18.10.2009 · Der K.o. kam spät - aber er kam: Arthur Abraham besiegte zum Start des Turniers der sechs weltbesten Supermittelgewichtler Jermain Taylor in der zwölften Runde. Der Amerikaner musste später ins Krankenhaus. Abraham trifft nun auf Andre Dirrell.
Von Arne Leyenberg, BerlinEin zurückhaltender Auftakt, eine klare Wende und ein dramatischer Schlussakt: Arthur Abrahams Debüt auf der großen Bühne folgte einem Drehbuch, das dem Preisboxer auf den Leib geschrieben war. Der Berliner begann bei seinem Einstand im Supermittelgewicht Samstagnacht gewohnt passiv, übernahm die Initiative, als sein Gegner müde wurde, und schlug schließlich gnadenlos zu: lediglich für den bemitleidenswerten Jermain Taylor hätte man sich eine dankbarere Rolle gewünscht. Der frühere Weltmeister wurde kurz vor Schluss von einer gewaltigen Rechten Abrahams gefällt und ausgezählt - zu einem dramaturgisch unerhörten Zeitpunkt: sechs Sekunden vor dem Kampfende.
Ein schmerzhaftes Déjà-vu-Erlebnis, das sich für den 31 Jahre alten Amerikaner zu einem Trauma auswachsen könnte. Schon im April war Taylor nur Sekunden vor Schluss im Kampf mit dem Engländer Carl Froch schwer getroffen aus dem Kampf genommen worden. Damals lag er zudem nach Punkten uneinholbar in Führung. Aussichtslos dagegen war seine Lage im Duell mit Abraham, dem Auftakt des 50 Millionen Dollar schweren Turniers „Super Six World Boxing Classic“ des amerikanischen Bezahlsenders „Showtime“, in dem in zwölf Kämpfen über einen Zeitraum von zwei Jahren der beste Supermittelgewichtler der Welt ermittelt wird.
Der Punktevorsprung des 29 Jahre alten Deutschen war derart komfortabel, dass niemand, vor allem nicht Taylor, noch mit dem K.o.-Schlag rechnete. „Wenn man den K.o. nicht will, dann kommt er. Man kann ihn nicht zwingen“, sagte Abraham in der Stunde seines größten Sieges vor 14.000 Zuschauern in der ausverkauften Berliner O2 World. Taylor musste als Folge der schweren Gehirnerschütterung, die er sich vermutlich beim Aufprall auf den Ringboden zugezogen hatte, seine Heimreise auf Anraten der Ärzte verschieben. Er wird noch einige Tage zur Beobachtung im Krankenhaus zubringen.
Motto: Nur Geduld, meine Stunde schlägt noch
Mit herabhängender Deckung war der gebürtige Armenier die letzte Runde in der Gewissheit eines deutlichen Punktsieges angegangen - lässig wie ein Champion, der sich seiner ganzen Stärke bewusst ist. „Er war richtig locker“, sagte sein Trainer Ulli Wegner. Die Handschrift des strengen Lehrmeisters war schon in der neunten Runde auszumachen. Taylor wirkte angeschlagen nach einem rechten Konter Abrahams, der zwar nachsetzte, aber nicht bedingungslos. Als er merkte, dass Taylor sich dank seiner ganzen Erfahrung aus dieser Situation retten konnte, ließ er von seinem Gegner ab. Nach dem Motto: nur Geduld, meine Stunde schlägt noch.
„Arthur ist unheimlich schlau geworden“, lobte Wegner. Der einst ungestüme Offensivboxer der Abteilung Attacke hat sich in einen gewieften Taktiker im Ring verwandelt. Taylor hatte die Anfangsrunden dominiert, dann übernahm der Deutsche. Der Puncher Abraham boxte den Techniker Taylor aus.
Am 23. Januar folgt der nächste Kampf
„Arthur hat ohne großen Substanzverlust gewonnen“, freute sich Manager Wilfried Sauerland. Denn das Turnier stellt neue Anforderungen an seinen Boxer. Nur zwei Wochen Urlaub sind dem mittlerweile in 31 Kämpfen ungeschlagenen Abraham nun bis zum Beginn der nächsten Kampfvorbereitung vergönnt. Am 23. Januar trifft er im zweiten Kampf der Vorrunde in den Vereinigten Staaten auf den Amerikaner Andre Dirrell, der Samstagnacht in Nottingham WBC-Weltmeister Froch umstritten mit 1:2-Punktrichterstimmen unterlag. Im Juni dann soll es im Fußballstadion von Nottingham Forest zum Aufeinandertreffen Abrahams mit Froch kommen.
Erst im Halbfinale oder im Endkampf könnte sich der Berliner mit dem Dänen Mikkel Kessler messen. Der saß am Samstag schon am Ring, um sich zwei seiner Konkurrenten aus der Nähe anzuschauen. „Arthur hat einen großartigen Job gemacht“, sagte Kessler nach dem beeindruckenden Turnierauftakt seines Stallgefährten. „Aber ich habe keine Angst vor ihm.“ Kessler gibt erst am 21. November in Oakland in Kalifornien gegen den ungeschlagenen Andre Ward seinen Einstand.
Ward ist auch für Taylor die personifizierte Hoffnung. Der Olympiasieger von Athen ist nicht gerade als harter Schläger bekannt - vielleicht genau der richtige also, um sich nach vier Niederlagen in den letzten fünf Kämpfen wieder zurückzukämpfen. Taylor und Ward treffen in Runde zwei aufeinander. „Arthur hat mich kalt erwischt. Ich werde mir den Kampf genau anschauen, es geht weiter“, sagte Taylor und verschwand mit Gehirnerschütterung zur Beobachtung ins Krankenhaus.
K.o.-Bonuspunkt für die Turnierwertung
Im Juli hatte Abraham seinen IBF-Titel im Mittelgewicht niedergelegt, um sich mit den Branchengrößen eine Gewichtsklasse höher zu messen. Mit 76,2 Kilogramm darf der einstige Hungerkünstler, der in den letzten vier Wochen vor einem Kampf bisher neun Kilogramm abkochen musste, nun vier Kilo mehr auf die Waage bringen. „Das ist eine unglaubliche Erleichterung“, sagte er.
Mit dem Sieg über Taylor sicherte er sich die ersten zwei Punkte in diesem Turnier, dazu einen Bonuspunkt für den Knock-out. „Jetzt haben wir eine gute Ausgangsposition“, sagte Wegner. Abraham will sich im Falle des Turniersieges mit einem Ferrari belohnen. Der steht zwar schon in der Garage seiner Berliner Villa, aber Abraham betont: „Ich bin ihn noch nicht gefahren.“