04.01.2009 · Regina Halmich hat das Frauenboxen in Deutschland hoffähig gemacht. Zwischen 1995 und 2007 war sie ungeschlagene Weltmeisterin. Im FAZ.NET-Interview spricht die Box-Pionierin über rückständige Machos und die späte Anerkennung.
Regina Halmich hat das Frauenboxen in Deutschland hoffähig gemacht. Zwischen 1995 und 2007 war sie ungeschlagene Fliegengewichts-Weltmeisterin des Weltverbandes WIBF. Am 30. November 2007 beendete sie in Karlsruhe mit einem Sieg gegen die Israelin Hagar Shmoulefeld Finer ihre Karriere. Die Fernsehquote war enorm: 8,80 Millionen Zuschauer sahen zu. (siehe: Boxen: Regina Halmichs ganzvoller Abschied und Regina Halmich beendet Karriere: Die Eltern konnten sie nie kämpfen sehen )
Heute moderiert die 32-Jährige verschiedene Veranstaltungen und engagiert sich im Namen von Terres des Hommes für Straßenkinder in Deutschland. Doch Regina Halmich würde gerne in eine andere Männerdomäne einbrechen: Sie will im Fernsehen Boxkämpfe kommentieren.
Im FAZ.NET-Interview spricht die Box-Pionierin über rückständige Machos und die späte Anerkennung.
Für Pro Sieben sitzen Sie neben Matthias Preuß am Ring und kommentieren gemeinsam mit ihm die Kampfabende der „ProSieben Fight Night“. Wie lange dauert es noch, bis man einer Frau vom Fach das Mikro ohne flankierenden Mann überlässt?
Ich kann mir vorstellen, dass so etwas noch kommen wird. Bei uns dauert das halt ein bisschen länger. Ich hab es immerhin schon zur Co-Kommentatorin geschafft und taste mich da vorwärts.
Gibt es ähnlich wie in Ihren Anfangsjahren gegen Sie als Boxerin auch grundsätzliche Vorbehalte gegen Reporterinnen am Boxring?
Natürlich ist man da als Frau nicht so gestellt wie als Mann. Auch wenn ich sehr viel erreicht habe und das Gefühl habe, von meinen männlichen Kollegen akzeptiert zu werden. Weil die wissen, wer ich bin und ich auch Ahnung habe von der Materie. Aber natürlich ist es nach wie vor schwierig, sich in so einer Männerdomäne zu behaupten. Boxen ist halt meine Leidenschaft, deswegen mach ich das auch.
Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich im Ring durch die Männerwelt anerkannt fühlten?
Zu lange. Es gingen acht, neun Jahre ins Land, ehe ich das Gefühl hatte, jetzt wirklich was bewegt zu haben.
Hatten Sie zwischenzeitlich das Gefühl, ich renne gegen eine Wand?
Manchmal schon. Das waren halt keine Schritte, das war Millimeterarbeit. Es hat sich ganz langsam nach vorne bewegt, und es ging auch mal einen Schritt zurück, wenn man mal nicht so überzeugt hat im Ring.
Aber dann kam der Show-Kampf gegen Stefan Raab, damit war ja wohl der Beweis für Ihre Schlagfertigkeit erbracht?
Sagen wir mal so, es war zumindest der mediale Durchbruch.
Ihre Stallkameraden haben Sie in Ihrer Frühzeit eher belächelt als bewundert. Hatten Sie es, mit Ihren Augen betrachtet, mit rückständigen Machos zu tun?
Rückständig? Da könnte ich viele aufzählen. Der, der eigentlich am meisten bereit war, sich darauf einzulassen und auch bereit war, seine Meinung in Bezug auf das Frauenboxen zu ändern, war Promoter Klaus-Peter Kohl. Als ehemaliger Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer hatte er noch das Frauenboxen verboten, heute ist er sein größter Förderer. Das zeigt, dass man auch mit der Zeit gehen kann. Er hat seine Meinung geändert, ein Umdenken hat stattgefunden. Menschen, die sich darauf einlassen, die mag ich einfach.
Wer hat Ihnen am striktesten vom Berufswunsch Profiboxen abgeraten? Die Eltern?
