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Veröffentlicht: 15.07.2013, 14:43 Uhr

Bodensee-Durchquerung „Wie tausend Nadelstiche auf der Haut“

Christof Wandratsch will den Bodensee ohne Neoprenanzug durchschwimmen. Dafür trainierte er schon im Winter. Im FAZ.NET-Interview spricht er zuvor über den Start in der Nacht, die Gefahren und den „Orca“.

© Michael Rauschendorfer Christof Wandratsch in seinem Element: Ob Ärmelkanal, Straße von Gibraltar oder Bodensee - Hauptsache, in der Natur

Christof Wandratsch hat im Laufe seiner Karriere den Ärmelkanal, den Fehmarnbelt und die Straße von Gibraltar in Rekordzeit durchschwommen. Nun will der 46-Jährige als erster Mensch ohne Pause und schützenden Neoprenanzug den Bodensee längs durchschwimmen. Viele Versuche von anderen Freiwasserschwimmern sind gescheitert, mehrere davon im vergangenen Jahr, einer ist in der Fachwelt umstritten. Der gebürtige Franke ist zweimaliger Europameister im Langstreckenschwimmen und einer der bekanntesten deutschen Freiwasserschwimmer. Bald will Wandratsch die 64 Kilometer lange Strecke zwischen Bodman und Bregenz angehen.

Herr Wandratsch, zuerst der lange Winter, dann der verregnete und kühle Frühling: Es waren keine guten Bedingungen, um sich auf die geplante Bodensee-Durchquerung vorzubereiten.

Es hätte besser sein können. Aber ich habe mich davon nicht großartig beeindrucken lassen. Es hat sich ausgezahlt, dass ich auch im Winter draußen im See geschwommen bin - zweimal pro Woche, selbst bei minus 20 Grad Außen- und zwei Grad Wassertemperatur. Dann halt nur fünf oder zehn Minuten lang.

Und mit einem schützenden Neoprenanzug?

Nein, immer ohne.

Schwimmen in zwei Grad kaltem Wasser - wie fühlt sich das an?

Wie tausend Nadelstiche auf der Haut. Es tut weh. Aber man ist stolz, wenn man es geschafft hat. Ich hatte mir vor dem Winter gesagt, das ziehst du durch. Und ich habe ja auch schon im Herbst damit angefangen. Mein Körper konnte sich Stück für Stück an die sinkenden Wassertemperaturen gewöhnen. Es musste sein. Wenn du so ein Projekt wie die Bodensee-Durchquerung anpacken willst, kannst du nicht erst im April damit anfangen, draußen im See zu schwimmen.

Und wie oft lagen Sie krank im Bett?

Nie, ich war kein einziges Mal erkältet. Es war psychologisch sehr wichtig, den ganzen Winter im See zu schwimmen. Du weißt dann, was wirklich kaltes Wasser ist und freust dich über jeden zusätzlichen Grad, auch wenn es nur elf oder zwölf Grad sind. Erst kürzlich bin ich mit einer Gruppe im Königssee geschwommen, fünf Stunden lang bei 11,5 Grad. Und ich war nicht allein. Ich biete seit diesem Frühjahr Extrem-Schwimmcamps an. Ich zog das Verpflegungsboot. Das war ein gutes Training.

Der Bodensee ist wärmer. Trotzdem haben Sie sich für den Rekordversuch noch nicht in den Bodensee gewagt.

20 Grad muss das Wasser mindestens haben, und das war in den vergangenen Wochen nicht der Fall. Da macht es keinen Sinn, die Bodensee-Durchquerung anzugehen. Der Unterschied zur Körpertemperatur ist bei 20 Grad Wassertemperatur immer noch sehr groß. 64 Kilometer - man ist sehr, sehr lange der Kälte ausgesetzt. Ich rechne mit 20 Stunden von Bodman nach Bregenz. Aber man weiß nie genau, wie sich die Bedingungen entwickeln. Das ist ein bisschen wie beim Bergsteigen. Für kommende Woche sieht es ganz gut aus.

Bruno Dobelmann, wegen seiner 110 Kilogramm Körpergewicht auch „Orca“ genannt, scheiterte im vergangenen Jahr gleich zweimal an der Bodensee-Durchquerung. Sein Manager meinte nach dem ersten missglückten Versuch: „Aus dem Orca ist ein tiefgefrorenes Fischstäbchen geworden.“

Dobelmann hat es damals bei 13 Grad Wassertemperatur versucht. Das macht in meinen Augen keinen Sinn.

Es heißt, Fett ist der Rettungsring der Ärmelkanalschwimmer. Ähnliches gilt wohl auch für den Bodensee.

Ja, Fett schützt vor der Kälte und dient als Energiereservoir. Das zusätzliche Gewicht merkst du im Wasser nicht. Zehn Kilo mehr bedeutet nur, dass man im Wasser 700 Gramm zusätzlich bewegen muss. Als ich 2005 den Ärmelkanal in Rekordzeit durchschwommen habe, hatte ich mir zehn Kilo zusätzlich angefuttert. Jetzt, vor der Bodensee-Durchquerung bin ich 20 Kilo über meinem Normalgewicht.

Karte / Deutschland Schwimmstrecke / Bodensee Die längste Schwimmstrecke im Bodensee beträgt 64 km. © F.A.Z. Bilderstrecke 

Wie schafft man es als Leistungssportler, der täglich beim Training viele Kalorien verbrennt, so extrem zuzunehmen?

Indem man große Mengen Kohlehydrate, vor allem in Form von Nudeln, zu sich nimmt. Ich esse auch sehr viel Süßes. Verglichen mit anderen Sportlern haben wir Freiwasserschwimmer es in diesem Punkt sehr gut.

Dafür quälen Sie sich stundenlang bei eisigen Wassertemperaturen durch Quallensuppen, gegen Strömungen und meterhohe Wellen in dicht befahrenen Seefahrtsstraßen wie dem Ärmelkanal oder der Straße von Gibraltar. Muss man dafür masochistisch veranlagt sein?

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