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Box-Kommentar Geld, Macht und Prügel

20.02.2012 ·  Wessen Vorbild ist schon noch ein Berufsboxer? Dafür hat sich der Sport schon viel zu lange viel zu viel geleistet. Die Schlägerei nach dem Klitschko-Kampf zwischen Dereck Chisora und David Haye ist dabei nur ein Kapitel.

Von Peter Heß, München
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© dapd Kein Kind von Traurigkeit: Dereck Chisora sprach Morddrohungen gegen David Haye aus

Wäre das Profiboxen ein ernstzunehmender Sport, würden David Haye und Dereck Chisora für mindestens ein Jahr gesperrt werden, wenn nicht gar lebenslang. Ist es aber nicht. Und deshalb kann die weitere Abwicklung des bisher einmaligen Vorfalles ein Gradmesser dafür sein, wie tief dieser Sport schon gesunken ist.

Tiefer geht es gar nicht mehr, mag man nach den Ereignissen des frühen Sonntagmorgen meinen, als sich die beiden englischen Weltklasseboxer nach Chisoras Punktniederlage im WM-Kampf gegen Witali Klitschko auf der Pressekonferenz prügelten. Haye, der an diesem Abend als Fernsehexperte unterwegs war, hatte provoziert und als erster zugeschlagen, Chisora trug ebenfalls zur Eskalation bei und sprach am Ende mehrmals Morddrohungen gegen seinen Kollegen aus.

Bis dahin war dergleichen nur aus dem Profi-Wrestling bekannt, wo die Helden abseits des Rings ihre Auseinandersetzungen fortführen - verbal, manchmal auch handgreiflich. Doch all das ist inszeniert, genauso wie die Schläge und Griffe während der Kämpfe, es werden sogar Drehbuchschreiber beschäftigt.

Die Schlägerei von München war jedoch blutiger Ernst. Wladimir Klitschko sprach von einer Schande für das Boxen, und dass auch Ikonen wie Ali und Schmeling jetzt beschmutzt wären, Millionen Kinder und Erwachsene Fans hätten ihre Vorbilder verloren. Aber wessen Vorbild ist schon noch ein Berufsboxer? Dafür hat sich der Sport schon viel zu lange viel zu viel geleistet.

Allein die Liste der finanziell motivierten Fehlurteile würde diese Seite sprengen. Aber auch unterschlagene Dopingproben, Ringärzte, die wegschauen, wenn Boxer einem wahren Schlaghagel ausgesetzt sind, manipulierte Weltranglisten und getürkte Kampfansetzungen hat dieser Sport schon erleiden müssen.

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© REUTERS Haye schlug zu, Chisora wurde an der Lippe verletzt, Hayes Trainer Adam Booth an der Stirn

Warum? Weil es keine unabhängige moralische Instanz gibt. Die Dachverbände wie WBC, WBA und WBO sind nichts anderes als Firmen, die nur Geld einnehmen, wenn sie Titelkämpfe veranstalten, und je höher diese dotiert sind, desto mehr bleibt für die Firma hängen. In diesem Haifischbecken hat derjenige mehr Macht, der mehr Finanzkraft besitzt, dieses eherne Gesetz lässt sich schon an den Kampfergebnissen ablesen.

Am Montag kündigten alle relevanten Verbände (WBC, deutscher und englischer Verband) Sperren gegen Chisora an. Da Haye offiziell zurückgetreten ist, könnte ihm höchstens bei einem neuerlichen Antrag die Lizenz verweigert werden. Dass die beiden wirklich aus dem Verkehr gezogen werden (oder bleiben), ist aber noch längst nicht ausgemacht. Chisora gilt nach seiner außergewöhnlichen Leistung gegen Witali Klitschko zusammen mit Haye als der interessanteste potentielle Gegner der ukrainischen Boxbrüder.

Sie beide zu sperren, würde alle im Boxgeschäft eine Menge Geld kosten, solange keine anderen Herausforderer mit ähnlichem Renommee auftauchen. Ein mildes Urteil oder ein Gnadenakt aus Geschäftsinteresse ist den Verbänden jederzeit zuzutrauen. Die einzige verlässliche moralische Größe in diesem Geschäft ist die staatliche Justiz.

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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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