Ihre Begeisterung hielt sich in Grenzen. Meine Eltern haben nicht wirklich nein gesagt. Die Kombination Frau und Profiboxen war 1995 befremdlich: für den Herrn Papa, die Frau Mama und mein Umfeld. Strikt abgelehnt hat es im Prinzip die Medienwelt. Zu mir persönlich sind die Menschen nicht gekommen, ich hab's dann immer nur gelesen.
Und mittlerweile registrieren Sie eine hundertprozentige Kehrtwende?
Die Medienwelt ist mir inzwischen sehr zugetan. Was sie am Anfang an Mist gebaut hat, hat sie zum Schluss auch wieder gutgemacht und mich mit Lorbeer eingedeckt.
Sagten Sie Mist?
Na ja, am Anfang haben sie mir keine Chance gegeben, ich war schon abgeurteilt, bevor ich überhaupt mal im Ring stand. Allein die Idee zu haben, dass man boxen könnte, war damals schon fatal, frech und unerhört. Ein Mädchen oder eine junge Frau hatte sich so etwas nicht zu wünschen. Das galt als abartig.
Somit kamen Sie sich als Eindringling in eine Männerwelt vor, und die hat es sie fühlen lassen?
Und wie! Das hab ich am eigenen Leib jahrelang erfahren. Es fing ja schon damit an, dass es im Gym nur Herrenduschen gab.
Wie haben Sie sich dann aus der Affäre gezogen?
Ich durfte entweder vorher oder nachher duschen. So einfach war das, ohne zu komplizieren. Man muss in so einer harten Männerwelt einfach zeigen, dass man sich für nichts zu schade ist, indem man ganz klein unten anfängt. Man darf eben nicht zimperlich sein.
Gab es den Moment, in dem Sie am liebsten das Handtuch zum Zeichen der Aufgabe geworfen hätten?
Natürlich, manchmal saß man in seinem stillen Kämmerlein und fragte sich, wie lange dauert es noch. Aber dann meldete sich der kleine Mann im Ohr und sagte: Komm, Regina, mach weiter! Das Wollen, das Beweisen-Wollen war stärker als die Resignation.
Geben Sie mir recht, wenn ich die These vertrete, dass Frauen im Boxring eher über- als untermotiviert sind?
Ja, weil sie glauben, etwas beweisen zu müssen. Darum kämpfen sie beherzter als Männer.
Boxen bekommt nicht gerade der Optik. Ihre Nase hat gelitten!
Das ist bei Männern nicht anders. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Unter den klassischen Waffen einer Frau wird nicht die Faust verstanden.
Aber die Dellen auf dem Nasenrücken lassen sich nicht einmal von der Maskenbildnerin wegschminken. Wenn ein Sven Ottke sich das Riechorgan richten lassen will, wären Sie doch in bester Gesellschaft wenn Sie dem Beispiel Ihres Karlsruher Kollegen folgten?
Ich würde meine Nase auch richten lassen, aber ich bin ehrlich: Ich hatte noch keine Zeit dafür. Das dauert ein, zwei Wochen, bis die blauen Flecken weg wären, und dafür bräuchte ich Urlaub, für den ich noch keine Zeit gefunden habe. Nach meinem letzten Kampf habe ich mir vorgenommen, am Ball zu bleiben, ich wollte den Anschluss nicht verpassen - also ein Jahr ohne Urlaub. Ich will es so, es ist schön, ich jammere nicht.
Haben Sie sich, zumal in den harten Pionierjahren, gesagt: Man müsste Mann sein?
Na klar. Da habe ich immer gedacht, dann hätte ich jetzt Millionen auf dem Konto.
Davon bin ich nach all den harten Jahren aber ausgegangen.
Sagen wir mal so: Ich habe gut verdient.
Und wann lassen Sie sich von der Comeback-Welle betagter Profiboxer mitreißen?
Definitiv nie, ich weiß, was ich kann. Und ich weiß, was ich will.
(siehe auch: FAZ.NET-Spezial Heldinnen in Männerdomänen: Frauen, die sich was trauen)
Kleiner Zusatz
Peter Schwaderer (Einbauschrank)
- 03.01.2009, 13:00 Uhr
Nein, Frau Halmich
Karsten Schramm (KarstenSchramm)
- 03.01.2009, 18:01 Uhr
Ne, sicher keine Millionen
Frank Eckstein (IstDasEuerErnst)
- 04.01.2009, 18:50 Uhr