltmeister im Supermittelgewicht. Arthur Abraham darf dafür beim „Super Six World Boxing Classic“ zum Anfang noch zuhause kämpfen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Jetzt, da Arthur Abraham kein Weltmeister mehr ist, kann er zum besten Boxer der Welt aufsteigen. Jetzt, da er keinen Titel mehr hat, kann er zu Weltruhm gelangen. Es gehört zu den seltsamen und oftmals schwer vermittelbaren Gesetzmäßigkeiten der Faustkampfbranche, dass der Weltmeister nicht automatisch der Beste und oftmals außerhalb seiner Landesgrenzen kaum bekannt ist. Wenn der gebürtige Armenier Abraham am kommenden Samstag in seiner Wahlheimat Berlin gegen Jermain Taylor aus den Vereinigten Staaten in den Ring steigt, kann er den ersten Schritt tun hin zu Länder und Kontinente übergreifender Popularität.

Folgen weitere, wäre er der erste deutsche Boxer von internationalem Format seit Max Schmeling. Die beiden früheren Weltmeister Abraham und Taylor eröffnen in der O2 World im Osten der Hauptstadt das Turnier „Super Six World Boxing Classic“ mit sechs Boxgrößen aus vier Ländern - mindestens vier Siege sind nötig, um aus „King Arthur“, so sein plakativer Kampfname, tatsächlich den Regenten im Supermittelgewicht zu machen.

Mit dem Dänen Mikkel Kessler und dem Engländer Carl Froch sind die beiden stärksten Weltmeister der Gewichtsklasse beim rund 50 Millionen Dollar schweren Turnier des amerikanischen Bezahlsenders „Showtime“ mit von der Partie. Der Rumäne Lucian Bute, IBF-Weltmeister, fehlt ebenso wie der deutsche WBO-Titelträger Robert Stieglitz aus Magdeburg. „Um als Boxer anerkannt zu werden, muss man in Amerika von den Fans geliebt werden. Und da kommt das Turnier genau zur rechten Zeit“, sagt Abraham. „Ich möchte die großen Kämpfe in Las Vegas und New York machen.“

Risiko Ausland

Abraham pokert hoch. Im Juli legte er seinen IBF-Titel im Mittelgewicht nach fast vier Jahren als ungeschlagener Champion nieder, weil er das Gewichtslimit von 72,5 Kilogramm nur noch mit Mühe bringen konnte, aber auch, um den Vergleich mit den Besten eine Klasse höher zu suchen. Er hätte seinen Gürtel weiter gegen handverlesene Gegner verteidigen können - mit geringem Risiko und erklecklichem Ertrag.

So wie es vor ihm schon Henry Maske, Sven Ottke und Markus Beyer, seine Vorgänger als Weltmeister im Stall von Promoter Wilfried Sauerland, taten. Sie kämpften fast ausschließlich auf heimischem Terrain, wo ihnen im Zweifelsfalle die Punktrichter gewogen waren - alle drei machten von der freundlichen Hilfe Gebrauch. Mit Abraham wählte Sauerland einen anderen Weg. Im Juni 2008 ließ er ihn in Hollywood, Florida, gegen den Kolumbianer Edison Miranda antreten. Gegen ebenjenen Miranda, der Abraham fast zwei Jahre zuvor in Wetzlar den Kiefer gleich doppelt gebrochen hatte. Abraham gewann die Revanche durch K.o. in der vierten Runde. Im Verlaufe des Turniers wird er nun wohl mehrfach im Ausland kämpfen müssen. Abrahams Manager werden schon wissen, was sie tun - mit ihm können sie es sich ja erlauben.

Die bemerkenswerte Erfolgsgeschichte

Der 29 Jahre alte Abraham ist in vielerlei Hinsicht das Gegenstück zu seinen Vorgängern als Weltmeister. Er war kein hochdekorierter Amateurboxer, der sich die Angebote, ins Profilager zu wechseln, aussuchen konnte. Keiner, der die Kaderschmiede der DDR durchlief, keiner, der systematisch an die Spitze geführt wurde. Er ist ein Junge von der Straße, der vor der Armut in seinem Heimatland nach Deutschland floh. Als Avetik Abrahamyan kam er einst zusammen mit seinem Bruder Alexander, heute ebenfalls ungeschlagen als Berufsboxer, von Eriwan nach Bamberg. Dort wurde er bayerischer Meister auf dem Rennrad und internationaler deutscher Meister mit den Fäusten. Abraham trainierte bei Lothar Kannenberg, einem früheren Boxer, der heute auf einem alten Bauernhof bei Kassel eine Art Bootcamp für straffällig gewordene Jugendliche leitet. Der ließ seine Kontakte spielen und schickte Abraham zum Sparring zu Trainer Ulli Wegner, der schon Ottke und Beyer zu Weltmeistern gemacht hatte.

Mit seinem ganzen Besitz, einer Plastiktüte mit Wäsche, stand Abraham eines Tages in Wegners Gym und bewährte sich beim Trainingskampf mit Weltmeister Ottke. Der Rest ist Geschichte - die Erfolgsgeschichte des Boxers Arthur Abraham. Dieser Name ist als Künstlername in seinem deutschen Pass eingetragen. Um seine künstlerischen Fähigkeiten zu demonstrieren, musste der Boxer auf dem Amt in Berlin ein Bild malen - er zeichnete den Berg Ararat, der über Eriwan thront. In seiner Heimat ist Abraham ein Volksheld, im Süden Berlins bewohnt er eine frühere Bankiersvilla. Er ist ein gemachter Mann.

Am Ende gibt es nur einen König

Aber seinen Biss, seinen Hunger auf Erfolge, will er sich bewahrt haben. Ebenso wie der zwei Jahre ältere Taylor aus Little Rock im Bundesstaat Arkansas. „Er ist eine lebende Legende“, sagt Abraham. Der frühere Weltmeister im Mittelgewicht und Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele 2000 (in Sydney besiegte er auf dem Weg ins Halbfinale den heutigen Profiweltmeister Felix Sturm aus Deutschland) hat drei seiner letzten vier Kämpfe verloren: einmal gegen Weltmeister Froch, als er nach Punkten in Führung liegend in der letzten Runde aus dem Kampf genommen wurde; zweimal gegen den Mittelgewichtskönig Kelly Pavlik.

„Ich habe im Boxsport alles erreicht, was man erreichen kann. Aber ich bin noch nicht bereit, abzutreten. Ich will dieses Turnier gewinnen. Um Geld geht es mir nicht mehr“, sagt der Amerikaner. „Taylor hat noch nie mit einem Boxer im Ring gestanden, der so hart schlägt wie Arthur“, sagt Trainer Wegner. „Ich bedaure ihn.“ Am Ende des Turniers, das sich den Gesetzen des Berufsboxens widersetzt, wird es nur einen König im Supermittelgewicht geben. Aber ob das auch King Arthur sein wird?

„Super Six“: Drei Europäer gegen drei Amerikaner

Das Turnier „Super Six World Boxing Classic“ startet am 17. Oktober in Berlin mit dem Duell des in 30 Kämpfen ungeschlagenen Arthur Abraham (Berlin/Foto) gegen Jermain Taylor aus den Vereinigten Staaten (32 Kämpfe, 28 Siege). Am selben Abend treffen in Nottingham WBC-Weltmeister Carl Froch (England) und der Amerikaner Andre Dirrell aufeinander. Beide sind noch ungeschlagen. Am 21. November boxt der in 43 Kämpfen einmal besiegte WBA-Weltmeister Mikkel Kessler (Dänemark) in Oakland, Kalifornien, gegen den ungeschlagenen Amerikaner Andre Ward.

Der Modus sieht vor, dass die drei Europäer zu Beginn gegen jeden der drei Amerikaner antreten. Für einen K.o.-Sieg gibt es drei Punkte, für einen Punktsieg zwei Zähler, für ein Unentschieden einen Punkt. Nach den ersten drei Kämpfen scheiden die beiden Boxer mit den wenigsten Punkten aus. Die vier punktbesten Athleten boxen in einem Halbfinale die Teilnehmer für den Endkampf aus, der im Mai oder Juni 2011 stattfinden soll. (aley.)

  Weitersagen Kommentieren (0) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Boxen Drei Männer im Ring

Shannon Briggs bricht die Routine vor dem Kampf zwischen Wladimir Klitschko und Alex Leapai am Samstag. Der frühere Weltmeister stört die Pressekonferenz und fängt sich fast eine. Mehr

22.04.2014, 17:38 Uhr | Sport
48 Jahre unschuldig in Isolationshaft Gebrochen in der Todeszelle

Fast 48 Jahre saß der Japaner Iwao Hakamada unschuldig im Gefängnis – aber sein Leiden hat noch immer kein Ende. Allen Gegenbeweisen zum Trotz hält die Staatsanwaltschaft am damaligen Urteil fest. Mehr

11.04.2014, 06:21 Uhr | Gesellschaft
Kommentar zu den Unruhen in Brasilien Arroganz und Wirklichkeit

Der Tote bei einem Protestmarsch in Rio de Janeiro belegt: Die Fifa, die während der WM am Ort des Protestes an der Copacabana im besten Hotel residiert, hat noch immer keinen richtigen Umgang mit den Problemen im Gastgeberland. Mehr

23.04.2014, 17:40 Uhr | Sport

17.10.2009, 15:53 Uhr

Weitersagen

Arroganz und Wirklichkeit

Von Michael Ashelm

Der Tote bei einem Protestmarsch in Rio de Janeiro belegt: Die Fifa, die während der WM am Ort des Protestes an der Copacabana im besten Hotel residiert, hat noch immer keinen richtigen Umgang mit den Problemen im Gastgeberland. Mehr 1 1